31.03.1969

DWIGHT D. EISENHOWER

Weil seine Mutter ihm ersparen wollte, wie Tausende anderer Amerikaner "Dave" gerufen zu werden, taufte sie ihren dritten Sohn David Dwight kurzerhand um in Dwight David. Der "Dave" blieb ihm fortan erspart, nicht jedoch ein anderer Kosename: Millionen nannten Dwight David später nur "Ike".
"Ike" -- das stand für den rundgesichtigen, sein Leben lang breit lächelnden Durchschnittsamerikaner Dwight D. Eisenhower, den Optimisten aus der Kansas-Kleinstadt Abilene im Mittleren Westen.
"Ike" -- das stand für den deutschstämmigen West-Point-Absolventen Dwight D. Eisenhower, der als Weltkrieg-II-General den alliierten "Kreuzzug in Europa" anführte, durch den Hitlers Tausendjähriges Reich schon nach einem Jahrdutzend erledigt wurde.
"Ike" -- das stand vor allem für den ersten Nachkriegs-Republikaner im Weißen Haus, für den unversehens zum Staatsmann gewählten Soldaten, der seinem Land Frieden, Ruhe und Prosperität versprach.
Harry 5. Truman, sein Vorgänger, hatte Amerika mit dem griechischen Bürgerkrieg, mit Marshall-Plan und Nato-Gründung belastet. Eisenhower
schwor, die strapazierten Finanzen der Vereinigten Staaten wieder zu sanieren. Truman hatte GIs nach Korea geschickt. Eisenhower gelobte, sie wieder heimzuholen.
Amerikas Wähler, voller Sehnsucht nach einer Vaterfigur im Weißen Haus, gaben ihm 1952 mehr Stimmen als je zuvor einem US-Präsidenten. "Ike" flog nach Korea und beendete den Krieg.
Seinen Landsleuten bescherte Eisenhower, eher Verwalter als Lenker der Nation, Ruhe -- sich selbst auch. Von John Foster Dulles nach außen, vom Holzhändler Sherman Adams nach innen abgeschirmt, wurden "Ike" und "Mamie", seine First Lady, die Symbolfiguren des kleinbürgerlichen, quietistischen Amerika.
Am liebsten las Dwight D. Eisenhower, der von seinen Mitarbeitern nur Schriftliches bis zu einer Seite akzeptierte, Wildwestromane. Oder er ging ins Heimkino des Weißen Hauses, wo Western-Filme für ihn liefen. Oder er angelte, spielte Bridge oder Golf. Oder er war krank.
Mehrmals drohte das Herz des Generalpräsidenten stehenzubleiben, aber stets erholte sich "Ike" auf seiner 23 000-Dollar-Farm in Gettysburg, Pennsylvania. Nur ein Sprachfehler blieb zurück doch "Ike", der sparsame Redner, hatte sich selbst ohnehin nicht als Mann des Wortes, sondern als "Mann der Ideen" gesehen.
Es waren die einfachen Ideen des frommen Amerikaners aus dem Weizengürtel des Mittleren Westens: Der Mensch soll brav, bieder, treu, puritanisch und voller Optimismus sein. Sie wurden von seinem "Kabinett der acht Millionäre und des einen Klempners", wie die Amerikaner "Ikes" Mannschaft tauften, stets so interpretiert und ausgeführt, daß Eisenhowers Amerika von "militärischen Abenteuern fast verschont blieb, &aß überall Ruhe und Selbstzufriedenheit herrschten.
Aber es war eine trügerische Ruhe, sie lullte den General und sein Volk ein, das erst mühsam, in Raten, erwachte, als die Sowjets 1953 ihre erste Wasserstoffbombe detonieren ließen, 1957 ihren "Sputnik" um die Erde schickten und 1960 Amerikas Himmels-Spion, die U-2" über Swerdlowsk abschossen.
Der Friedens-"Geist von Camp David", wo Eisenhower ein Jahr zuvor noch mit Chruschtschow konferiert hatte, wich gegen Ende der Eisenhower-Amtszeit jähem Entsetzen. "Ike", aus seiner Ruhe aufgeschreckt, durch den Krebs-Tod von Dulles seiner stärksten Stütze beraubt, klagte: "Ich bin milde. Es ist widerwärtig. Chruschtschow ekelt mich an."
Auch nachdem Eisenhower 1961 von dem jungen John F. Kennedy abgelöst worden war, blieb er Amerikas beliebtester Amerikaner. Nicht weil er ein großer Präsident gewesen wäre, sondern, weil sich seine Landsleute, neuen Konflikten in Kuba und Fernost konfrontiert, nach der -- trügerischen -- Ruhe und Sicherheit seiner Ära zurücksehnten.
Im Mai 1968 wurde "Ike" nach dem vierten Herzanfall ins Krankenhaus eingeliefert. Es folgten drei weitere Infarkte, eine Darmoperation, eine Lungenentzündung -- Washingtons Walter-Reed-Hospital gab den alten Mann nicht mehr frei.
Als Eisenhower nun, am letzten Freitag, starb, war mit seinem einstigen Vize Richard Nixon erstmals wieder ein Republikaner an der Macht, mit seinem Sohn John, dem neuen US-Botschafter in Brüssel, wieder ein Eisenhower in der Politik. Der 78jährige "Ike" aber war schon Legende, der größte Republikaner nach Abraham Lincoln.

DER SPIEGEL 14/1969
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