17.02.1969

ORDENWar dran

Willy Brandts Auswärtiges Amt hatte sich nichts dabei gedacht: Eine "reine Routine-Angelegenheit" sei es gewesen, daß Bonns Madrid-Botschafter Hermann Meyer-Lindenberg am Mittwoch letzter Woche dem Informationsminister der Franco-Diktatur, Manuel Fraga Iribarne, das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband umhängte.
Die Ehrung des Ministers war von Meyer-Lindenberg selbst im· Oktober letzten Jahres angeregt worden, kurz vor Kanzler Kiesingers Reise in die iberischen Polizeistaaten. Und das AA stimmte zu: "Fraga war dran."
Warum, das hatte der Botschafter seiner Zentrale in Erinnerung gerufen: > Fraga habe sich "seit Jahren um die deutsch-spanischen Beziehungen verdient gemacht";
* er besitze "zur deutschen Kultur besonders vertiefte Verbindung" (drei seiner Kinder gehen in die deutsche Schule in Madrid, er regte eine deutsche Buchausstellung in Madrid und Barcelona an);
* er habe "den Besuch Alt-Kanzler Adenauers 1967 in Spanien vorbildlieb vorbereitet und organisiert".
Überdies, so Meyer-Lindenberg, gehöre der Ordenskandidat zu "den liberalsten Männern Spaniens, die sich stark für die Europäisierung eingesetzt haben. Fraga habe die Aufhebung der Presse-Vorzensur 1966 durchgesetzt.
Unerwähnt blieb die für Bonn peinliche Rolle, die Fraga während der SPIEGEL-Affäre gespielt hatte. Als damals die Anstifter der Affäre zu vertuschen suchten, daß und wie sie die Festnahme von Conrad Ahlers im spanischen Torremolinos bewerkstelligt hatten, stellte sie der Minister zum Schutz seiner eigenen Regierung bloß: Er enthüllte, daß entgegen allen deutschen Dementis die Festnahme doch über den Interpol-Draht angemahnt worden war.
Den Ordens-Antrag gab das Bonner Außenamt im November befürwortend an das Präsidialamt weiter, dessen Ordenskanzlei ihn dem Bundespräsidenten zur Unterzeichnung vorlegte. Heinrich Lübke signierte.
Dem Präsidenten fiel es nicht ein, dem spanischen Faschisten die Auszeichnung zu verweigern, wie er es hei deutschen Linken gelegentlich tut. Als die Professorin Klara Marie Faßbinder, 79, vor zwei Jahren für ihre Claudel-Übersetzungen den französischen Orden "Palmes académiques" erhalten sollte, versagte Lübke seine nach dem deutschen Ordensgesetz erforderliche Zustimmung.
Freilich, bei Klara Faßbinder war Schlimmes im Spiel Lübke: "Unter Kommunisten tritt sie als fromme Katholikin auf, und hei den Katholiken ist sie eine stramme Kommunistin. Das ist nicht zu überbietende Falschheit." Solche Arglist war bei dem Katholiken Fraga nicht zu befürchten.
Die Ordensverleihung hatte denn auch gute Chancen, ohne viel Aufhebens vonstatten zu gehen. Immerhin waren zwei Franco-Granden Ende 1968 anstandslos auf gleiche Weise ausgezeichnet worden:
Vizepräsident Admiral Carrero Blanco, dem Kiesinger das Bonner Kreuz im Austausch gegen das spanische Großkreuz "Isabel la Católica" verlieh;
Landwirtschaftsminister Diaz Ambrona, der den Orden auf Vorschlag seines Kollegen Höcherl erhielt.
Die Dekoration prominenter Franco-Anhänger wäre zur Bonner Routine geworden, wenn nicht wenige Wochen vor der Überreichung des Ordens an Fraga die Madrider Regierung den Ausnahmezustand verhängt, Studenten und Gewerkschafter verhaftet hätte (siehe Titelgeschichte Seite 94).
Nun erregten Fragas Schulterband und Stern denn doch Aufmerksamkeit. In der vergangenen Woche stellten die SPD-Bundestagsabgeordneten Joachim Raffert und Hans Matthöfer, der wegen seines langjährigen Engagements für den spanischen Widerstand in der SPD-Fraktion Der Abgeordnete von Barcelona" genannt wird. Dringlichkeits-Anfragen im Parlament. Raffert will unter anderem wissen, wie künftig die "Überreichung von Bundesverdienstorden an Angehörige von Regierungen ... die in ihrem Lande den Ausnahmezustand verhängt haben". unmöglich gemacht werden soll.
Karl Gerold, 62, Herausgeber der "Frankfurter Rundschau" und selbst Träger des Verdienstkreuzes, nannte in seinem Blatt die Ehrung des Ministers, "der im diktatorischen Spanien des Generals Franco dieselbe Rolle spielt, wie sie bei uns der unselige Goebbels gespielt hat", ein schmähliches Vorgehen".
Und deshalb, so Gerold, "sende ich mit gleicher Post ... den mir verliehenen Orden an den Herrn Bundespräsidenten zurück."

DER SPIEGEL 8/1969
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