17.02.1969

LÜBKE-REISERuhe eines Bauern

Geier kreisten träge, Windstöße wirbelten Wolken von Sand um die Lehmhütten des Sahara-Ortes Zinder tief im Süden der zentralafrikanischen Niger-Republik. Vor Tuaregs und Haussa, die in stoischer Ruhe auf ihren Kamelen und Pferden hockten, dankte Heinrich Lübke, 74, am Dienstag letzter Woche hei 38 Grad im Schatten dem Ortsleiter der Staatspartei, "daß Sie für die deutsche Situation so viel Verständnis gezeigt haben".
Auf seiner letzten Präsidenten-Tournee vier Wochen vor der Wahl des Nachfolgers (Ziele: Elfenbeinküste, Niger und Tschad) bot Lübke absurdes Theater: Er gab den Ruf er in der Wüste für die Wiedervereinigung.
Auf 13 Visiten in 28 Staaten hatte der Bundespräsident bereits 10 633 000 Mark verreist, doch er hat noch immer nicht genug. Beim Empfang in der Residenz des nigrischen Staatspräsidenten Dion Hamani enthüllte Lübke, wie er sich nach dem Auszug aus der Villa Hammerschmidt am 1. Juli dieses Jahres seine Zukunft als Repräsentant der Uno-Welternährungsorganisation FAO vorstellt: "Auf das Amt des Bundespräsidenten bin ich gar nicht angewiesen, ich werde auch später noch viel verreisen, für die FAO."
Auf seinem letzten Präsidenten-Trip freilich empfahl sich der Alte aus dem Sauerland nicht für weitere Missionen.
In Abidian an der Elfenbeinküste mußte Staatschef Felix Houphouet-Boigny. der einst in Paris mehrfach Kabinettsposten bekleidet hatte, die Unterhaltung fast allein bestreiten. Kam das Wort an den Gast, dann schwieg Lübke minutenlang oder lenkte auf landwirtschaftliche Probleme, speziell Wasserversorgung durch Brunnenbohrung: "Hat man denn da schon versucht, unter die Decke zu kommen?"
Einer von Houphouets Ministern über Lübke: "Er hat die große Ruhe eines Bauern."
In Niamey, der Hauptstadt des Niger, wiederholte sieb die Szene. Bonns Entwicklungshilfe-Minister Eppler, der Lübke begleitete: "Die Präsidenten finden es etwas langweilig, aber sie schätzen Lübkes Einfachheit."
Davon gab der Besucher Proben genug. So grübelte er beispielsweise über mangelnde Eiweiß-Versorgung der Menschen in Entwicklungsländern: "Wenn man das verschickt, weiß man nicht, was damit geschieht. Wenn es ihnen schmeckt, schütten sie Wasser drüber und trinken es, dann nützt es nichts." Und vor Entwicklungshelfern in Abidjan: "Ich hatte einmal genug Eiweiß gehabt, aber da wußte ich nicht, an wen ich es geben sollte. Es hätte ja sein können, daß der, der es kriegt, alles selber ißt."
Kann Lübke in den Entwicklungsländern Fortschritt registrieren, spart er nicht mit kräftigem Lob. Als ihm in der nigrischen Wüstensiedlung Tahoua die Ärzte eines von Deutschen geleiteten Krankenhauses berichteten, daß dort auch afrikanische Hebammen ausgebildet worden seien, erinnerte sich der Bundespräsident: "Ja, die habe ich gesehen. Prächtige Stücke."
Die Ärzte zeigten ihm auch einen Tuareg, dem beim Kampf um Brunnenwasser durch einen Säbelhieb der rechte Arm zerschmettert und für immer gelähmt worden war. Lübke erkundigte sich nach dem Alter des Verletzten und erfuhr, er sei 23 Jahre alt. Darauf der Bundespräsident: "Kann man ihn denn dann studieren lassen?"
Lübke genoß es, wenn ihm bei der Ankunft an einem neuen Reiseziel die Bevölkerung zujubelte. Eingehend befragte er deutsche Entwicklungshelfer über die Verehrung, die afrikanischen Dorf- und Familienältesten zuteil wird, und befand voll Wehmut: "In der Beziehung sind die afrikanischen Staaten uns voraus. Bei uns gibt es keinen Respekt vor dem Alter."

DER SPIEGEL 8/1969
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