06.02.2006

„Die Schere im Kopf“

Ayaan Hirsi Ali über Gründe und Folgen des islamischen Protests
Die aus Somalia stammende Niederländerin Hirsi Ali, 36, ist dezidierte Islam-Kritikerin und Abgeordnete der rechtsliberalen Partei VVD in der Zweiten Kammer des Parlaments von Den Haag.
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SPIEGEL: Frau Hirsi Ali, Sie haben den Propheten Mohammed als Tyrannen und Perversen bezeichnet. Theo van Gogh, der Regisseur Ihres islamkritischen Films "Submission", wurde von einem Islamisten ermordet. Sie selbst stehen unter Polizeischutz. Können Sie sich vorstellen, wie sich die dänischen Karikaturisten jetzt fühlen?
Hirsi Ali: Vermutlich sind sie wie betäubt. Da ist einerseits die Stimme in ihrem Kopf, die sie ermutigt: Du kannst die Meinungsfreiheit nicht einfach so verkaufen. Zugleich erleben sie schockartig, wie viel persönliche Freiheit sie verlieren. Man darf nicht vergessen, dass sie aus der Nachkriegsgeneration stammen und nur Frieden und Wohlstand erlebt haben. Plötzlich müssen sie wieder für ihre eigenen Menschenrechte kämpfen.
SPIEGEL: Warum haben sich die Proteste derart aufgeschaukelt?
Hirsi Ali: In den arabischen Ländern, wo jetzt Demonstrationen und öffentliche Empörung inszeniert werden, existiert kein Recht auf freie Meinungsäußerung. Viele Menschen fliehen von dort nach Europa, eben weil sie Kritik an Religion, Politik und Gesellschaft geübt haben. Die totalitären islamischen Regime befinden sich in einer tiefen Krise. Sie sind durch die Globalisierung einem starken Wandel unterzogen, sie fürchten auch die Reformkräfte, die sich unter den Migranten im Westen formieren. Die Drohgebärden gegen den Westen und den Erfolg, den sie damit erzielen, benutzen sie dann, um diese Menschen einzuschüchtern.
SPIEGEL: War es also falsch, sich für die Karikaturen zu entschuldigen?
Hirsi Ali: Einmal mehr wurde im Westen nach dem Prinzip verfahren, nach der einen sogleich auch die andere Wange hinzuhalten. Und das hat Tradition: 1980 zeigte der britische Privatsender ITV eine Dokumentation über die Steinigung einer saudi-arabischen Prinzessin, die angeblich Ehebruch begangen hatte. Die Regierung in Riad intervenierte, die britische entschuldigte sich. Der gleiche Kniefall 1987 auch bei Rudi Carrell für einen Sketch über Ajatollah Chomeini. Im Jahr 2000 wurde in Rotterdam das Theaterstück "Aischa" über die jüngste Frau des Propheten schon vor der Premiere abgesagt. Dann der Mord an van Gogh und nun die Cartoons: Wir entschuldigen uns andauernd und merken nicht, welche Schläge wir beziehen. Die andere Seite aber weicht keinen Millimeter zurück.
SPIEGEL: Wie sähe denn eine aufrechte, angemessene Haltung Europas aus?
Hirsi Ali: Solidarisch. Die Karikaturen sollten überall gezeigt werden. Die Araber können ja nicht die Waren aus allen Staaten boykottieren. Sie sind viel zu abhängig von Importen. Außerdem müssen die skandinavischen Firmen für ihre Verluste kompensiert werden. Das Recht auf freie Meinungsäußerung sollte uns so viel schon wert sein.
SPIEGEL: Muslime sollten sich doch auch, wie jede andere Religionsgemeinschaft, vor Verleumdung und Beleidigung schützen können.
Hirsi Ali: Das ist ja wieder genau der Reflex, die andere Wange hinzuhalten. Hier wie dort vergeht kein Tag, an dem nicht radikale Imame in ihren Moscheen Hass predigen. Sie nennen Juden und Christen minderwertig, und wir gestehen ihnen dies als Meinungsfreiheit zu. Wann erkennen die Europäer, dass die Islamisten dieses Recht ihren Kritikern nicht zubilligen? Nach dem Kniefall des Westens werden sie schadenfroh sagen, Allah habe den Ungläubigen ein schwaches Rückgrat gegeben.
SPIEGEL: Welche Folgen wird der Proteststurm gegen die Cartoons haben?
Hirsi Ali: Es könnte wie in den Niederlanden kommen. Schriftsteller, Journalisten und Künstler haben seit dem van-Gogh-Mord die Schere im Kopf. Jeder hat Angst, den Islam zu kritisieren. Bezeichnenderweise wird "Submission" in den Kinos noch immer nicht gezeigt.
SPIEGEL: Viele kritisierten den Film als zu radikal, zu verletzend.
Hirsi Ali: Kritik an van Gogh ist legitim gewesen. Aber in dem Moment, wo jemand für seine Weltsicht sterben muss, ist die Frage doch nicht mehr, was er falsch gemacht hat. Dann muss man für die Grundrechte eintreten. Andernfalls unterstützt man die Täter und konzediert, es habe einen guten Grund gegeben, diesen Menschen zu töten.
SPIEGEL: Auch Ihnen wird vorgeworfen, den Islam verbissen zu kritisieren.
Hirsi Ali: Seltsamerweise sagen meine Kritiker nie, wie weit ich denn gehen darf. Wie soll man denn Probleme angehen, wenn man sie nicht klar benennen darf? Etwa dass muslimische Frauen daheim eingesperrt leben, vergewaltigt und zwangsverheiratet werden - in einer Nation, in der unsere viel zu passiven Intellektuellen so stolz auf die Freiheit sind!
SPIEGEL: Die Debatte darüber, auf den Straßen Niederländisch zu sprechen, die Integrationsprogramme für gewaltbereite marokkanische Jugendliche - sind das auch Früchte Ihrer Provokationen?
Hirsi Ali: Die scharfe Kritik hat endlich eine offene Debatte über unser Verhältnis zu den muslimischen Einwanderern ausgelöst. Das Bewusstsein ist geschärft, endlich werden zum Beispiel Ehrenmorde nach den Herkunftsländern der Opfer aufgeschlüsselt. Endlich nimmt man sich auch junger Mädchen an, die als Bräute aus Marokko nach Holland verschleppt werden, und erschwert diese Praxis durch Gesetze.
SPIEGEL: Sie arbeiten an einer Fortsetzung von "Submission". Bleiben Sie bei Ihrer unnachgiebigen Linie?
Hirsi Ali: Sicher. Wir wollen die Debatte über den Absolutheitsanspruch des Korans, die Unfehlbarkeit des Propheten und über sexuelle Moral weiterführen. Im ersten Teil haben wir eine Frau gezeigt, die zu ihrem Gott spricht und klagt, sie habe alle seine Regeln eingehalten, sich unterworfen und werde von ihrem Onkel trotzdem misshandelt. Im zweiten Teil geht es um das Dilemma, in das der muslimische Glaube vier unterschiedliche Männer stürzt. Einer hasst Juden, der andere ist schwul, der dritte ein Lebemann, der eigentlich dem Islam gehorchen will, aber immer wieder den Versuchungen des Lebens erliegt, und der vierte ist ein Märtyrer. Sie alle fühlen sich von ihrem Gott verlassen und kündigen die Gefolgschaft.
SPIEGEL: Werden die jüngsten Ereignisse die Veröffentlichung des Films weiter erschweren?
Hirsi Ali: Die Bedingungen können kaum noch schwieriger werden. Wir müssen unter vollständiger Anonymität produzieren. Die Mitwirkenden, vom Schauspieler bis zum Techniker, werden nicht zu erkennen sein. Alle sind aber fest entschlossen, das Projekt zu vollenden. Der Regisseur fand van Gogh nicht wirklich sympathisch, er findet aber, dass die Fortsetzung um der Meinungsfreiheit willen unbedingt gedreht werden muss. Ich bin optimistisch, dass wir den Film noch dieses Jahr vorstellen können.
SPIEGEL: Ist der Absolutheitsanspruch des Korans, wie Sie ihn in "Submission" kritisieren, das zentrale Hindernis für eine Reform des Islam?
Hirsi Ali: Die Doktrin, wonach der Koran von Gott diktiert und der Glaube deshalb nicht veränderbar sei, muss ersetzt werden. Muslime müssen zu der Überzeugung kommen, dass es Menschen waren, die die Heilige Schrift verfasst haben. Die meisten Christen glauben ja auch nicht mehr an die Hölle, an die Engel und daran, dass die Erde in sechs Tagen erschaffen wurde. Sie halten das mittlerweile für symbolische Geschichten und bleiben ihrem Glauben dennoch treu. INTERVIEW: GERALD TRAUFETTER
Von Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 6/2006
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