06.02.2006

Tage des Zorns

Aufruhr bei den Muslimen in aller Welt: Weil europäische Zeitungen Karikaturen über den Propheten Mohammed gedruckt hatten, bezichtigten die Gläubigen den Westen der Gotteslästerung. Botschaften wurden überrannt, Fahnen brannten. Der Zusammenprall der Kulturen eskaliert.
Auf dem Olymp im alten Griechenland lachten die Götter. Sie liebten es kurzweilig, trieben Schabernack, auch Ehebruch, selbst niederträchtige Gefühle waren ihnen nicht fremd. Der Mensch der Antike hatte sie nach seinem Ebenbild geschaffen.
Der eine Gott aber, Jahwe, Allah, der Einzige, lacht nicht. Der Gott der weltumspannenden monotheistischen Religionen mag zürnen, befehlen, lieben oder trösten. Solange das Wesen des Heiligen durch seine göttliche Transzendenz definiert ist, müssen Witz, Humor, Spott, Satire und Ironie den Allmächtigen geradezu herausfordern: Spott entweiht, Ironie ist subversiv - und deshalb Blasphemie.
Nie hörte jemand Mohammed laut lachen, berichten orientalische Geschichtenerzähler. Der Spott über das Göttliche entspringt dem modernen Individualismus der europäischen Aufklärung. Durch seinen Witz, durch Sarkasmus und Ironie macht sich der Mensch Gott ebenbürtig. Deshalb verlangen die wahrhaft Gläubigen die Verbannung der Gotteslästerer aus der Gesellschaft, oft genug auch ihren Tod. Derjenige, der den Namen Gottes missbraucht, begeht die schwerste, ungeheuerlichste Sünde - er macht Gott Konkurrenz.
Die christlichen Kirchen haben den Kampf gegen eine ständig wachsende Gesellschaft von Gotteslästerern längst aufgegeben, seit der moderne Staat Blasphemie nur noch selten verfolgt. Aber die Tabugrenzen sind geblieben, in allen Weltreligionen.
Im Islam allerdings löst der Spott über das Göttliche stets den Furor der Frommen aus. Die Muslime, die sich vom säkularen Westen überrundet und verachtet wähnen, verspottet auch wegen ihrer unabdingbaren Treue zu dem einzigen und wahren Gott, dessen Prophet Mohammed ist, reagieren darauf mit heiligem Hass. Vorige Woche erhob sich die muslimische Welt und drohte einem Westen, der ihren Propheten gelästert hatte.
Provinzieller und hinterwäldlerischer hat eine Weltkrise wohl kaum einmal angefangen: Im hohen Norden, im dänischen Jütland, hatte die Tageszeitung "Jyllands-Posten" im September zwölf Karikaturen über den Propheten Mohammed abgedruckt, durchweg unfreundliche, und das war ärgerlich genug. Dass aber der Prophet Gestalt angenommen hatte, zum Bild geworden war, trotz des strengen islamischen Bilderverbots, das war reine Gotteslästerung.
Örtliche Imame hatten es sofort bemerkt und die Nachricht - erstaunlich gemächlich in Anbetracht einer globalisierten Welt,
die Nachrichten sonst in Ist-Zeit verbreitet - zu den Muslimen getragen. Der Skandal hatte dann ein wenig gebrodelt. Dort, wo der Glaube an Allah am eifersüchtigsten bewahrt wird; in Saudi-Arabien, in Kuweit. Der Sturm schien sich wieder zu legen.
Doch dann, Anfang des Jahres, wurden die Karikaturen in anderen Blättern nachgedruckt. Mehr noch: Auf einmal antworteten den Anklägern, die "Gotteslästerung" riefen, Verteidiger, welche die "Pressefreiheit" schützen wollten, eskalierte ein Konflikt zwischen Gottestreue und Meinungsfreiheit, der binnen Tagen fast die ganze Welt erfasste. Die "Umma", die Gemeinschaft der Gläubigen, stand auf gegen die Ungläubigen, Morgenland gegen Abendland.
Über Europa, das bisher nicht wirklich im Zentrum der kulturellen Verbitterung der Muslime gestanden hatte, brach am vergangenen Freitag der "Internationale Tag des Zorns" herein, den der sunnitische Scheich Jussuf al-Kardawi in Katar ausgerufen hatte. Im islamischen Krisenbogen von Nordafrika über den Nahen Osten bis an den Hindukusch trugen Zehntausende ihre Wut auf die Straße. Überall brannten dänische Fahnen und Fotos von Premierminister Anders Fogh Rasmussen, skandinavische Lebensmittel flogen aus den Regalen arabischer Supermärkte, Pamphlete und Internet-Seiten riefen zu Racheakten an den Zeichnern und Verbreitern der Bilder auf.
Selbst im sonst eher gemäßigten Indonesien, der größten islamischen Nation der Erde, empörte sich der Muslimische Rat über die "westliche Arroganz" und stärkte so antiwestliche Tendenzen. Demonstranten drangen in die Lobby der dänischen Botschaft ein und verwüsteten sie. In Pakistan hatte die Jugendorganisation der Fundamentalistenpartei Jamaat-i-Islami kurzzeitig sogar ein Kopfgeld von je 7000 Euro auf die Karikaturisten ausgesetzt. Die dänische Polizei riet den Künstlern, erst einmal eine Weile unterzutauchen.
Womöglich könnte sogar eine regelrechte Terrorwelle über das kleine Königreich zwischen Nord- und Ostsee hereinbrechen. Die Qaida-nahen "Abu Hafis al-Masri Brigaden" haben Kopenhagen als Vergeltung für die Beleidigung des Propheten bereits einen "blutigen Krieg" angedroht. Und im Irak gerieten durch den Bilder-Streit die 540 dänischen Soldaten ins Visier von Terroristen.
Westliche Geheimdienste sehen in der Welle der Empörung schon eine "gefährliche Entwicklung". Sowohl deutsche wie auch amerikanische Geheimdienstexperten halten den Abdruck solcher Karikaturen für ein "Spiel mit dem Feuer". Das "elementare Gut der Pressefreiheit", so erläuterte ein CIA-Vertreter Washingtons, "wird in muslimischen Ländern in diesem Fall überhaupt nicht verstanden".
Wohl wahr: Auffallend einig zeigte sich die sonst so zerstrittene arabische Welt nicht nur in der Verdammung Dänemarks, sondern gleich ganz Europas - schließlich waren die Karikaturen überall zwischen
Norwegen und Spanien nachgedruckt worden. Aus Tunis etwa forderten 17 arabische Innenminister, die zur Bekämpfung des Terrorismus - also eigentlich der eigenen islamistischen Opposition - zusammengekommen waren, "die strenge Bestrafung der Urheber dieser Beleidigungen". Der Generalsekretär der Arabischen Liga, der frühere ägyptische Außenminister Amr Mussa, bat sogar Uno-Generalsekretär Kofi Annan um Beistand.
Der folgte der Bitte umgehend und forderte die westlichen Medien zu einem sensibleren Umgang mit religiösen Motiven auf. Gleichzeitig mahnte er Mäßigung an und rief dazu auf, den Streit durch einen friedlichen Dialog zu ersetzen. Annans türkischer Kollege von der Organisation Islamischer Staaten, Ekmeleddin Ihsanoglu, war damit nicht zufrieden: Nun müsse eine Uno-Resolution erreicht werden, die "Attacken auf die Religionen" verbietet. Der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan empfand die Zeichnungen als "Angriff auf unsere geistig-moralischen Werte".
Zu Vorkämpfern für die Ehre Mohammeds stilisieren sich dabei besonders jene Regime hoch, die an der Heimatfront mit einer islamistischen Opposition erbittert ringen - bietet der Bilder-Streit den Elenden und Entmündigten doch willkommenen Anlass, ihren angestauten Frust auf der Straße abzulassen. So preschte Ägypten, dessen Staatschef Husni Mubarak die radikale Muslimbruderschaft nur mit harter Hand niederhalten kann, mit einer Briefaktion zum Abbildungsverbot Mohammeds an politische Führer in aller Welt hervor. Er erklärte, dass die im Westen so hochgepriesene Pressefreiheit auf keinen
Fall als Entschuldigung für die Beleidigung der Religion dienen dürfe. Schon Ende Dezember hatte Ägyptens Außenminister Ahmed Abu al-Gheit eine "weltumspannende Kampagne" seiner Regierung angekündigt gegen die "beleidigende Hasskampagne", so das Urteil der angesehenen Azhar-Universität in Kairo, einer Art sunnitischem Vatikan.
Saudi-Arabien wiederum, dessen Königshaus für seine Prasserei und Vetternwirtschaft daheim am Pranger steht, beeilte sich, seinen Botschafter als einen der Ersten aus Kopenhagen abzuberufen. Libyen, wo Revolutionsführer Muammar al-Gaddafis neuer Westkurs durchaus umstritten ist, ordnete am vergangenen Montag gar die Schließung seiner diplomatischen Vertretung an.
Und in Teheran, unter dem Eiferer Mahmud Ahmadinedschad dankbar für jeden Anlass zur Kritik am verderbten Westen, verlangte Außenminister Manutschehr Mottaki, der den dänischen Botschafter einbestellte, eine förmliche Entschuldigung aus Kopenhagen. Selbst das kleine Königreich Bahrein forderte einen Kniefall - von der dänischen Monarchin Margrethe.
Gleichzeitig mobilisierten die Regime ihre Demonstrantentruppen, als gelte es nicht nur den größten Mob auf die Straße zu schicken, sondern auch den Radikalen aus der eigenen Bevölkerung zuvorzukommen. In Gaza, dem Elendsstreifen am Mittelmeer, gaben sich die Aksa-Brigaden der bislang regierenden Fatah rachedurstig. Wie um ihre Wahlniederlage gegen die fundamentalistische Hamas auszubügeln, stürmte ein mit Panzerfäusten bewaffneter Trupp am vergangenen Donnerstag das Gelände des EU-Büros in Gaza-Stadt, jagte Salven aus Schnellfeuergewehren in die Luft und erklärte das Büro für geschlossen. "Jeder Norweger, Däne oder Franzose, der sich auf unserem Gebiet befindet", hieß es in einer Erklärung, "ist unser Ziel."
Den Demonstrationsrekord beansprucht Jemen, der sonst mit Entführungen von Touristen für Schlagzeilen sorgt. 80 000 muslimische Frauen, so behauptete das Innenministerium in Sanaa, seien aus Protest gegen den Affront aus dem Abendland - und selbstverständlich spontan - durch die jemenitische Hauptstadt gezogen. Auf Transparenten wehrten sie sich gegen die "Beleidigung unseres Propheten" und forderten den "Boykott dänischer Produkte".
Gegen die Maßlosigkeit des Zorns und der frommen Hysterie verblich der Grund für die ganze Aufregung, jene zwölf Karikaturen des Propheten Mohammed, abgedruckt in der mit 150 000 verkauften Exemplaren zwar größten, im internationalen Maßstab aber unbedeutenden dänischen Zeitung "Jyllands-Posten". Die mal plumpen, mal groben Zeichnungen waren von dänischen Imamen zwar schnell kritisiert worden, aber niemand hatte damit gerechnet, dass sie den Grund für einen fast weltweiten Zusammenprall der Kulturen abgeben könnten. Auch Regierungschef Fogh Rasmussen nicht, dem die Debatte um islamische Frömmigkeit und heimische Meinungsfreiheit zunächst in sein politisches Konzept zu passen schien, mit dem er in Dänemark das Misstrauen gegen Migranten verschärft hat. Doch Scharfmacher wie Ideologen auf beiden Seiten nutzten diesen Zusammenstoß - nun kann der Zauberlehrling ihn nicht mehr bremsen.
Die Zeichnungen zeigen beispielsweise Mohammed mit einer Bombe als Turban, an der bereits die Zündschnur brennt. Auf einem anderen Blatt ist er am Eingang zum
Paradies postiert, wo er noch rauchende Selbstmordattentäter aufhält. Er sagt: "Stopp, die Jungfrauen sind uns ausgegangen." Vor einer Reihe von Fusselbärten, die einer polizeilichen Gegenüberstellung ähnelt, lässt ein anderer Zeichner den Betrachter sagen: "Ich kann ihn nicht direkt wiedererkennen." Eine weitere Karikatur zeigt ihn mit grimmiger Fratze als Anführer krummbeiniger Kämpfer, so dass auch Kritiker in Dänemark sich bisweilen an die "unerhörten antijüdischen Bilder" im Nazi-Organ "Der Stürmer" erinnert fühlen. Andere Blätter, wie die einflussreiche und leserstärkste "Politiken", druckten die Karikaturen nicht nach.
Ausgangspunkt des ganzen Wirbels war,
ungewollt, der Kinder- und Jugendbuch-
autor Kåre Bluitgen, 46. Der gelernte Journalist, der auch fürs Fernsehen und Theater schreibt, wollte ein "Familienbuch" über den "Koran und das Leben des Propheten Mohammed" veröffentlichen, das mit Zeichnungen illustriert werden sollte.
Von den ersten drei Künstlern, die er um Illustrationen bat, bekam er eine glatte Absage - aus Angst vor Bedrohungen oder gar einem tödlichen Anschlag wie auf den niederländischen Filmemacher Theo van Gogh. Damit hatte Bluitgen überhaupt nicht gerechnet. Der vierte Zeichner nahm immerhin den Auftrag an. Seine Bedingung, wichtiger noch als das Honorar: absolute Anonymität.
So viel Angst ärgerte Bluitgen. Der Schriftsteller lebt im Kopenhagener Stadtteil Nørrebro, der längst nicht mehr ein angesagtes Multikulti-Viertel ist. 80 Prozent seiner Nachbarn sind Muslime. "Wir sind hier die Minderheit", sagt Bluitgen ganz ohne jede Bosheit.
Seine Kinder besuchen auch weiterhin eine öffentliche Schule, obschon sie kaum noch dänische Freunde dort haben. Die pädagogische Vielfalt in Nørrebro hat einen ganzen Fächer von ausländischen Regelschulen hervorgebracht, die alle staatlich finanziert werden. Es gibt inzwischen eine pakistanische Schule, eine somalische, eine türkische, eine marokkanische sowie eine für Palästinenser.
An einer dieser ausländischen Schulen unterrichtet Bluitgens Frau, er selbst war lange Elternvertreter und trainierte eine Fußballmannschaft aus dem Kiez: "Ich bin Sozialist", sagt Bluitgen, "ich habe immer für Integration gearbeitet."
Doch über seine jüngsten Erfahrungen von "Selbstzensur" als Auswirkung eines religiösen Absolutheitsanspruchs ärgerte sich der Kinderbuchverfasser so sehr, dass
er das Thema bei einer privaten Feier anschnitt. Ein befreundeter Kollege der dänischen Nachrichtenagentur berichtete später darüber und brachte das Thema so auf die Titelseiten mehrerer dänischer Zeitungen. Die Angst der Zeichner wurde zum Politikum. "Mir geht es nicht um Juden oder Muslime", sagt Bluitgen, "mir geht es um die Werte."
Das nimmt auch Kulturredakteur Flemming Rose, 47, von "Jyllands-Posten" für sich in Anspruch, der sich durch die Schlagzeilen anregen ließ und beschloss, noch ein wenig Öl ins Feuer zu gießen. Der langjährige Auslandskorrespondent, eigentlich erfahren in internationaler Diplomatie, schrieb 40 dänische Künstler an mit der Bitte, Mohammed zu zeichnen, "wie Sie ihn sehen", sonst nichts.
"Das war keine Einladung, sich lustig zu machen", betont Rose, "es war nicht die Absicht zu provozieren." Einige der Angeschriebenen arbeiteten schon länger nicht mehr, andere antworteten nicht oder lehnten die Bitte ab. Zwölf Zeichner immerhin meldeten sich zurück - mit Bildern von ihrer Sicht des Propheten.
Die "Gesichter Mohammeds", am 30. September veröffentlicht, wurden sofort zum Streitfall. Zunächst war es nur der Imam von Århus, der sich empörte, bald versammelten sich etwa 1000 der knapp 200 000 Muslime in Dänemark zur größten Demonstration ihrer Gemeinde in Kopenhagen.
Schnell bemächtigten sich religiöse Eiferer und Fundamentalisten auf beiden Seiten des Themas und schürten noch das Feuer, in dem sich bereits ein explosiver Zusammenprall einander misstrauender Kulturen abzeichnete. So munitionierten dänische Islamisten in arabischen Hauptstädten ihre Glaubensbrüder mit gefälschten Karikaturen, auf denen Mohammed als Schwein dargestellt war. Andere Fanatiker überschwemmten die "Jyllands-Posten" allein an einem Tag mit rund 100 000 E-Mails und legten deren Mail-Verkehr nahezu lahm, Hacker greifen seither fast täglich die Website des Blattes an.
Andererseits mobilisieren dänische Neonazis seit Tagen zum Boykott arabischer Geschäfte und zu anderen Gegenaktionen. Der Aufruf zu wirtschaftlichen Gegenmaßnahmen wird auch aus den Reihen der rechtspopulistischen Volkspartei unterstützt.
Als am Ende 17 arabische Länder zum Wirtschaftsboykott aufriefen und bereits die ersten Molkereiarbeiter auf die Straße gesetzt worden waren - da meldete sich endlich auch der Regierungschef zu Wort. Müde und mit dicken Tränensäcken unter den Augen trat der rechtsliberale Politiker Fogh Rasmussen am Donnerstag vor die Fernsehkameras und bekräftigte ein letztes Mal, was er in stoischer Monotonie seit Wochen verbreiten ließ: dass Meinungsfreiheit von "fundamentaler Bedeutung" für Dänemark und "unverzichtbarer Bestandteil der demokratischen Gesellschaften" sei.
Erstmals äußerte er sich aber auch "tief erschüttert", dass die Zeichnungen "von vielen Muslimen als Entehrung des Propheten Mohammed und des Islam" empfunden würden und bedauerte dies. Persönlich würde er "niemals" religiöse Symbole in dieser Weise verwenden, versicherte er.
Zuvor hatte der Chefredakteur von "Jyllands-Posten", Carsten Juste, eingeräumt, vielleicht doch zu weit gegangen zu sein. Die Zeichnungen seien zwar rechtlich in Ordnung, hätten aber "unwiderlegbar viele Muslime verletzt", entschuldigte er sich. "Wir haben den Kampf um die Meinungsfreiheit verloren", beklagte er zugleich reichlich pathetisch in westlichen Medien.
In Deutschland, wo vorige Woche auch die "Welt" die Karikaturen nachdruckte, sind die Grenzen der Meinungs- und Pressefreiheit selbst im europäischen Vergleich relativ weit gesteckt. Nur in der angelsächsischen
Tradition, also in England und den USA, wird der "freedom of speech" mitunter ein noch höherer Stellenwert eingeräumt.
Dabei setzt auch in Deutschland die Rücksicht auf religiöse Empfindlichkeiten der Pressefreiheit Schranken. So sind nicht nur nach dem Pressekodex Veröffentlichungen, "die das sittliche oder religiöse Empfinden einer Personengruppe" wesentlich verletzen können, mit der "Verantwortung der Presse nicht zu vereinbaren". Paragraf 166 des Strafgesetzbuchs droht mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe demjenigen, der öffentlich oder durch Verbreitung von Schriften "den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören".
Zu Verurteilungen kam es aber bisher praktisch nur wegen Schmähungen des christlichen Glaubens: Für das Verbreiten eines Aufklebers, der den gekreuzigten Christus mit der Zeile "Masochismus ist heilbar" zeigte, und einer Agitationsschrift, welche die katholische Kirche als "eine der größten Verbrecherorganisationen der Welt" bezeichnete, verhängte ein Amtsgericht 400 Mark Geldstrafe.
Provozierbar sind die christlichen Kirchen - anders als der von Mordaufrufen umdüsterte islamische Fundamentalismus - kaum noch: Die Schau "Corpus Christi - Christusdarstellungen in der Fotografie" in den Hamburger Deichtorhallen im Jahr 2003 war beispielsweise ganz bewusst als Aufreger geplant. Die Bilder zeigen Jesus halbnackt und weiblich, am Abendmahlstisch hocken lauter Soldaten. Der Skandal blieb aus.
Dem österreichischen Karikaturisten Haderer gelang es vor vier Jahren noch, ein paar Katholiken zu verärgern, als er den Menschensohn als Surfer auf dem See Genezaret darstellte. Die Kirchgänger zeigten den Künstler an und wiesen erst dadurch eine recht verdutzte liberale Öffentlichkeit darauf hin, dass es tatsächlich noch einen Paragrafen im Gesetzbuch gibt, der die "Herabwürdigung" religiöser Lehren unter Strafe stellt.
Und natürlich gibt es auch im deutschen Sprachraum hinreichend Tabus, die weitgehend geachtet werden. Karikaturen beispielsweise, die an die rassistische Tradition Deutschlands erinnern könnten, bleiben unveröffentlicht.
Dem Erlanger Professor für islamisches Recht, Matthias Rohe, erscheint zumindest die Mohammed-Karikatur mit der Bombe "aus rechtlicher Sicht nicht unbedenklich". Dass ein deutscher Chefredakteur oder Verleger nun sogar wegen der jetzt verbreiteten Mohammed-Karikaturen angeklagt und gar verurteilt werden könnte, halten Experten für unwahrscheinlich, ist aber immerhin denkbar: "Wenn sich hier eine muslimische Gemeinde massiv aufregt", so die Bochumer Strafrechtsprofessorin Tatjana Hörnle, "könnte es schon sein, dass ein Amtsrichter auf die Idee kommt, danach zu verurteilen." Für richtig hielte sie das allerdings nicht: "Der Schutz der Gefühle anderer ist eine Frage von Takt und sozialen Umgangsformen, aber kein Kernanliegen des Strafrechts."
Welchen Tort die Mohammed-Karikaturen gläubigen Muslimen gleichwohl angetan haben, ist den Neuheiden des Abendlands nur schwer zu vermitteln. "La ilaha illa allah, muhammad rasul allah" - "Es gibt keinen Gott außer dem Einen, und Mohammed ist sein Prophet" - wann immer und wo immer in der islamischen Welt ein Kind geboren wird, bekommt es zuallererst diese Worte des Glaubensbekenntnisses ins Ohr geflüstert. Es sind auch die letzten, die der Gläubige vor dem Tod auf den Lippen führen soll. Der Koran ist für den Muslim Gottes Offenbarung, Gottes letztgültiges Wort: ER offenbart sich dem Menschen durch einen Text. Von Gott soll sich der Gläubige kein Bild machen. Dafür gibt es überwiegend prosaische, aber auch politisch-theologische Gründe.
In den Naturreligionen besaßen bildliche Darstellungen eine große Macht. Die Gläubigen zollten ihren Idolen Dank, Opfer, göttliche Verehrung, und dabei wurde zwischen Bild und Wirklichkeit nicht unterschieden, das Dargestellte und das Abbild waren eins. Alle monotheistischen Religionen mussten sich deshalb als Erstes gegen
"Götzen" und "Götzenanbeter" wehren, das lag sozusagen in der Natur ihres Ein-Gott-Anspruchs.
Schon Pharao Echnaton ließ im 2. Jahrtausend vor Christus Darstellungen von Götterbildern in Tiergestalt zerschlagen. Er wollte den Sonnengott als einzig wahren Gott durchsetzen. Auch schlichte Machtkämpfe wurden stets als Bilderstürme ausgetragen: Wer seine Feinde treffen oder ein Volk einschüchtern will, verhöhnt oder zertrümmert ihre Gottesbilder.
Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. In Afghanistan zerstörten die Taliban im März 2001 die in Fels geschlagenen Buddha-Statuen von Bamian. Die monumentalen Figuren waren rund 1500 Jahre alt.
Auch im Alten Testament werden bildliche Darstellungen generell verboten (2. Mose, 4-5), im jüdischen Glauben darf Jahwe nicht gezeigt werden. Im Christentum wurden lange und hitzige Auseinandersetzungen darüber geführt, ob religiöse Ereignisse bildlich dargestellt werden sollten. Symbolzeichen wie Kreuz, Lamm, Taube oder Fisch - dessen griechische Buchstaben die Gläubigen als Abkürzung für "Jesus Christus, Gottes Sohn, der Retter" lasen - brachen das Abgötterei-Verbot nicht. Und wenn vereinzelt auf Urnen oder Sarkophagen und im Höhlendüster der Katakomben ein Bild von Jona, Noah oder Isaak, später auch von Christus als gutem Hirten zu sehen war, kam kein Verdacht auf, jemand wolle diese bescheidenen Bildzeichen verehren.
Aber erst im 5. Jahrhundert, nach langem, zähem Widerstand der Kirchenobrigkeit, begann sich die Regel von der Undarstellbarkeit Gottes langsam zu lockern. Für Analphabeten, also die weit überwiegende Zahl der einfachen Gläubigen, seien Bilder in der Kirche pädagogisch genau das Richtige, argumentierte um 600 Papst Gregor der Große - nur anbeten dürfe man sie nicht. Christus, Maria und Heilige tauchten von da an regelmäßig in der Kunst auf; bald hatte die von Byzanz aus angefachte Lust am Darstellen auch den spröderen Westen erfasst. "Das Bild Christi, an dem du vorübergehst, soll dich zur Verehrung anregen", resümierte später ein Theologe.
Kirchenlehrer wie Thomas von Aquin begründeten später die Aufhebung des Bilderverbots, und die Kunstgeschichte des Abendlands verdankt dieser Lehre seine bekannte Schaffensexplosion. Einen Raffael gibt es im Islam nicht, weil dort das Bilderverbot weiterexistierte.
Schon die Bilderfreudigkeit der Reformation zog das Heilige durchaus ins Profane. Man entdeckte die Karikatur als Kampfmittel. Die Epoche hatte Gefallen an drastischen Feindbildern und derben Witzen. In der Zeit der Reformation und Gegenreformation sollte die Bilder-Satire zur wichtigsten Propagandawaffe werden. Die Holzschnitt-Karikaturen, plakativ und leicht in Umlauf zu bringen, wurden zum populären Medium.
Die Lutheraner stellten katholische Mönche als hässliche Teufel dar, ließen die "Hirten als Wölfe" auftreten, oder sie zeigten - wie Lucas Cranach der Ältere - einen "Papstesel". Es wimmelt auf solchen Blättern nur so von lüsternen und unfrommen Mönchen und Kirchenmännern.
Damit stellten sich die abendländischen Glaubenshüter alter wie neuer Konfession in einen klaren Gegensatz zum jüdischen Gesetz wie auch zum inzwischen erstarkten Islam, der in religiösem Zusammenhang keine Bilder von Propheten, Engeln oder gar von Gott selbst erlaubt.
Mohammed hatte ja als eine seiner ersten Amtshandlungen nach der Eroberung Mekkas die Standbilder der lokalen Schutzgottheiten beseitigt.
Aber schon kurz nach dem Tod des Propheten heißt es in den Hadithen, der Sammlung von teils authentischen, oft wohl auch gefälschten Propheten-Aussprüchen, dass "kein Engel jemals ein Haus betritt, in dem sich ein Bild oder ein Hund befindet". Und allen Malern und Bildhauern wird angedroht, sie müssten nach dem Jüngsten Gericht für alle Zeit versuchen, ihren Kreaturen "Lebensodem einzublasen". Der Koran selbst, in seiner heutigen schriftlichen Form wohl erst unter dem dritten Kalifen Uthman Mitte des 7. Jahrhunderts zusammengestellt, äußert sich zu einem Bilderverbot gar nicht.
Bildende Kunst stand dann später nach den Regeln der islamischen Rechtsschulen auf einer Stufe mit Wucher. Im Arabischen
bedeutet "bilden" auch "erschaffen", Gott als der Schöpfer wird auch als der Bildner bezeichnet. Wer aber könnte Gott malen oder sein Ebenbild kneten, ohne die Anmaßung, es ihm gleichzutun, ohne sich auf eine Ebene mit ihm zu stellen - und ist das nicht Häresie?
Aufgrund dieser Einstellung wurden Gebetshäuser des Islam allein durch kalligrafische Ausschmückungen verschönt. Strikt eingehalten aber wurde das Darstellungsverbot nicht. Schon die Omajjaden schmückten die Wände ihrer Wüstenschlösser mit freizügigen Fresken. Fatimidische Wesire in Ägypten hielten sich Kunstmaler, osmanische Sultane engagierten später sogar Porträtisten aus dem Abendland, Mehmet II., der Eroberer Konstantinopels, etwa den Venezianer Gentile Bellini. Doch Gott selbst und den Propheten abzubilden - das wagten und wagen in der sunnitischen Welt bis heute nur sehr wenige.
Anders in der Schia, jener islamischen Glaubensrichtung, die sich nach der Ermordung des Propheten-Vetters Ali 661 von der Mehrheit abspaltete. Ihr Anteil an den Muslimen macht heute weltweit etwa zehn Prozent aus. In den wichtigen Nahost-Staaten Iran und Irak bilden sie die Mehrheit, ebenso in Bahrein. Im Libanon lebt eine sehr starke Minderheit von Schiiten.
In den persischen Ostprovinzen entstand ab dem 13. Jahrhundert eine regelrechte Ikonografie mit Themen aus dem Leben des Propheten und der Leidensgeschichte der Märtyrer Ali und Hussein. Fast immer ist dabei allerdings Mohammeds Gesicht ausgespart - entweder verschwindet es hinter einem weißen Schleier, oder es erscheint als weiße Scheibe.
Solche Rücksichtnahme gab es im Abendland nicht, das den Islam stets als expansive Macht kennen und fürchten gelernt hatte. Im Westen hatte Mohammed jahrhundertelang eine so durchgehend schlechte Presse, wie sie nur ein Schwerverbrecher haben sollte.
Man nannte ihn "Betrüger" und "Antichrist". Dante (1265 bis 1321) trifft ihn als Verdammten im achten Kreis der Hölle, gemeinsam mit seinem Schwiegersohn Ali. Als göttliches Strafgericht ist ihnen der Bauch aufgeschlitzt.
Der französische Aufklärer Voltaire degradierte ihn im Jahr 1741 in seinem Theaterstück "Der Fanatismus oder Mohammed, der Prophet" zum "Mörder und Wollüstling". Der europaweit bekannte Häretiker versuchte mit seinem Stück, die Religion selbst als totalitäres Hirngespinst zu zerfetzen. Und um das zu demonstrieren, knöpfte er sich den Islam vor. "Die Liebe zum Menschengeschlecht und das Grauen vor Fanatismus", schrieb Voltaire im Dezember 1740 an Preußens jungen König Friedrich II., "haben meine Feder geführt."
Entstanden war so ein Bühnenwerk, das vor allen "Urhebern von Aberglauben und Fanatismus" warnen sollte: "Mohammed", das Schreckensbild eines religiösen Demagogen, der andere für seine Herrschaftspläne morden und sterben lässt.
"Dass ein Kamelhändler in seinem Nest Aufruhr entfacht, dass er zusammen mit ein paar Stammesgenossen seine Mitbürger glauben machen will, dass er sich mit dem Erzengel Gabriel unterhielte; dass er sich damit brüstet, in den Himmel entrückt worden zu sein und dort einen Teil jenes unverdaulichen Buches empfangen zu haben, das bei jeder Seite den gesunden Menschenverstand erbeben lässt" - all diese Details kamen dem Weltbürger und Zivilisationsstreiter Voltaire schon absurd genug vor.
Aber dass Mohammed, um seine Lehre durchzusetzen, "sein Vaterland mit Feuer und Eisen überzieht, dass er Väter erwürgt, Töchter fortschleift, dass er den Geschlagenen die freie Wahl zwischen Tod und seinem Glauben lässt: Das ist nun mit Sicherheit etwas, das kein Mensch entschuldigen kann, es sei denn, er ist als Türke auf die Welt gekommen, es sei denn, der Aberglaube hat in ihm jedes natürliche Licht erstickt".
Eines der wenigen Gegenbeispiele unter den Geistesgrößen des Westens ist Johann Wolfgang von Goethe. Der Dichterfürst, nicht kirchenfromm oder dogmengläubig, las im Koran und plante sogar eine "Mahomet-Tragödie". Wohl vor allem, um zu provozieren, schrieb er 1819 zu seinem "West-östlichen Divan", er "lehne den Verdacht nicht ab, er sei selbst ein Muselmann". Aber besonders gründlich hat sich Goethe wohl nicht mit dem Islam auseinandergesetzt, den Koran reduziert er auf wenige Aussagen und beklagt sich, reichlich arrogant, über dessen "grenzenlose Wiederholungen".
Die katholische Kirche hat im Konzil von Florenz 1442 die Muslime dem "ewigen Feuer" preisgegeben - sie brauchte ein halbes Jahrtausend, um den glaubensverwandten Monotheisten 1964 beim Zweiten Vatikanischen Konzil "ewiges Heil" in Aussicht zu stellen. Von einem Dialog sind beide Religionen bis heute meilenweit entfernt.
Doch während der Einfluss des Christentums in Europa beständig zurückgeht, regelt der Islam das Leben der Gläubigen von Anfang an in jedem Detail, vom fünfmaligen Beten bis hin zum Waschen mit der richtigen Hand nach dem Stuhlgang. Der Koran mit seinen 114 Suren und 6236 Versen ist sakrosankt. Es ist eine Religion ohne Erbsünde, ohne Dreifaltigkeit, ohne Papst und ohne Religionsvermittler, ohne Gottessohn auf Erden - "ungeheuerlich, die Berge stürzen darüber ein, dass sie dem Erbarmer ein Kind zuschreiben", heißt es tadelnd im Koran über das Christentum, obwohl das Heilige Buch der Muslime sonst viele Elemente der Bibel aufgreift.
Trotz seiner klaren Vorschriften aber war der frühe Islam durchaus weltoffen, flexibel - und bereit zu lernen. "Unsere Vorväter ließen keine Tabus gelten", sagt wehmütig der frühere algerische Religionsminister Mulud Kassim. Die Gläubigen sollten sich nach einem weitverbreiteten
Hadith "zur Not auch aus China" ihr Wissen holen, und sie teilten ihre Erkenntnisse freimütig.
Der historische Siegeszug des Islam ist ein Sieg durch Schwerter wie durch Überzeugungskraft und den Erfolg von Kaufleuten. An den maurischen Höfen im südspanischen Córdoba und Granada blühten Kunst und Architektur, legten muslimische Forscher die Grundlagen der Mathematik, Astronomie und Chemie. Ein wissensdurstiger Politiker in Europa wie der Staufenkaiser Friedrich II. (1194 bis 1250) musste sich mit arabischen Wissenschaftlern umgeben, um zu lernen.
Dieser Überlegenheit trauern Muslime heute nach; die Fortschrittlichen glauben, dass der Prophet mit seinen Stammesräten sogar Grundlagen demokratischer Staatsformen eingeführt hat, dass Mohammed - vor dem Hintergrund seiner Zeit - durchaus liberal über Frauenfragen dachte, zum gewalttätigen "Dschihad" (was ja im Wortsinne nur ein "angestrengtes Bemühen" um den Glauben ausdrückt) finden sich im Koran kämpferische und beschwichtigende Texte. Mord ist ausdrücklich untersagt, auch um den Selbstmord zu legitimieren, muss man sich entsprechende Koran-Verse ziemlich zurechtbiegen.
"Islam heißt Toleranz", meinte Ägyptens Religionsminister Hamdi Saksuk beim SPIEGEL-Interview im Jahr 2001 reichlich kühn, dann ging er noch weiter: Der Islam stehe für "Mitbestimmung und Meinungsfreiheit". Angesichts der gerade auch in Ägypten von islamistischen Scharfmachern begangenen Untaten - etwa des Attentats auf den liberalen Literaturnobelpreisträger Nagib Mahfus - eine glatte Verdrehung der Tatsachen.
Die islamische Welt hat heute ein riesiges, unüberwindbares Problem: Nach den Jahrhunderten einer führenden Rolle ist die Religion geistig erstarrt. Ihr Abgang von der Weltbühne ist ein komplexer Prozess. Dem Entdeckergeist des Abendlands stand auf einmal die Engstirnigkeit des Morgenlands gegenüber. Während beispielsweise der spanisch-arabische Philosoph Ibn Ruschd (Averroës) in Europa großen Zuspruch fand, verbrannten Muslime seine Schriften. Sie waren auf der Suche nach böswilligen Ketzern. Europa erlebte vom 16. Jahrhundert an nicht nur militärisch einen dramatischen Aufschwung. Der Reformation des Christentums, der künstlerischen Blüte der Renaissance, hatte der Islam nun nichts mehr entgegenzusetzen. Seine strengen Regeln standen einer rapiden Lebensveränderung im Wege, der Westen übernahm die zivilisatorische Führung - Orient und Okzident entfernten sich immer weiter.
Die europäische Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert legte schließlich die Grundlage für eine wahre Wissensexplosion. "Wissen ist Macht", propagierte der Brite Francis Bacon.
Mit Napoleons fast spielerisch leichtem Sieg im Ägypten-Feldzug 1798 begann für die Muslime dann ein Zeitalter der Ohnmacht, das bis heute reicht und das in ein Trauma der islamischen Welt mündete - Muslime sehen sich ausgebeutet, vor allem aber ausgeschlossen, ausgegrenzt von einer modernen industrialisierten Welt. Der Uno-Index der Entwicklung arabischer Länder zeigt, dass kaum eine Weltgegend in der Ära der Globalisierung so weit zurückgefallen ist.
Die Demütigung geht tief. Die Rhetorik der Scharfmacher verfängt schnell; neue Helden wie der Terroristenchef Osama Bin Laden fangen mit ihren griffigen Thesen, der Westen sei generell und aggressiv islamfeindlich, Millionen ihrer Glaubensbrüder ein; der Terrorpate ist auch bei offiziellen Meinungsumfragen, selbst in relativ liberalen Staaten wie Indonesien, Jordanien und Malaysia, populärer als US-Präsident George W. Bush.
Das Gefühl, vom Westen verkannt und verachtet zu werden, ist weit verbreitet. Es bedarf nur einer Provokation, nur eines Zündfunkens, um die "arabische Straße" aufzuhetzen - wie man im Fall des Schriftstellers Salman Rushdie sehen konnte. Dass sein Roman "Die satanischen Verse" einige Seiten enthielt, die sich als Satire auf Mohammed deuten ließen, reichte aus für die Verhängung eines Todesurteils, die von den Gläubigen begeistert gefeiert wurde.
Beim Karikaturen-Eklat tun sich jetzt besonders die Führer solcher Staaten hervor, die, wie Saudi-Arabien, ihren Bürgern fast jegliche Bürgerrechte verweigern - der Krawall ist auch ein regimestabilisierendes Ventil der führenden Politiker, die Massen leicht hinter sich (und gegen den Westen) zusammenzubringen.
Mindestens ebenso wie der Terror der Dschihadisten fordert auch die praktizierte Intoleranz der großen islamischen Staaten den Westen heraus. Überall im christlichen Europa werden Moscheen gebaut -
in Riad aber ist selbst ein katholischer Gottesdienst in den Botschaften verboten; wer die Bibel ins Land mitbringt, riskiert Gefängnisstrafen. Wer vom Glauben abfällt und übertreten will, muss mit der Todesstrafe rechnen - wohl keine Religion kommt in ihrer derzeitigen Ausprägung so intolerant daher wie der Islam.
Andererseits sehen auch Muslime, die Europa wohlgesinnt sind, in einigen der dänischen Karikaturen eine unzulässige Vermengung von Religion und Terror: Wenn Mohammeds Turban als Bombe dargestellt wird, soll das ja wohl heißen, dass der Prophet die terroristische Gewalt befürwortet. Dalil Boubakeur, Chef des französischen Rats der Muslime, hält die Cartoons für ein Zeichen der wachsenden Islamophobie in Europa.
Auch die deutschen Muslime erwarteten größeren Respekt und Achtung gegenüber ihren Überzeugungen, erklärte der Präsident der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion, Ridvan Çakir. Die Darstellung des Propheten Mohammed als Fanatiker und Terrorist ignoriere völlig die Unantastbarkeit des Propheten. Die Muslime in Deutschland fühlten sich "tief verletzt". "Wir sind sehr traurig darüber, wie unsere Gefühle auf diese Art und Weise beleidigt werden", sagt Çakir.
Und ein stellvertretender ägyptischer Außenminister resümiert: "Die Karikaturen reihen sich in die antiislamischen Kampagnen ein, die seit dem 11. September 2001 den Westen beherrschen." Damit spricht der Politiker genau jenen Zeitpunkt an, von dem in der Tat eine Wende im Verhältnis von islamischer Welt und dem Westen zu beobachten ist. Seitdem die Türme des World Trade Center in Trümmer sanken, seitdem es im Westen einen Terrorismus-Generalverdacht gegen Muslime gibt, häufen sich die lautstarken Zusammenstöße der Antagonisten.
Satanischer Westen, dämonischer Islam: Für das pauschale Feindbild ist auch Harvard-Professor Samuel Huntington mit seinem Buch "Kampf der Kulturen" verantwortlich. Darin spricht er pauschal von den "blutigen Grenzen" des Islam und deren Unüberwindbarkeit - als lebten nicht zig Millionen Muslime im Frieden mit sich und ihrer Umwelt, als gäbe es im Islam nicht eine aufklärerische Tendenz, die freilich, auf der Suche nach einem islamischen Luther, noch in den Anfängen steckt.
Gezündelt wird von beiden Seiten, Dschihadisten hier, westliche Scharfmacher da. In Italien beispielsweise hat sich die wortgewaltige Journalistin Oriana Fallaci nach den Terrorattacken vor ihren Computer gesetzt und - nach zehnjähriger Schreibpause - in nur zwei Wochen das Buch "Die Wut und der Stolz" herausgehämmert, nach eigenen Angaben "wie ein Soldat, der aus dem Schützengraben auftaucht und dem Feind entgegenstürmt".
Auch ein zweites Buch, "Die Kraft der Vernunft", wurde schnell ein Bestseller, obwohl die im Titel beschworene Tugend rasch auf der Strecke blieb. Die Atheistin Fallaci rief zu einer Art bedingungslosem Kreuzzug gegen den Islam auf. Europa, längst zu einem kraftlosen "Eurabien" degeneriert, habe sich dem Feind ausgeliefert und "verkauft wie eine Dirne". Muslime bringen es bei ihr selten weiter als bis zum Status von "Kamelfickern", die fünfmal am Tag "den Hintern in die Luft strecken, um zu beten", und sich im Übrigen "vermehren wie die Ratten".
Dem Richter in Bergamo, der über die Zulässigkeit eines Justizverfahrens gegen die Autorin zu entscheiden hatte, blieb gar nichts anderes übrig, als der Klage wegen "Beleidigung" einer "staatlich anerkannten Religion" stattzugeben. Was die Beklagte, die wegen eines schweren Krebsleidens zurückgezogen in New York lebt, mit einem herzhaften "Fuck you" kommentierte.
Es blieb aber nicht nur bei verbalen Kraftakten. Am 2. November 2004 war der niederländische Publizist und Filmemacher Theo van Gogh auf der Linnaeusstraat in Amsterdam von einem fanatischen Muslim brutal ermordet worden.
Holland war versteinert vor Entsetzen. Am Abend des Mordanschlags wälzte sich ein Strom von Menschen mit Topfdeckeln,
Rasseln und Waschbrettern durch die Straßen von Amsterdam. Sie waren dem Aufruf von Bürgermeister Job Cohen gefolgt, "für die Freiheit Krach zu schlagen". Als der Trauerzug das Nationalmonument vor dem Grand Hotel Krasnapolsky erreichte, wurde ein riesiges Spruchband entrollt. Darauf stand: "Dit land gaat kapot".
Tatsächlich aber war van Gogh nicht nur ein "markanter Vorkämpfer für die Meinungsfreiheit", wie Königin Beatrix in ihrer Trauerrede sagte, sondern selbst ein provokanter Extremist. Seine Tiraden gegen Andersgläubige und Andersdenkende hätten ihn in den meisten anderen Ländern Europas unweigerlich in Konflikt mit dem Strafrecht gebracht.
Besonders gnadenlos ging er mit den Islamisten um. Die militanten Muslime waren für ihn eine Horde von "Ziegenfickern", den Propheten Mohammed verunglimpfte er als "pädophilen Vergewaltiger". Er wollte auswandern, weil er glaubte, dass sich die Niederlande zu einem anderen Belfast mit brennenden Kirchen und Moscheen entwickelten.
Kurz vor seinem Tod hatte das niederländische Fernsehen den Kurzfilm "Submission" (Unterordnung) gezeigt, den van Gogh gemeinsam mit der schwarzen Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali gemacht hatte. Darin wurden halbbekleidete misshandelte Frauen gezeigt, deren Körper mit Koran-Versen beschrieben waren. Für die Muslimgemeinschaft in Holland war der Film der Gipfel der Blasphemie und nicht eben ein Kabinettstück holländischer Toleranz (siehe Seite 96).
Nach dem Gesetz hat die Toleranz im Land hinter den Deichen da ihre Grenzen, wo sie die Rechte oder die Würde anderer tangiert. Doch der Staat mischt sich nicht ein, wenn die Grenzen maßvoll überschritten werden. Stattdessen kommt das Prinzip "gedogen" zur Anwendung, was so viel heißt wie "nicht schlimm" oder "Schwamm drüber". Es ist ein Generalpardon für beinahe jede Art von Regelbruch unterhalb der harten Kriminalität.
Polizei und Justiz drücken meist beide Augen zu. Wenn in Moscheen Schriften verkauft werden, die vor Kontakten mit Christen warnen und die dazu aufrufen, Homosexuelle von hohen Türmen zu stürzen oder untreue Ehefrauen zu steinigen - alles gedogen.
In den USA hat Präsident Bush seine Landsleute offiziell immer wieder gewarnt, die Schuld an den Anschlägen nicht dem Islam zu geben, gleichwohl ertönten auch dort immer lautere Stimmen, welche den islamistischen Terror als Anzeichen eines heraufziehenden Weltkriegs zwischen Muslimen und dem Westen sahen. Sie sind vor allem bei den Hilfstruppen der Republikanischen Partei zu hören, den fundamentalistischen protestantischen Kirchen - Bushs Glaubensbrüdern.
Zu den landesweit vernehmbaren Stimmen zählt auch Franklin Graham, Sohn des Großpredigers Billy Graham, der einst den haltlosen Alkoholiker George W. Bush auf den Pfad der Tugend zurückgeholt hatte. Graham junior, der beim Gottesdienst zur feierlichen Amtseinführung 2001 von Bush junior das Gebet gesprochen hatte, bezeichnete den Islam als "äußerst böse und verwerfliche Religion".
Sein Kollege Jerry Vines, Hauptpastor der First Baptist Church von Jacksonville, Florida, und ehemaliger Präsident der mächtigen Southern Baptist Convention, erklärte auf einer Versammlung von Predigern seiner Kirche: "Das Christentum wurde von unserem Herrn Jesus Christus gegründet, dem von einer Jungfrau geborenen Gottessohn. Der Islam wurde dagegen von Mohammed gegründet, einem von Dämonen besessenen Kinderschänder, der zwölf Frauen hatte, von denen die letzte ein neun Jahre altes Mädchen war." Vines im Donnerton eines alttestamentarischen Propheten: "Und ich sage euch: Allah ist nicht Jehova. Jehova hat noch niemanden in einen Terroristen verwandelt."
Umgekehrt gelten die USA vielen Muslimen als Zentrale der Gotteslästerer.
Im Mai vorigen Jahres erschütterten gewalttätige Proteste die muslimische Welt, die sich gegen die US-Regierung richteten. "Tod für Amerika" erscholl es vor allem auf den Straßen Pakistans und Nordafrikas. "Wir schützen unser heiliges Buch mit unserem Blut", skandierten aufgebrachte Muslime, nachdem das US-Magazin "Newsweek" berichtet hatte, dass im US-Gefangenenlager Guantanamo ein Koran die Toilette heruntergespült worden sei. Mindestens 15 Menschen kamen bei den Protesten ums Leben.
Bei der anschließenden Untersuchung kam heraus, dass Ermittler in dem Gefangenencamp auf Kuba auch Methoden angewandt hatten, die vor allem die religiösen Gefühle der Inhaftierten verletzen sollten. "Ego Down" nennen die Verhörer diese Techniken, zu denen Pin-up-Fotos in den Zellentrakten oder der Einsatz von weiblichen Verhörspezialisten gehört. Nach Schilderungen des früheren Armee-Übersetzers Erik Saar entblößten diese vor gefesselten Gefangenen ihre Brüste oder rieben ihre Schenkel an ihnen. In einem Fall habe eine Soldatin einem Gefangenen rote Farbe ins Gesicht geschmiert und behauptet, dabei handele es sich um Menstruationsblut. So habe verhindert werden sollen, dass der Muslim beten könne.
US-Offizielle versichern, dass es solche Methoden heute in Guantanamo nicht mehr gibt, doch die Angst vor einer neuen Protestwelle sitzt tief. So wird vorsorglich jeder Verdacht, dass das Heilige Buch der Muslime geschändet worden sein könnte, sofort untersucht. Als im Islamischen Zentrum in Blacksburg, Virginia, ein angebrannter Koran aufgefunden wurde, wurden sofort Ermittlungen aufgenommen. Auf der Website des Außenministeriums fand sich rasch die Erklärung, dass diesem Fall kein Hassverbrechen zugrunde gelegen habe: Ein muslimischer Student aus Ägypten hatte das bei einem Hausbrand beschädigte Buch dort hinterlegt.
Als in der vorigen Woche die Freitagsgebete endeten und Hunderttausende Muslime zwischen Casablanca und Karatschi Gottes heiligen Zorn auf den Westen herabriefen, regten sich neue Ängste in dem Land, in dem die meisten europäischen Muslime - etwa sechs Millionen - leben: Frankreich. Hier vor allem stellt sich die Herausforderung, wie das traditionelle, staatstragende Prinzip des Laizismus mit der realexistierenden multikulturellen Gegenwart zu verbinden sei.
In Frankreich hatte das finanziell schwer angeschlagene Boulevardblatt "France-Soir" die Karikaturen nachgedruckt und darüber seinen Chefredakteur verloren, geschasst vom ägyptischen Verleger.
Nach dem Streit um das Kopftuch an Schulen und um extremistische Prediger in den Moscheen geht die Angst um, dass der Kulturkampf um die Karikaturen erneut die sozialen Unruhen entfachen könnte, unter denen zum Jahresende die Pariser Vorstädte wochenlang gelitten haben.
Außenminister Philippe Douste-Blazy ermahnte Frankreichs Zeitungen, die Pressefreiheit nur "im Geiste der Toleranz" zu nutzen. Und selbst "France-Soir" suchte die Gemüter zu beruhigen, die es selbst angestachelt hatte. Sie druckte eine Karikatur, in der vier Gottheiten, der asiatische Buddha, der jüdische Jahwe, der christliche Gott und der griechische Zeus einen zürnenden Mohammed von einer Wolke herab beruhigen: "Reg dich nicht auf, Mohammed", lautet ihr Rat, "wir sind alle schon karikiert worden."
Doch der Appell an das geteilte Leid traf ins Leere. Die Empörung der Muslime ließ nicht nach.
Da besann sich das Blatt auf den größten Religionskritiker der durch und durch säkularen Nation und flehte: "Hilf Voltaire, sie sind alle verrückt geworden."
DIETER BEDNARZ, MANFRED ERTEL,
NIKOLAUS VON FESTENBERG, ERICH FOLLATH, DIETMAR HIPP, HANS HOYNG, ULRIKE KNÖFEL, ROMAIN LEICK, GEORG MASCOLO,
MATTHIAS MATUSSEK, JOHANNES SALTZWEDEL, STEFAN SIMONS, ERICH WIEDEMANN
* Aus der Mohammed-Serie der "Jyllands-Posten".
* Links: Persiflage einer Weißblechanzeige aus "Titanic" Nr. 12/1986; rechts: französische Modewerbung nach Leonardo da Vincis "Abendmahl".
Von Dieter Bednarz, Manfred Ertel, Nikolaus von Festenberg, Erich Follath, Dietmar Hipp, Hans Hoyng, Ulrike Knöfel, Romain Leick, Georg Mascolo, Matthias Matussek, Johannes Saltzwedel, Stefan Simons und Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 6/2006
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