06.02.2006

BERLINALEDie neuen Heimatfilme

Bei den 56. Internationalen Berliner Filmfestspielen sind deutsche Regisseure so gut vertreten wie seit Jahren nicht - mit erstaunlich wirklichkeitsnahen und brisanten Geschichten. Auch Hollywood sucht in Deutschland inzwischen eifrig nach Stoffen und Talenten.
Es war einer der erfolgreichsten Tage in der jüngeren Geschichte des deutschen Kinos. Als am Dienstag vergangener Woche in Los Angeles die Oscar-Nominierungen bekanntgegeben wurden, hatte es mit "Sophie Scholl - Die letzten Tage" nun schon zum dritten Mal innerhalb von vier Jahren eine deutsche Produktion unter die fünf besten ausländischen Filme geschafft - nach "Nirgendwo in Afrika" 2003 und "Der Untergang" 2005.
Damit nicht genug: Auch das mit deutschen Schauspielern wie Daniel Brühl und Benno Fürmann besetzte paneuropäische Kriegsepos "Merry Christmas" sowie das von der Berliner Firma Razor Film coproduzierte Polit-Drama "Paradise Now" über zwei palästinensische Selbstmordattentäter konkurrieren mit "Sophie Scholl" um die begehrte Trophäe. In der Kategorie "Bester Kurzfilm" geht ebenfalls eine deutsche Produktion ins Oscar-Rennen: Ulrike Grotes Tragikomödie "Ausreißer". Deutschland, so scheint es, gilt in Hollywood wieder als Filmnation.
Kein Wunder also, dass das deutsche Kino auf den an diesem Donnerstag begin-
nenden 56. Internationalen Berliner Filmfestspielen so stark vertreten sein wird wie noch nie.
Allein unter den 19 Filmen, die im Wettbewerb um den Goldenen Bären antreten dürfen, sind vier deutsche Produktionen: die Michel-Houellebecq-Verfilmung "Elementarteilchen" von Oskar Roehler, das Psycho-Drama "Requiem" von Hans-Christian Schmid, das Triebtäter-Psychogramm "Der freie Wille" von Matthias Glasner sowie das Provinz-Porträt "Sehnsucht" von Valeska Grisebach. Außer Konkurrenz läuft zudem das amerikanische Action-Spektakel "V for Vendetta", das
zum großen Teil in den Babelsberger Studios gedreht wurde.
Festivalchef Dieter Kosslick, der voriges Jahr "Sophie Scholl" wie auch "Paradise Now" gezeigt hatte, setzt damit seine Lobby-Arbeit für den deutschen Film fort. Seit seinem Dienstantritt im Jahr 2001 suchte er immer wieder einheimische Produktionen für das Berlinale-Programm aus, die später zu Welterfolgen wurden - "Good Bye, Lenin!" etwa oder "Gegen die Wand". Noch Ende der neunziger Jahre taten sich deutsche Filme selbst im Inland schwer; nun erweisen sich einige sogar als Exportschlager.
Auch deutsche Regisseure sind in Hollywood so gefragt wie lange nicht. Jodie Foster wählte für die Regie ihres Entführungsdramas "Flightplan" den Stuttgarter Robert Schwentke aus, Sandra Bullock dreht den Thriller "Premonition" mit dem Berliner Mennan Yapo, Nicole Kidman holte für den Science-Fiction-Film "The Visiting" den Hamburger Oliver Hirschbiegel ("Der Untergang") über den Atlantik. Ein paar in Deutschland bekannte Schauspieler bekommen Hauptrollen in Hollywood-Filmen: Steven Spielberg vertraute Hanns Zischler einen Part in seinem Rache-Thriller "München" an, Francis Ford Coppola ("Der Pate") drehte mit dem Schweizer Bruno Ganz und Alexandra Maria Lara in Rumänien seinen neuen Film "Youth without Youth".
Sogar einige Stoffe findet Hollywood inzwischen in Deutschland. So ist gerade ein US-Remake von "Bella Martha", Sandra Nettelbecks charmanter Komödie über den Wettstreit zweier Köche in einem Edelrestaurant, in Arbeit; Hauptrolle: Catherine Zeta-Jones. Auch einer der erfolgreichsten US-Horrorfilme des vergangenen Jahres, "Der Exorzismus von Emily Rose", geht auf eine finstere einheimische Geschichte zurück: die der jungen Katholikin Anneliese Michel, die 1976 im fränkischen Klingenberg am Main nach einer wochenlangen Teufelsaustreibung starb.
Auf genau dem gleichen Fall beruht Hans-Christian Schmids Wettbewerbsbeitrag "Requiem". Der Regisseur setzt dem effektvollen Horrorthriller aus Hollywood ein nicht minder packendes Psycho-Drama entgegen. "Requiem" erzählt die tragische Leidensgeschichte einer an Epilepsie erkrankten jungen Frau, die verzweifelt mit sich und ihrem Glauben ringt - von der jungen Schauspielerin Sandra Hüller mit anmutiger Spröde verkörpert.
"Wir dürfen uns die guten Stoffe nicht von den Amerikanern klauen lassen", sagt Schmid, der fast zehn Jahre an "Requiem" gearbeitet hat. "Aber wir tun uns in Deutschland immer etwas schwer, brisante Ereignisse aufzugreifen, die sich in unserem Land ereignen. Dabei haben wir doch so viel zu erzählen!"
Damit gibt Schmid den Ton vor für das neue deutsche Kino, das sich so selbstbewusst auf der Berlinale präsentiert. Beherzt und neugierig wie nie stürzen sich die Filmemacher hierzulande auf Land und Leute, auf deutsche Gegenwart und Vergangenheit.
Sogar eine vernachlässigte Terra incognita des deutschen Films wird plötzlich erkundet: die Provinz. Die Filmemacher wagen sich mehr und mehr über die Grenzen der Metropolen hinaus, in jene Lebensräume, in denen die Zeit stillzustehen scheint. "Bei den Dreharbeiten mussten wir nur ein paar Parabolantennen abmontieren", erzählt Schmid. "Ansonsten sah alles noch so aus wie in den Siebzigern."
Wie in "Requiem" wirkt auch in Valeska Grisebachs Beitrag "Sehnsucht" die deutsche Provinz so beschaulich wie beklemmend. Doch statt der religiösen sind es hier die profanen Rituale des Alltags, die dem Leben der Menschen Halt geben und sie zugleich erstarren lassen. Ebenso rührend wie trostlos wirkt es, wenn der Höhepunkt des Jahres in einem brandenburgischen Kaff darin besteht, dass die Männer von der freiwilligen Feuerwehr ein Osterfeuer überwachen und dabei ihren Durst löschen.
Auch der Großstadtmensch Michael (Christian Ulmen) in "Elementarteilchen", den Regisseur Roehler aus dem Paris der Buchvorlage nach Berlin verpflanzt hat, sucht sein Glück auf dem Land: in den Armen einer melancholischen Dorfschönheit (gespielt von Franka Potente). Da gleitet der verklärte Blick des wortkargen Helden schon mal Jahrzehnte zurück, in eine Zeit, als er und seine Jugendfreundin noch unbeschwert durch wogende Felder tollten.
Es entwickelt sich ein neues Heimatbewusstsein im deutschen Film, der sich um nationale Identität jahrzehntelang nicht kümmerte. Wirkten die Figuren in deutschen Filmen früher oft wie entwurzelt, wie Irrläufer in einer Umgebung, die nichts mit ihnen zu tun zu haben schien, so
werden sie von Drehbuchautoren und Regisseuren inzwischen bisweilen fast brachial in die Wirklichkeit entlassen.
Vorbei die Zeiten, in denen eine Komödie wie "Stadtgespräch" (1995) ihren Zuschauern nur im Dialog verriet, in welcher Stadt denn nun so viel gequasselt wurde. Die deutsche Wirklichkeit, die anders aussieht als die amerikanische oder die französische, gilt es nun auf der Leinwand zu entdecken. Ein neuer Realismus, der sich um einen präzisen, unverstellten Blick auf die Menschen und ihre Lebenswelt bemüht, kündigt sich an.
So hat Deutschlands Komödien-Regisseur Detlev Buck ("Männerpension") nun erstmals einen Film gedreht, in dem es wenig zu lachen gibt. "Knallhart", der in der Panorama-Sektion der Berlinale läuft, handelt von dem Teenager Michael (David Kross), der mit seiner Mutter (Jenny Elvers-Elbertzhagen) vom Berliner Nobelviertel Zehlendorf ins düstere Neukölln zieht. Dort muss er sich inmitten von Jugendbanden und Drogendealern behaupten.
Mit einer Handkamera begibt sich Buck hinein in die Parallelgesellschaft, in ein Ghetto, in dem Deutsche Exoten sind und Türkengangs die Gesetze bestimmen. Buck schert sich erstaunlich wenig um politische Korrektheit und beschreibt so präzise wie möglich die schrittweise Verrohung seines Helden, der die einzige Sprache lernen muss, die hier wirklich jeder spricht: die der Gewalt.
Mutig geht Buck dahin, wo's in Deutschland ganz besonders wehtut. Noch ist er allerdings nicht hart genug, um knallhart zu sein. In einer eindringlichen Szene wird Michael von einer Straßengang gefesselt auf einen Stuhl gesetzt und bekommt einen Blecheimer über den Kopf gestülpt. Einer seiner Peiniger lässt sich die Augen verbinden, schnappt sich einen Baseballschläger und schwingt diesen durch die Gegend, bis er den Eimer schließlich trifft.
Das ohrenbetäubende Geräusch des Aufschlags, das Michael normalerweise die Trommelfelle zerreißen müsste, pegelt Buck auf ein sozialverträgliches Maß herunter. Der Regisseur entzündet Feuer unter dem kulturellen Schmelztiegel Berlin, doch sobald dieser überzukochen droht, wird ihm mulmig.
Dennoch mutet das deutsche Kino seinem Publikum auf der diesjährigen Berlinale Bilder von bisher ungekannter Brutalität zu. Matthias Glasner setzt in den ersten Minuten seines Films "Der freie Wille" eine Vergewaltigung direkt und drastisch in Szene.
Blut und Sperma fließen in diesem Film - und die Tränen einer jungen Frau (Sabine Timoteo), die erfahren muss, dass sie sich in einen unheilbaren Triebtäter (gespielt von Jürgen Vogel) verliebt hat. Glasner begibt sich in eine geradezu skandalöse Nähe zu diesem Mann, der seine Opfer wie ein Berserker halbtot prügelt, bevor er sie missbraucht.
"Der freie Wille" blickt einem Vergewaltiger über die Schulter - und in die Seele: 163 - oft qualvolle - Minuten lang sieht das Publikum einem Mann bei seinem verzweifelten Rückzugsgefecht gegen ein übermächtiges, krankhaftes Begehren zu. Wie ein Gefangener seiner eigenen Triebe irrt er durch Fußgängerzonen, Supermärkte und Kneipen im Ruhrgebiet. Das deutsche Kino, das sich selten traute, sein Publikum zur Identifikation mit seinen Protagonisten zu bewegen, versucht nun sogar, die Zuschauer Empathie für abstoßende Figuren fühlen zu lassen.
Die in den neunziger Jahren nur im Inland erfolgreichen deutschen Komödien wie "Der bewegte Mann" (1994) erlaubten es Regisseuren und Publikum, die Figuren aus einer ironischen Halbdistanz zu betrachten, sie milde zu belächeln. Nun jedoch kehrt machtvoll das Melodram ins deutsche Kino zurück, das seine Helden von innen erkundet und dort die ganz großen Gefühle entdeckt.
Das gelungenste Beispiel dafür ist ein Film, der zwar für den Wettbewerb eingereicht, aber von Festspielchef Kosslick abgelehnt wurde: "Das Leben der Anderen", eine grandiose Mischung aus Thriller, Melodram und DDR-Sittengemälde. Ulrich Mühe spielt darin einen Stasi-Beamten, der Mitte der achtziger Jahre das Leben eines - fiktiven - Ost-Berliner Künstlerpaares ausspioniert und dabei seinen Glauben an den Arbeiter-und-Bonzen-Staat verliert.
"Das Leben der Anderen" macht aus einem Zwangscharakter, der mit peniblem Ordnungssinn sogar das Intimleben seiner Opfer protokolliert ("vermutl. Geschlechtsverkehr"), einen tragischen Helden. Je länger der Stasi-Mann das (von Martina Gedeck und Sebastian Koch gespielte) Paar belauscht, desto schmerzhafter wird ihm die Armseligkeit seiner eigenen Existenz bewusst. Er fängt an, seine Opfer zu beneiden.
Aus der Perspektive eines Täters also nähert sich Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck, 32, einem Thema, das deutsche Kinoregisseure bisher nicht aufzugreifen wagten. "Die Stasi betrifft viele Millionen Deutsche auf die eine oder andere Weise", sagt der Regisseur, der für "Das Leben der Anderen" (Start: 23. März), sein Debüt, bereits vier bayerische Filmpreise gewann und als Favorit für den Deutschen Filmpreis gilt. "Bei diesem Thema ist kaum jemand wirklich unvoreingenommen. Ich glaube, es brauchte einige Zeit, bis Regisseure und Zuschauer bereit waren, sich hierfür zu öffnen."
Die Berlinale öffnete sich freilich nicht, was Donnersmarck sehr schade findet. "Entscheidend ist aber", meint er, "dass immer mehr deutsche Filmemacher nicht auf die Kritik schielen oder auf das Publikum, sondern ganz entschlossen die Geschichten erzählen, von denen sie selbst am meisten bewegt werden. Denn nur dann macht man wirklich gutes Kino."
Donnersmarck jedenfalls ist dies gelungen - auch ohne Berlinale-Auftritt.
LARS-OLAV BEIER, MARTIN WOLF
* Nach dem Roman von Michel Houellebecq, mit Moritz Bleibtreu, Martina Gedeck (r.).
Von Lars-Olav Beier und Martin Wolf

DER SPIEGEL 6/2006
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