10.02.1969

STAATSBESUCHE / LÜBKEAm Bohren

Heinrich Lübke, 74, dessen Nachfolger in einem Monat gewählt wird, hat der Lübke-müden Republik noch eine letzte Fahrt ins Schwarze abgetrotzt:
Am Mittwoch letzter Woche startete der reisefrohe Staatsmann vom Flughafen Bonn-Wahn nach den afrikanischen Staaten Elfenbeinküste, Niger, Tschad. Diesmal hatte sich Kanzler Kiesinger nicht mehr wie sonst üblich zum Abschied eingefunden. Lediglich die Bundesminister Carlo Schmid und Herbert Wehner standen mit gezogenen Hüten auf dem Flugplatz.
Lübke, begleitet von seiner Frau Wilhelmine, will auf seiner letzten Staats-Tournee sein Bestes geben: Vor dem Abflug berichtete er den ihn begleitenden Journalisten, wie sorgfältig er sich auf den Besuch in Schwarz-Afrika vorbereitet habe, Lübke: "Jetzt habe ich es intus." Nämlich dies:
* "Das sind für mich alles Leute aus einem großen Topf, wo es sehr dunkel drin ist."
* Über Niger-Präsident Dion: "Das ist eigentlich ein bescheidener Mann. Der gibt für seine Wasserversorgung 16 Millionen Mark aus."
* Und über seine letzte Reisestation: "Unter dem Tschad gibt es noch zwei große Seen. Da sind die Franzosen jetzt am Bohren. Da kann man dann von oben sehen, ob unten Wasser ist." Sowie:
* "Im Tschad verlaufen alle Straßen im Sande."
Als er die erstaunten Gesichter seiner Zuhörer in der Villa Hammerschmidt sah, meinte der Bundespräsident: "Sie sehen mich zuweilen so an, als wollten Sie sagen: Du übertreibst vielleicht. Aber ich habe mir das alles erobert."
Vor dem Start monierte Lübke noch, wie lieblos ihn die Bundesregierung zu seiner letzten Mission ausstaffiert habe: mit einer Bundeswehr-Boeing statt einer luxuriöseren Lufthansa-Maschine. Die Luftwaffenbesatzung (Lübke: "Die kenne ich gar nicht") bekam denn auch vom Staatsoberhaupt die Mahnung mit in die Kanzel: "Nun macht mir aber keinen Unfall."
Tatsächlich hatten ihn die Bonner Staatsoberen gar nicht mehr aufs Ausland loslassen wollen, im April letzten Jahres war Außenminister Willy Brandt Zeuge von Lübkes Staatsbesuch in Tunesien gewesen und hatte verheerende Eindrücke von Lübkes Wirkung gewonnen.
Aber eigensinnig bestand der Präsident darauf, seine Amtspflichten bis zum traurig-bitteren Ende durchzustehen. Und da die Große Koalition Lübke nicht zum rechtzeitigen Rücktritt hatte veranlassen können, mußte sie ihn denn ziehenlassen.
Zweifel an der Opportunität eines Lübke-Besuches hatten auch die Gastgeber gehegt: So ließ der würdebewußte Regent der Elfenbeinküste, Felix Houphouet-Boigny, in den vergangenen Monaten mehrfach beim deutschen Botschafter in Abidjan, Rudolf Junges, anfragen, ob zur Zeit von Lübkes Staatsbesuch etwa der Nachfolger bereits gewählt sein werde. Erst Ende letzten Jahres konnte das Auswärtige Amt die Bedenken des Gastgebers beschwichtigen: Der neue Bundespräsident werde nicht, wie ursprünglich geplant, im Februar, sondern erst im März gewählt.
Am Mittwoch letzter Woche endlich setzte Oberstleutnant Mally die Präsidenten-Maschine in alter Luftwaffen-Manier so hart auf die Abidjaner Piste, daß die schwere Boeing noch zweimal hochsprang.
Houphouet-Boigny konnte mit Heinrich Lübke das erste Staatsoberhaupt aus Europa an der Côte d'Ivoire begrüßen. Unter einer Mütze aus deutscher Fabrikation salutierte dazu der Oberbefehlshaber: Thomas von Aquin.
Heinrich Lübke dankte: "Wenn wir über Ihr Land sprechen, dann haben wir uns immer davon etwas Märchenhaftes vorgestellt. Wir haben uns alle Bücher gekauft, die man bekommen konnte, um zu sehen, was das für Menschen sind. Wir haben immer da etwas Besonderes gehört und gesehen, und ich habe diese Hoffnung, daß ich alle diese Meinungen, die ich damals in mich hineingefuttert habe, daß ich die auch wirklich sehen kann."
Denn Heinrich Lübke ist nicht zum Spaß hier. Er reise nicht, so hatte der scheidende Bundespräsident die Journalisten aufgeklärt, um sich "mit den Präsidenten da ein paar schöne Tage zu machen". Sondern: "Das ist alles Entwicklungshilfe."

DER SPIEGEL 7/1969
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