28.07.1969

ZEITGESCHICHTE / WEHRMACHTTief eingetaucht

Wir sind Nationalsozialisten auch ohne Parteibuch, die besten, ernstesten, treuesten. Die Wehrmacht ist die einzige, letzte, größte Hoffnung des Führers" -- so sprach Generalmajor Walter von Reichenau im Jahre 1935.
Es war zur Hälfte wahr. Sie waren nicht allemal die besten, doch auch nicht die schlechtesten. Deutschlands Wehrmacht war kaum die einzige Hoffnung Adolf Hitlers, doch letzten Endes seine letzte.
Und sie war -- selber in hoffnungsvoller Erwartung -- von Anbeginn dabei. Generalmajor von Reichenau, Ministeramts-Chef im Reichswehrministerium, wollte "hinein in den neuen Staat und dort die uns gebührende Position behaupten". Denn "niemals" so befand er bei seinem Amtsantritt am 6. Februar 1933, "war die Wehrmacht identischer mit dem Staat als heute. Daß dieser Staat eine "legale Diktatur" zu werden versprach, kümmerte ihn nicht: "Morsches muß fallen, das kann mit Terror geschehen."
Reichswehrminister Generaloberst Werner von Blomberg sah in dem neuen Kabinett "Ausdruck breiten nationalen Wollens". und der Kanzler
* Mit Reichskriegsminister von Blomberg (M.), dem Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Raeder (li.), und dem Oberbefehlshaber des Heeres, von Fritsch (2. v. l.), beim Staatsbegräbnis für Generaloberst von Seeckt.
** Klaus-Jürgen Müller: "Das Heer und Hitler. Armee und nationalsozialistisches Regime". Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart: 712 Seiten; "38 Mark.
*** Manfred Messerschmidt: "Die Wehrmacht im NS-Staat. Zeit der Indoktrination". R. v. Deckers Verlag, Hamburg; 5211 Seiten; 38,58 Mark.
dieses Kabinetts wirkte auf Blomberg "wie ein ganz großer Arzt".
Wie viele andere Deutsche auch, unterschied Generalmajor Franz Halder in diesen Tagen und später das "reine und von idealistischem Schwung getragene Wollen" Hitlers von den "minderwertigen Ausführungsorganen", die seine "edlen nationalen Absichten ... pervertieren".
"Wir haben wieder einen Kanzler". freute sich General Carl von Einem, als Hitler an die Macht kam, und mithin trat "zwangsläufig ein Wandel in der Stellung der Wehrmacht zum Nationalsozialismus" ein -- wie General Georg von Sodenstern befand.
Reichswehrführung und das Gros der Generäle optierten spontan für Hitlers Regierung -- und tolerierten den Totalitätsanspruch seiner Partei. Jedoch nicht bloß, weil sie, wie Alt-Historiker Friedrich Meinecke ("Die deutsche Katastrophe") formulierte. "geblendet" waren "vom Anschein höchster Energie".
Daß sie es absichtsvoll genug taten die einen mit vager Übelzeugung. andere mehr aus taktischem Kalkül um die vermuteten Energien der "Machtergreifung" eigener Machterhöhung nutzbar zu machen, dokumentieren nunmehr gleich zwei Militärhistoriker.
Als Mitarbeiter des Freiburger Militärgeschichtlichen Forschungsamtes werteten Autor Dr. Klaus-Jürgen Müller, 39. für seine Untersuchung über "Das Heer und Hitler"** und Autor Dr. Manfred Messerschmidt, 33, für sein Werk "Die Wehrmacht im NS-Staat"*** " in dem er sich mehr Problemen der "inneren Führung" zuwandte, nahezu optimal die Quellen aus: Akten der Wehrkreise, des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) und des Oberkommandos des Heeres (OKH), über 50 bislang ungedruckte Aufzeichnungen und Nachlaß-Faszikel von Generälen, Korrespondenzen und Protokolle. Müller interviewte überdies 13 ehemalige Wehrmacht-Generäle.
Historiker Müller. jetzt Wissenschaftlicher Direktor und Dozent für Allgemeine und Zeitgeschichte an der Hamburger Bundeswehr-Stabsakademie, über die Politik der Reichswehr: "Sie wollte um jeden Preis wieder Herzmitte des Staates werden." Preis war, zumindest, die weltanschauliche Erziehung der Wehrmacht, und solche Indoktrination war, so urteilt der Jurist und Historiker Messerschmidt, "indem sie sich die nationalsozialistischen Thesen zu eigen machte, auf die Erzeugung deutscher Hybris angelegt".
Was die Partei wollte, das wollten auch die Offiziere: Keine Partei verhieß so radikal wie die NSDAP die Abkehr von der ungeliebten Republik, kein Politiker versprach so vehement wie Hitler, die Fesseln des Versailler Vertrages zu sprengen, und Worte von "Liebe zu unserem Heer als Träger unserer Waffen und Symbol unserer großen Vergangenheit", wie sie der Kanzler sprach, hatten die Militärs von republikanischen Staatsmännern kaum gehört.
Für bare Münze nahmen sie stets, wenn Hitler es versprach. daß er den Staat auf "zwei Säulen" errichten wolle, der NSDAP und der Wehrmacht als "alleinigem Waffenträger der Nation".
Es schien ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Blomberg war bereit, die NSDAP bei inneren Unruhen gewähren zu lassen. Er wünschte ihr auch, daß sie "bald zu der erstrebten Totalität kommt und Deutsch-Nationale und Zentrum verschwinden". Und bei Konflikten mit Marxisten und Kommunisten hatten die Wehrkreise laut Reichenau-Order "in wohlwollender Neutralität zu verharren.
Nichteinmischen aber kam, so Historiker Müller, "unter den Gegebenheiten einer im Aufbau befindlichen Diktatur einer einseitigen Option für dieses System gleich". Und "aus den Gleisen des einmal eingeschlagenen Kurses", konstatiert Historiker Messerschmidt, ist die Reichswehr "nicht mehr herausgekommen".
in der wehrfreudigen Diktatur glaubte sie am ehesten wiederzugewinnen. was sie 1918 verloren hatte, als für sie eine Welt zusammenbrach: den "Sammel- und Ausrichtepunkt" (General Wilhelm Groenert, das obrigkeitsstaatliche Bezugsgefüge' in dem sie selber wieder ganz oben rangierte.
Nach demütigendem Kriegsende 1918 war es, so klagte damals der spätere Widerstands-General Hellmuth Stieff seiner Braut. "wie wenn man einen lieben Menschen begraben hat". 16 Jahre später aber, zu Hitlers 45. Geburtstag, konnte das offiziöse Reichswehr-"Militär- Wochenblatt" die "Auferstehung des deutschen Frontsoldaten" feiern: "Möge der Führer ... freudig spüren, was seinem Werk eine Wehrmacht bedeutet, die im Innersten von der nationalsozialistischen Weltanschauung durchdrungen ist."
Denn im Grunde, so historisierte der "Wochenblatt"-Chronist. habe die nationalsozialistische Revolution "bereits im August 1914" begonnen, und seitdem marschierten Nationalsozialisten und Wehrmacht "auf getrennten Wegen zu ein und demselben Ziel". Sie fanden ihren "geschichtlichen Gestalter in dem unbekannten Frontsoldaten Adolf Hitler", und der sorgte denn auch für "Übertragung der frontsoldatischen Wertung und Sittlichkeit auf das gesamte öffentliche Leben".
Dafür revidierten Offiziere "die eigenen Anschauungen. soweit sie etwa in Widerspruch mit den nationalsozialistischen stehen" ("Militär-Wochenblatt") und übertrugen nationalsozialistische Werte auf ihren personellen Bereich -- denn ohne ideologische Öffnung war die Umarmung mit dem Regime nicht möglich.
So erklärt sich auch, daß Blomberg die Anwendung des "Arier-Paragraphen" (Paragraph 3 des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums") auf die Wehrmacht dekretierte. Zwar wurden nur 70 Mann entlassen, aber der Vorgang war beispiellos.
Erstmals nahm die Armee, "absolut zuverlässig" (Blomberg), eine parteipolitische Doktrin -- die Rassentheorie -- in ihre stets sorgsam gehütete Personalführung auf.
Zwar verhinderte eine Ausnahmeverordnung für Frontkämpfer Massenentlassungen; wer nachweisen konnte, daß er im Ersten Weltkrieg im Schützengraben gelegen hatte, bewies -- im Gegensatz zu den Kameraden in der Etappe -- genügend arische Gesinnung. Doch die Klausel bestätigte nur einen Dünkel -- zumal, wie auch das "Militär-Wochenblatt" vorrechnete. bei einem Bevölkerungsanteil von 0,94 Prozent und einer Gefallenenrate, so das Kriegsministerium, von 0,38 Prozent "das jüdische Blut also auf jeden Fall ... um etwas weniger als die Hälfte ihres pflichtmäßigen Anteils zurückgeblieben" war.
Keiner der Wehrmachts-Chefs hatte prinzipiell etwas dagegen, daß künftig keine Juden mehr in die Armee aufgenommen wurden, kein Soldat eine Jüdin heiraten durfte. Den einzigen Protest artikulierte der damalige Oberst Erich von Manstein -- aber er lehnte den Arier-Paragraphen nur deshalb ab. weil der Soldat "rechtlich anders zu beurteilen" sei "als jeder andere".
Wie Kameraden und Vorgesetzte eines entlassenen Offiziers den Fall sahen, erhellt eine Briefsammlung, die Autor Müller von einem Betroffenen erhielt. Sie versicherten Verbundenheit "heute erst recht" und rieten, "zwischen den Zeilen zu lesen". bedauerten das Ausscheiden "in Treue" und "alter Kameradschaft" -- aber sie maßen dem Ereignis keine tiefere Bedeutung bei, sondern nannten es "tragisch", "unabänderlich" oder einfach "Pech".
Wo Überzeugung mangelte, half taktische Überlegung nach: Die deutsche Wehrmacht sollte nicht weniger parteikonform sein als ihr gefährlichster Konkurrent, die Parteimiliz SA, für deren Stabschef Ernst Röhm bis dahin "nur eine Teilstrecke der deutschen Revolution zurückgelegt" war. Auf dem Weitermarsch gedachte er, auch die Wehrmacht zu revolutionieren: Sie sollte, zum Kaderheer degradiert, von einer SA-Massenarmee aufgesogen werden. Röhm: "Der graue Fels muß in der braunen Flut untergehen."
Von den Plänen seines Duzfreundes hielt Adolf Hitler indes nichts; der "ignorante Gefreite" (Röhm) brauchte ein regimetreues Wehrpflichtheer. Doch er wollte nicht nur die vermeintliche Röhm-Revolte niederschlagen. sondern zugleich alte Widersacher ausschalten und sich -- unter dem Deckmantel staatsmännischer Leistung -- als Nachfolger des greisen Reichspräsidenten von Hindenburg und mithin als Oberbefehlshaber der Streitkräfte präsentieren. Er wollte Führer werden.
Solche Vorhaben waren nur zu realisieren, wenn der noch keineswegs allmächtige Kanzler als Sachwalter der Armee fungierte. Und die Offiziere, "völlig im Bann der SA-Gefahr" (so Historiker Müller über die Politik des Heeres-Oberbefehlshabers Generaloberst Werner von Fritsch), waren bei der Sache.
Im "Loyalitätswettlauf mit der SA" (Messerschmidt) beeilte sie sich, die NS-Propaganda "bei allen sich bietenden Gelegenheiten" (Blomberg) zu intensivieren. Und "Stoßkraft gegenüber der SA" (Fritsch) verlieh die Wehrmacht dem Kanzler auch dann, als er den Stoß gegen die SA führte. Sie billigte den Gewaltstreich nicht nur, sondern unterstützte ihn weitaus tatkräftiger, wie Historiker Müller speziell für die Ereignisse in Bayern aktenkundig macht, als bisher angenommen worden war -- obwohl es, was immer am bramabarsierenden Gerede Röhms von der "zweiten Revolution" gewesen sein mag, am 30. Juni 1934 keine Putsch-Pläne gab. Die SA-Führer hatten Urlaub, der Stabschef selber weilte mit Gefolge im Bad Wiesseer Hotel Hanselbauer am Tegernsee.
Aber als am Morgen des Mordtages, beim Frühmesse-Geläut der Wiesseer Pfarrkirche, das Kommando die Urlauber aus den Betten holte und manche an Ort und Stelle erschoß, konnten die Akteure der Rückendeckung der Wehrmacht sicher sein. Für den Fall, daß Röhm seine -- der SS zahlenmäßig weit überlegenen -- SA-Standarten noch hätte zu den Waffen rufen können, hielt sich Wehrkreis-VII-Kommandeur General Wilhelm Adam weisungsgemäß zum Einsatz bereit.
Die Bayern-Reichswehr stellte der arrestierenden und exekutierenden SS Fahrzeuge und in Münchner Kasernen Quartier für 1500 Mann. Sie bewaffnete -- in München, Augsburg und Kempten -- nicht bloß Stoßtrupps, sondern ganze Einheiten der SS. In Nürnberg und Augsburg entwaffneten Reichswehr-Offiziere gemeinsam mit Schwarzröcken die überrumpelte SA. in Mindelheim besetzten Reichswehr-Soldaten das SA-Stabsgebäude, in München schirmte Reichswehr In Kompaniestärke das Braune Haus ab. in dem Kanzler Hitler Vortrag hielt -- vor SA-Männern.
Solche Kooperation verschwieg Blomberg, als er am Abend des 30. Juni, um 21.40 Uhr an die Wehrkreise telegraphierte: "Die Säuberungsaktion ist reibungslos durchgeführt worden. Einsatz der Wehrmacht war nirgends notwendig."
Die "Gefahr wilden Mordens', vor der Kommandeur Adam gewarnt hatte, irritierte das Reichswehrministerium nicht. Und selbst die Ermordung des Generals Kurt von Schleicher brachte sie kaum aus der Fassung. Heeres-Oberbefehlshaber Fritsch, von argwöhnischen Generälen zu kriegsgerichtlicher Klärung des Vorfalls angehalten, resignierte; "Wir können Politik nicht ändern", nur "still unsere Pflicht tun".
Aber für ihre Pflicht hielt die Reichswehrführung schon vier Wochen später die Teilnahme an "einem weiteren staatsstreichähnlichen Akt, der für das Schicksal der deutschen Streitkräfte ... verhängnisvoll werden sollte" (Müller). Kaum hatte die Nachricht vom Tode Hindenburgs das Wehrministerium in der Berliner Bendlerstraße erreicht, erteilte Blomberg den schon vorbereiteten Befehl, die Wehrmacht auf den neuen Reichspräsidenten und "Führer Adolf Hitler" zu vereidigen -- "ohne einen Auftrag des Führers dazu zu haben und ohne, daß wir ihn um Rat gefragt hätten" (Blomberg).
Reichenau diktierte seinem Mitarbeiter Major Hermann Foertsch die Eidesformel, und noch am selben Tag, dem 2. August 1934, schworen Soldaten in allen Kasernen des Reiches "bei Gott", ihrem neuen Herrn "unbedingten Gehorsam" zu leisten und "jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen". Anschließend stimmten sie in das zusätzlich verordnete "Hurra" auf Hitler ein.
Und somit schien, im Sommer 1934, die Entente mit Hitler -- wie einst die mit dem Kaiser -- perfekt; schien die Personalunion Hitlerscher Ämter, gleichsam in Umkehrung des Eides, für die Zukunft der Wehrmacht zu garantieren.
Daß ihm aber an der Unantastbarkeit der Wehrmacht nicht viel lag, hätten die Militärs wissen können. Denn schon am Tage des Sieges über die SA, an dem er beteuerte: "Jedermann, sei es SA oder sonst wer, steht in Zukunft dem Heer zur Verfügung; jeder Deutsche, auf den die Wehrmacht weist, ist ihr verfallen", erhob er Sepp Dietrichs SS-"Leibstandarte Adolf Hitler", die in Bayern gründlich gesäubert hatte, zum selbständigen bewaffneten Regiment, 14 Tage später unterstellte er sich die gesamte SS persönlich -- Himmlers Aufstieg begann; der Weg in den "SS-Staat" (Eugen Kogon) war beschritten.
Blomberg nahm die Prätorianergarde hin und konzedierte ihr -- in der Annahme, ein rechtzeitig beschränktes SS-Kontingent werde ungefährlich bleiben -- "Waffen für insgesamt eine Division". Fritsch bekundete nach einer Rede Himmlers vor Reichswehr-Offizieren, in der dieser "nicht einen Mann, nicht eine Waffe mehr haben" wollte: "Reichsführer Himmler hat einen sehr hübschen, loyalen, einleuchtenden Vortrag gehalten."
Anmaßungen, Polizei-Praktiken und militärisches Gepränge der SS beunruhigten zwar die Reichswehrführung (Halder: "Es herrscht unheimliche Spannung"), doch wieder wußte Hitler die Generäle zu besänftigen. Am 3. Januar 1935 versammelte er die Spitzen der Partei und der Wehrmacht in der Berliner Staatsoper Unter den Linden und stimmte die verstimmten Militärs in eineinhalbstündiger Lobrede wieder ein. Tenor: das "unbegrenzte und durch nichts zu erschütternde Vertrauen ... zu dem Können und vor allem zu der Loyalität der gesamten Wehrmacht".
Den Skeptiker mimte er selber; "Kommt aber vielleicht einer von der Partei und sagt zu mir: Alles schön und gut, mein Führer, aber der General Soundso spricht und arbeitet gegen Sie, dann sage ich: Das glaube ich nicht!"
Und: "Wenn dann der andere sagt: Ich bringe Ihnen aber schriftliche Beweise", dann "zerreiße ich den Wisch."
Das Schauspiel bewirkte mehr als erhofft. Die Militärs werteten es als Vertrauensbeweis "in ergreifender Form" (General Liebmann) und "einziges Bekenntnis zur Treue der Armee und Ihres Führers" (Fritsch), und sie waren zu weiterer Indoktrinierung geneigt; Blomberg befahl es bei der ersten Befehlshaber-Runde nach dem Staatsoper-Akt. Er forderte, was nicht einmal Hitler für erforderlich hielt: "Tief eingetaucht in die Weltanschauung des jetzigen Staates", müsse die Wehrmacht "jeden entfernen", der sich nicht zum neuen Geist bekenne.
Weil, so glaubte der Kavallerie-General Maximilian Freiherr von Weichs, das ganze Volk dank des Nationalsozialismus "den Gleichschritt des Heeres aufgenommen" habe, folgte das Heer selber "den Spuren des voranschreitenden Führers" (so ein NS-Ideologe).
Es folgte "Nationalpolitischen Lehrgängen" an Kriegsschulen und Akademien "Bei uns", so verstand es der Major Streil von der Münchner Kriegsschule' "ist jeder Nationalsozialist, und sollte er es nicht sein, so wird er es durch uns."
Wie, das lehrten Referate über "Die geistigen Grundlagen des Nationalsozialismus unter besonderer Berücksichtigung des Rassenproblems", den "Zusammenhang zwischen Fronterlebnis und Nationalsozialismus" und "Die Notwendigkeit einer Führerschicht im völkischen Staat", Besichtigungen der NS-Volkswohlfahrt und des Sicherheitsdienstes; zum Abschluß fanden sich NS-Schüler und NS-Lehrer zum "Bierabend beim Reichskriegsminister" ein.
Das Heer folgte der Richtung, die das Nürnberger Rassengesetz wies. Ein -- "Wegweiser für den rassehygienischen Unterricht" des Reichskriegsministeriums von 1936 proklamierte den "biologischen Abwehrkampf"' der 1938 zur "Kristallnacht" eskalierte, und ein halbes Jahr später forderte Marine-Chef Raeder eine "klare und schonungslose Kampfansage an den Bolschewismus und das internationale Judentum".
Und das Militär folgte auf dem Kriegspfad, den Hitler mit Aufrüstung und allgemeiner Wehrpflicht begehbar machte, die Deutschlands Wehrmacht bis 1939 auf einen Stand von 700 000 Mann katapultierte und im Laufe des Krieges zehn Millionen zu den Waffen rief. Denn Hitler werde, orakelte der Reichskriegsminister' "durch seine Intuition bei der kommenden Weltenwende siegen".
Am Vorabend des Krieges war Hitlers Wehrmacht folgsam genug, um ein Revirement in der Führungsspitze hinzunehmen, das Historiker Müller als "entscheidenden Markstein auf dein Wege zur fortschreitenden Entmachtung der Streitkräfte" wertet.
Es genügten ein Heiratsskandal und eine Verleumdung. Und es stürzte -- Ironie des Geschehens -- zuerst der Mann, der "nach Charakter und geistiger Struktur" ein "nahezu idealer Partner" (Müller) Hitlers gewesen war und der als Weltanschauungsvermittler "jeden Vergleich mit Göring" aushielt (Messerschmidt). Doch bei aller Loyalität: Generalfeldmarschall von Blomberg war Hitler noch "zu lahm".
Der Kriegsminister nahm im Januar 1938 seinen Abschied, als Hitler ihm abverlangte, sich von seiner soeben in zweiter Ehe angetrauten Frau, einer "Dame mit Vergangenheit" (Blom-
* Mit dem Oberbefehlshaber des Heeres. von Brauchitsch (l.), Und dem Chef des Generalstabs, Haider (r.).
berg), zu trennen. Er war regime-konform genug, um selber Kriegsplaner Hitler für seine Nachfolge vorzuschlagen
Heeres-Chef Fritsch. auch er kein Gegner des Regimes, aber für das Regime zu "knochenweich" (Hitler), zog sich kurz darauf gekränkt zurück, als man ihn homosexueller Amouren verleumdete. Den Praktiken seiner Widersacher hatte der Traditionsdenker ("Zur Politik fehlt mir alles") nichts entgegenzusetzen. Er war noch jetzt "dem Führer überhaupt von ganzem Herzen dankbar für das große Vertrauen" und fügte fast entschuldigend hinzu: "bis auf diesen Fall". Denn er war ihm "um so dankbarer, als ich weiß, auch aus seinem Munde weiß, daß von der Partei aus ständig gegen mich gehetzt" wurde.
Statt Fritsch zu rehabilitieren, berief Hitler den Nur-Soldaten General Walther von Brauchitsch. Und er komplettierte die Ämter-Manipulation, indem er den alten Zank um eine zentrale Wehrmachtsführung mit dem Ausbau des Reichswehrministeramtes zum Oberkommando der Wehrmacht (OKW) entschied. OKW-Chef Keitel versprach, "das Führerprinzip im Militärischen" anzuwenden. Der Chef des Wehrmachtsführungsamtes, Alfred Jodl, schalt skeptische Heeresgeneräle: "Sie können nicht mehr glauben und nicht mehr gehorchen, weil sie das Genie des Führers nicht anerkennen."
Fritsch, nunmehr Chef des 12. Artillerie-Regiments. glaubte noch, wenn auch in fatalistischem Zwiespalt: "Dieser Mann ist Deutschlands Schicksal im Guten wie im Bösen. Geht es jetzt in den Abgrund, so reißt er uns alle mit. Zu machen ist nichts."
Wie wenig mit dieser Wehrmacht zu machen war, zeigte sich schon in den ersten Wochen des Polenfeldzuges in der Auseinandersetzung mit NS-Funktionären und SS-Einsatzgruppen, die zwar formell der Wehrmacht unterstanden, doch, vom Reichssicherheitshauptamt (RSHA) Heydrichs gesteuert, selbständig operierten.
Denn was im besetzten Polen geschah, blieb der Wehrmachtsführung nicht verborgen. Halder wußte: "Absicht des Führers und Görings", das polnische Volk "zu vernichten und auszurotten" --- dagegen unternahm er nichts.
Heeres-Chef Brauchitsch überließ die "Unschönheiten' und die "unerquicklichen Dinge" den Polizeiorganen jenes Staates, zu dem sich viele Militärs stets freudig bekannten. Aus der "Volkstumspolitik" " so versicherte er Heydrich, werde sich das Heer heraushalten -- nur solle die "Bereinigung" erst "nach Herausziehen des Heeres" geschehen.
Was in der Etappe geschah, war nicht mehr Sache der Militärs. Militärhistoriker Müller: "Man schaute einfach weg."

DER SPIEGEL 31/1969
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