03.03.1969

MEDIZIN / HOMOSEXUALITÄTGesteuerte Lust

Zwei Millionen deutsche Männer lieben Männer: Jeder zwanzigste männliche Deutsche gehört zu einer sexuellen Minderheit, die für die Gesellschaft bis heute ein Ärgernis und für die Wissenschaft ein Rätsel geblieben ist.
Nahezu ohne jeden Erfolg haben bislang die Mediziner versucht, den abgeirrten Trieb der Homosexuellen auf übliche Bahnen zurückzulenken. Hormonbehandlungen, Hirnoperationen oder Psychotherapie erwiesen sich kaum als taugliche Mittel, den Geschlechtstrieb gleichsam umzukehren.
Ungelüst blieb zudem die Frage nach dem Ursprung homosexuellen Verhaltens. Während einige Forscher einzig psychische Störungen für den Auslösefaktor hielten, machten andere eher organische Fehler für den gleichgeschlechtlichen Trieb verantwortlich.
Vorletzte Woche berichtete der Hormonforscher Günter Dörner, 39, in der "Deutschen Medizinischen Wochenschrift" über eine Reihe von aufsehenerregenden Tierversuchen, die kaum mehr daran zweifeln lassen, daß Homosexualität durch eine frühzeitige hormonelle Fehlsteuerung ausgelöst werden kann. Damit eröffnet sich erstmals, wie der Endokrinologie-Professor von der Ost-Berliner Humboldt-Universität vorsichtig formulierte, die Aussicht auf eine "hormonale Prophylaxe der angeborenen Homosexualität".
In einigen tausend Tierversuchen gelang es Dörner, Homosexualität bei Tieren durch Eingriffe in den Hormonhaushalt praktisch nach Belieben auszulösen und zu beeinflussen. Den Ursprungsort gleichgeschlechtlicher Neigungen fand Dörner in bestimmten Partien des Zwischenhirns. Zugleich ein männliches und ein weibliches Sexualzentrum konnte Dörner in diesen Hirnbereichen lokalisieren. In jedem Tier liegt mithin die Anlage zu beiden Formen sexuellen Verhaltens.
Wie der Ost-Berliner Forscher herausfand, hängt es allein von der Ausprägung dieser Zwischenhirn-Zentren ab, ob die Versuchstiere ein normales oder gleichgeschlechtliches Sexualgebaren annehmen. Dabei zeigte sich in Test-Serien mit heranwachsenden Ratten, daß die Entwicklung der sexuellen Steuer-Zentren zwei entscheidende Phasen durchläuft.
In der ersten Entwicklungsphase -- bei Ratten kurz nach, beim Menschen mutmaßlich vor dem Geburtszeitpunkt -- wachsen im männlichen Gehirn die Nervenzellen des männlichen Sexualzentrums heran. Der Reifungsprozeß in dieser sogenannten Organisationsphase wird durch männliche Geschlechtshormone (Androgene) vorangetrieben und gesteuert.
Androgene lösen auch die zweite Entwicklungsstufe aus: In der "Aktivierungsperiode" mit Beginn der Pubertät stimulieren die Hormone die Zellen des Sexualzentrums; die Zentrale im Zwischenhirn reagiert nun auf sexuelle Sinnesreize. Dabei aktivieren die Androgene weibliche, aber auch männliche Sexualzentren.
Diese Doppelwirkung, so ermittelte Dörner, kann männliche Homosexualität hervorbringen: Wenn in der frühen Organisationsphase bei männlichen Hatten die Androgen-Zufuhr unterbunden wird, stagniert die Reifung des männlichen Sexualzentrums. Wird den Tieren danach in der Pubertätsphase männliches Geschlechtshormon injiziert, so stimulieren die Androgene das weibliche Sexualzentrum; die Männchen gebärden sich wie Weibchen -- sie sind homosexuell geworden.
Auf ähnliche Weise, so ergaben die Versuche Dörners, entsteht auch weibliche Homosexualität. Bei kastrierten Rattenweibchen, denen während der Organisationsphase Androgene zugeführt wurden, entwickelte sich das männliche Sexualzentrum. In der Pubertätsperiode reagierten die Weibchen auf neuerliche Androgen-Gaben mit eindeutig männlichem Geschlechtsverhalten.
Aus den Ergebnissen der Tierversuche könnten sich auf lange Sicht therapeutische Verfahren herleiten lassen: Durch Hormon-Spritzen noch im Mutterleib etwa könnte die zur Homosexualität führende Fehlsteuerung korrigiert werden. Dies wäre besonders dann angezeigt, wenn in einer Familie homosexuelle Veranlagung häufig beobachtet wurde.
Überdies hält Dörner für denkbar, daß künftig auch erwachsene Homosexuelle noch therapeutisch beeinflußt werden könnten. Bei seinen Tierversuchen ist es dem Forscher gelungen, hormonell bedingte Homosexualität in gegengeschlechtliches Verhalten umzuwandeln -- durch chirurgische Eingriffe und Hormon-Injektionen in die Steuer-Zentren des Zwischenhirns.

DER SPIEGEL 10/1969
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