17.03.1969

SCHULEN AGNES-MIEGEL-SCHULEGeistige Mutter

Du und wir", so dichtete die Ostpreußin Agnes Miegel einst den Österreicher Adolf Hitler an, "nie mehr zu trennen, stehen ein für unser deutsches Land!"
"Höchste Erfüllung" fand die ledige Dichterin darin, "Dir zu opfern!" und "Dich zu segnen!" "Demütiger Dank" erfüllte sie, "daß ich dieses erlebe, Dir noch dienen kann."
Das schrieb Agnes Miegel vor mehr als einem Vierteljahrhundert. Die meisten Deutschen haben die Frau, die ihren Führer nie sprach und dennoch duzte, längst vergessen oder nie gekannt. Diejenigen, die ihre Werke noch lesen, stammen zumeist aus Ostpreußen und schätzen den Hauch von Haff" der ihren Versen eigen Ist.
Doch jetzt, viereinhalb Jahre nach dem Tode der Heimat- und Hitler-Bewunderin, ereifern sich im niedersächsischen Bad Nenndorf Fürsprecher und Verächter der "Mutter Ostpreußen", wie sie nach "dem Titel eines ihrer gereimten Werke genannt wird. In Nenndorf hatte Agnes Miegel nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Heimat gefunden.
Das Staatsbad" das Touristen mit dem Slogan "Heilsame Ruhe -- Harmonie des Genesens" anlockt, ist in zwei Lager gespalten. Zur Miegel-Partei zählt das Bad-Establishment. Der Postoberschaffner und SPD-Bürgermeister Bernhard Meier, 36, ebenso wie der NPD-Ortschef und Oberregierungsrat Fritjof Berg, 38, der evangelische Pastor Hanns Rüppell ebenso wie der Gemeinderat. Sie alle sind dafür, daß Nenndorfs Gymnasium den Namen der Dichterin trägt. Die Lehrer und Schüler der Oberschule aber weigern sich, künftig in einer Agnes-Miegel-Schule zu lehren und zu lernen.
Um nicht mit den Schülern zu kollidieren, feierten am vorletzten Wochenende 750 ehemalige Ostpreußen und andere Miegel-Fans den 90. Geburtstag der Dichterin in den Wandelhallen des Kurzentrums und nicht -- wie ursprünglich vorgesehen -- in der Aula der Schule.
Die Entscheidung darüber, ob die Nenndorfer Oberschule nach Agnes Miegel heißen wird, fällt in der nächsten Woche: Der Kreistag des Landkreises Grafschaft Schaumburg, der die Miegel-Ehrung mit 29:1 Stimmen beschlossen hat, tagt am kommenden Montag und wird noch einmal darüber beraten.
Die letzte Ehre, um die es jetzt geht, wäre die erste, die der Autorin von 93 Gedichten (bekanntestes: "Abschied von Königsberg"), 68 Balladen ("Die Mär vom Ritter Manuel") und 103 Erzählungen ("Geschichten aus Alt-Preußen") öffentlich zugesagt und dann verweigert würde.
Zeit ihres Lebens fühlte sich die Kleist-, Herder- und Goethe-Preisträgerin "von magischen und mythischen Gewalten" angezogen, wie der rechte Literaturwissenschaftler Gerhard Fricke pries. Stets wußten die Staatsgewalten die Bardin zu schätzen, zumal sie sich anpassen konnte. Erst suchte und fand sie Mythos nur in Ostpreußens Wald und Flur, dann auch in Großdeutschlands "Spaten und Schwert".
Leseprobe aus einer ihrer Hitler-Hymnen:
Neid hat er und Bruderhaß gestillt. Unsre Herzen, hart von Not und Krieg, hat mit seinen glühenden, glaubensvollen Worten er durchpflüg wie Ackerschollen bis ein neuer Frühling aus uns stieg. Solange Hitler ihr Herz noch pflügte, wurde Agnes Miegel viel gelesen und oft geehrt. 1939 erhielt die NS-Frauenschaftlerin, damals 61, das Ehrenzeichen der Hitlerjugend, ein Jahr später trat sie der NSDAP bei.
Nach dem Krieg blieben ihr ihre Leser treu: Die Gesamtauflage Ihres Werkes stieg bis heute auf 600 000 Exemplare. Und sie gewann neuen Ruhm: l954 wurde die Nenndorfer Neubürgerin zur Ehrenbürgerin erklärt.
Als das Gymnasium 40 Jahre alt wurde, schrieb die Dichterin für die Festschrift einen Vorspruch auf die "jungen Eroberer" in den "hellen, lichtdurchfluteten Räumen" und rief sie auf, "Stolz für die Eltern, aber größerer Stolz für die geistige Mutter, die Schule", zu werden.
Seit die Dichterin 1964 gestorben ist" wird in Nenndorf erörtert, ob die dortige Mutter Schule nach der verblichenen Mutter Ostpreußens benannt werden soll. Bislang trägt zwar kein bundesdeutsches Gymnasium, aber immerhin in vier Orten jeweils eine Mittelschule den Namen der Ostpreußin: in Wilhelmshaven, Osnabrück, Duisburg und Düsseldorf. Und in Schiefbahn (Nordrhein -- Westfalen) heißt die Volksschule nach ihr. In diesen Gemeinden hatte es keinen Streit um den Namen gegeben.
Und in Bad Nenndorf hatte Niedersachsens Kultusminister Richard Langeheine erst recht keinen Konflikt erwartet. Er mochte zu dem Vorschlag, das Nenndorfer Gymnasium nach der Nenndorfer Ehrenbürgerin zu nennen, "nicht nein sagen, da die Stadt als zweite Heimat von Agnes Miegel so eine Art Wallfahrtsort geworden ist".
Doch dort erklärte es die "Aktionsgemeinschaft demokratischer Schüler" für "falsch, eine Schule, die der Heranbildung demokratischer Staatsbürger dienen soll, mit einem derartigen Namen zu belasten". Und "Die Schülerschaft des Gymnasiums Bad Nenndorf" forderte im Brief teil der "Schaumburg-Deister-Zeitung" die Abgeordneten des Kreistages auf, "dafür zu sorgen, daß uns nicht ein Name aufgezwungen wird, den wir aus demokratischer Überzeugung ablehnen müssen".
Sie wissen die meisten Lehrer auf ihrer Seite -- so den Studienrat Manfred Stamm, der für den Fall der Namensgebung mit Schul- und Ortswechsel droht: "Als Sohn eines NS-Verfolgten würde Ich unverzüglich ein Versetzungsgesuch einreichen."
Und auch Oberstudienrat Gerhard Ebel, CDU-Mitglied und Oberleutnant der Reserve, wehrt sich: "Als Geschichtslehrer kann ich es nicht verantworten, eine solche Schutzpatronin hinter mir zu haben."
Schulleiter Rudolf Lüth, der einst den Gedanken propagierte, der Schule den Namen zu geben ("Ich verehre Agnes Miegel persönlich sehr"), hat "inzwischen viel dazugelernt".
Heute sieht er die Sache so: "Entscheidend sollte sein, wie Lehrer und Schüler zu dem Namen Ihrer Schule stehen." Wie die Elternvertretung dazu steht, wurde ebenfalls bekannt: Mit 35 zu drei Stimmen votierte sie gegen die potentielle Namenspatronin.
Doch nach wie vor ertönt Miegel-Lob in Nenndorf aus allen politischen Ecken und sogar In der Kirche. SPD-Bürgermeister Meier schrieb und verteilte Flugblätter, um für die Dichterdame zu werben.
Pastor Hanns Rüppell wog die Werte: "Agnes Miegel braucht diese Ehrung nicht, aber Bad Nenndorf versagt sich eine Ehre, wenn es der Schule diesen Namen verweigert." Der Nenndorfer Ortsverband des Bundes der Vertriebenen nannte diese Worte "ein Beispiel dafür, was "Dienst der Kirche an den Vertriebenen" sein kann".
Und der NPD-Funktionär Berg, von Beruf Oberregierungsrat bei der Wasser- und Schiffahrtsdirektion Hannover, schwelgte gar: "Von der Frau ging eine Ausstrahlung aus. Was sie sagte, da war soviel Tiefe drin.

DER SPIEGEL 12/1969
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 12/1969
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHULEN AGNES-MIEGEL-SCHULE:
Geistige Mutter

  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause
  • Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen
  • Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling