03.03.1969

Robert Jungk über Kahn/Wiener: „Ihr werdet es erleben“NACHRICHTEN VON MORGEN

Robert Jungk, 55, Autor des Bestsellers „Die Zukunft hat schon begonnen“, hielt in diesem Wintersemester als Gastdozent an der tU Berlin die erste Vorlesung über „Zukunftsforschung“ an einer deutschen Hochschule. Er ist Kuratoriumsmitglied des „Zentrums Berlin tür Zukunftsforschung“ und Herausgeber der kürzlich bei Desch erschienenen deutschen Ausgabe des Berichts der US-„Kommission für das Jahr 2000“.
Eines läßt sich mit hundertprozentiger Gewißheit Voraussagen: Das Buch von Kahn und Wiener wird in europäischen, ganz besonders aber in deutschen Köpfen, ganz erhebliche Verwirrung anrichten. Dafür sind allerdings die beiden Verfasser und ihre Hilfsarbeiter nicht allein verantwortlich, sondern auch ihr österreichischer Herausgeber, der Titel und Untertitel des Werkes so verändert bat, daß die Leser ihre Lektüre nun unter ganz falschen Voraussetzungen beginnen müssen.
Das Buch wimmelt von sensationellen Details wie: "1975 gibt die ostdeutsche Regierung bekannt, daß sie bereit sei, im Falle einer Anerkennung der Kommunistischen Partei in Westdeutschland die Wiedererrichtung eines beschränkten Mehrparteiensystems in Betracht zu ziehen"; oder: "1980 werden bereits routinemäßig Hotelzimmer, Collegeschlafräume und Büros durch Abhöranlagen überwacht -- manchmal sogar mittels versteckter Fernsehkameras".
Aber das sind nun gerade nicht, wie der "Betreuer" der deutschsprachigen Ausgabe in seinem Untertitel gutgläubigen Käufern verheißt, "Voraussagen der Wissenschaft "bis zum Jahre 2000", sondern lediglich "Vermutungen über die nächsten dreiunddreißig Jahre", wie eine sinngemäße Übersetzung des amerikanischen Original-Untertitels ("A Framework for Speculation on the Next Thirty-Three Years") lauten müßte.
Der ebenfalls im Haus Molden entstandene Haupt-Titel "Ihr werdet es erleben" (Originaltitel: "The Year 2000") muß dieses Mißverständnis noch verstärken.
Die Öffentlichkeit wird die meist naiven, manchmal verwegenen Gedankenexperimente Herman Kahns als Orakelsprüche fehlinterpretieren, so wie sie bereits bei seinen früheren Versuchen, "das Undenkbare zu denken", gewagten Spekulationen über künftige nukleare Konflikte und "absolute Waffen", zu Unrecht zynische Kriegshetze vermutete.
Mag Kahn aber noch so oft betonen, daß seine Voraussagen nur "heuristischen", "propädeutischen" und "paradigmatischen" Charakter trügen, die Öffentlichkeit setzt sich über sein einschränkendes "Vielleicht", über seine Möglichkeitsformen und Konjunktive hinweg und nimmt sein Spielgeld für bare Münze.
Fordert Kahn aber diese Rezeption seiner Arbeiten nicht geradezu heraus? Ist sie nicht -- und ich glaube, er weiß es -- die eigentliche Grundlage seines Welterfolges? Während andere Zukunftsforscher in einer oft hermetischen Sprache Trends und Prozesse der gesellschaftlichen Weiterentwicklung eher abstrakt und theoretisch als konkret und praktisch formulieren, kommt er mit handgreiflichen "Fakten" von morgen.
Bei ihm finden Zukunftsängstliche eine bestürzend große Auswahl an goldenen und schwarzen, rosaroten und blutroten "Ereignissen" möglicher Zukunftshistorie. Sie lesen Schlagzeilen und Nachrichten von morgen ("In Europa und in den Vereinigten Staaten werden Teile der Bevölkerung evakuiert"). Sie erfahren, daß sich ihr jährliches Durchschnittseinkommen innerhalb einer Generation verdoppeln, daß ihre "Lebenserwartung und Lebenskraft vielleicht auf 100 bis 150 Jahre" steigen dürfte, ihre Träume bald "programmiert" werden können und noch Tausende andere saftige Details, die unendlichen Stoff für Kantinengeplauder und Stammtischrunden liefern.
Hätte das alles nur "Unterhaltungswert", diente es lediglich dem Amüsement, dann könnte man Herman Kahn als einen weniger gut lesbaren, doch immerhin recht anregenden "Jules Verne der Jahrtausendwende" hinnehmen.
Aber sein Ehrgeiz geht ja weiter. Er hat mit seinen "Szenarien" über mögliche internationale Entwicklungen versucht, die Regierung seines Landes und deren politische Entscheidungen zu beeinflussen. Das ist ihm nach seinen eigenen Aussagen in den Debatten der "Commission on the Year 2000" auch gelungen, denn dort brüstete er sich:
"Ich habe das beglückende Erlebnis gehabt, der amerikanischen Regierung mindestens drei Richtungswechsel zu verkaufen ... Es ist heutzutage sehr einfach, die Regierung zu beeinflussen."
Kahn ist nämlich in erster Linie nicht ein Verfasser von Zukunftsbüchern, sondern Chef des "Hudson Institute Incorporated", einer unweit von New York in einer ehemaligen Trinkerheilanstalt untergebrachten "Denkfabrik"" die allein von amerikanischer Regierungsseite in den Jahren 1960 bis 1966 Aufträge im Werte von rund fünf Millionen Dollar erhalten hat.
Mindestens einer seiner Auftraggeber, das "Office of Civil Defence", hat sich allerdings als weniger "beeinflußbar" gezeigt. In seinen kürzlich durch den amerikanischen Rechnungshof an die Öffentlichkeit gebrachten -- Urteilen über die Studien des Hudson-Instituts finden sich Kommentare wie: "Der Autor hat ungenügende Kenntnisse über das Themengebiet."
Es wird dort behauptet, einer der Hudson-Reporte sei "oberflächlich und von ungenügendem Wert", ein anderer präsentiere "einseitige Argumente", stütze seine technischen Schlußfolgerungen auf Belege, die nicht angegeben seien, und sündige durch "Sensationalismus". Aus diesen Gründen wurden denn auch manche dieser meist mit sechsstelligen Honoraren finanzierten Arbeiten überhaupt nicht veröffentlicht und verbreitet.
Kahn hat auf diese im Frühjahr 1968 publik gewordene kritische Beurteilung seiner Arbeiten mit einem Argument geantwortet, das seine "statements" verharmlosen und deren praktische Wirkung herabsetzen soll. Er schrieb, das eigentliche Ziel seiner Arbeit bestehe nur darin, "die Phantasie anzuregen
Das ist gewiß eine löbliche Absicht, besonders im Umgang mit bürokratischen Entscheidungs-Instanzen.
Die Frage erhebt sich nur -- auf "höherer Ebene" wie auch beim Leserpublikum -, ob die vorwiegend pragmatisch denkenden, eher an Information durch harte "Fakten" als durch "Möglichkeiten" gewohnten Adressaten von Kahns Studien mit diesen aus Dokumentation und Imagination gemischten "Szenarien" nicht gefährlichen Unfug treiben.
Wenn derartiges mit schnell hergestellten und überbewerteten Projekt-Studien geschieht -- und es geschieht leider nicht nur in den USA -, dann wird die "Futurologie" des Establishments bald einen ebenso schlechten Ruf haben wie die höfische "Astrologie" früherer Zeiten.
Zwischen einem "Realismus", der nur das bereits Sichtbare, das schon Bekannte in seine Rechnungen einbezieht, daher aber dann stets hinter den Entwicklungen herhumpelt, und oberflächlichen "Spekulationen", die allzu unkritisch hingenommen werden könnten, wird der ernsthafte Zukunftsforscher seinen Weg zu gehen versuchen.
Er "prophezeit" nicht aufregende Einzelheiten. Er bemüht sich vielmehr, langfristige Prozesse zu identifizieren und -- wie Professor Daniel Beil von der Columbia-Universität in seiner (hier leider in den Anhang abgeschobenen) "Introduction" betont -- "alternative Zukunftsformen" zu entwerfen, die den Politikern bei der Lösung sich bereits andeutender Zukunftsprobleme "Entscheidungshilfe" leisten könnten.
"Dieses Buch ist keine Lektion in der Wahrsagekunst", so betont Professor Bell, "sondern es ist der Versuch darzulegen, daß wir gezwungen sind, unsere soziale Zukunft selbst zu wählen."
So verstanden, kann das in wohl unvermeidlicher politischer und zeitlicher Abhängigkeit befangene Buch von Herman Kahn und Anthony Wiener trotz aller, ja gerade wegen der Einwände, die es hoffentlich provozieren wird, zu einer wichtigen Anregung werden.

DER SPIEGEL 10/1969
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