17.02.1969

„DEUTSCHER BAUER“Frei fühlen

Dr. Gerhard Frey, 35, Herausgeber der Deutschen National-Zeitung" ("DNZ"), hatte Besuch vom Lande. In seiner Villa in München-Gräfelfing bewirtete er Thies Christophersen, 50, Landwirt und Herausgeber des Monatsblatts "Deutscher Bauer" (Auflage: 2000). der per Bahn aus Kälberhagen, Post Mohrkirch, in Schleswig-Holstein angereist war.
"Ein hervorragendes Organ", pries "DNZ"-Verleger Frey das auflagenschwache und ziemlich unbekannte Blatt aus der Nordmark. "Schon der Name", so schwärmte er über die Mini-Zeitung, sei "mit Geld nicht zu bezahlen".
Er war es doch. Das Bauernblatt wechselte -- bei Wurstbrot und Kaffee -- den Besitzer. Ein Arbeiter der Stirn und ein Mann von der Scholle reichten sich die Hand zum Bund.
Unter Freys Regie lasen fortan die Bezieher des früheren "Organs der "Notgemeinschaft Deutscher Bauern e.V." statt kleinbäuerlicher Agrar-Polemik aus Kälberhagen Frey-Deutsches über die "Totschrumpfung der deutschen Landwirtschaft" aus München. Das Verbandsblättchen wurde auf das Format der "DNZ" vergrößert, Und die kämpferischen Embleme des Titels (Schwarze Fahne, weißer Pflug, rotes Schwert) wurden grün eingefärbt.
Mit Fahne, Pflug und Schwert möchte der neue Herausgeber der Bauernzeitung, Frey" künftig auch an der grünen Front mitkämpfen. Nahziel: "Eine Auflage von 100 000 Exemplaren". Bislang hatte Frey die "DNZ"Auflage (Werbespruch: "Kampfblatt der nationalen Besinnung") vornehmlich durch Zuerwerb siecher Vertriebenenblätter wie "Teplitz-Schönauer Anzeiger" oder "Schlesische Rundschau" aufgestockt. Doch seit er sein Blatt nicht mehr in der bayrischen Grenzstadt Passau drucken läßt, sondern im westfälischen Hamm, versucht Frey, neue Leser im Landvolk zu rekrutieren und den Vertrieb ins Nordische auszuweiten.
Der Neuerwerb in Schleswig-Holstein schien Frey der rechte Anfang zu sein. Christophersen hatte das Blatt 1965 erworben und zunächst neben seiner Landwirtschaft (20 Rinder, 100 Schweine) redigiert. Später übergab er den Hof seinem Sohn, ließ sich von der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft umschulen und widmete sich hauptamtlich dem Zeitungsmachen.
Nach dem Vertrag mit Frey diente er nur noch als Chefredakteur -- für ein Salär von 900 Mark monatlich. Der Arbeitsvertrag sollte laut schriftlicher Vereinbarung nur "durch höhere Gewalt" gelöst werden können. Frey prophezeite Christophersen und seinem Blatt "unter Ihrer bewährten Schriftleitung eine große Zukunft".
Doch die Zukunft währte nur einen Sommer. Denn die freundschaftliche Kooperation, die an Fronleichnam in Freys Villa begründet worden war, wurde schon am Volkstrauertag durch einen Eilbrief aus München wieder beendet. Frey kündigte den Bund; Christophersen reichte beim Arbeitsgericht Flensburg eine "Klage des Agrarjournalisten Thies Christophersen ... gegen den Verleger Dr. Gerhard Frey" ein.
Mehr als um seine bescheiden dotierte Position als Chefredakteur fürchtete der Bauer aus Kälberhagen um sein "Sprachrohr der agrarpolitischen Opposition", das er zusammen mit schleswig-holsteinischen Agronomen zu einem radikalen Organ gegen den CDU-gesteuerten Bauernverband geschärft hatte. Christophersen: "Wir sind konservativ, fortschrittlich, sozial und national."
Und von seinen Aufgaben hatte der vielschichtige Chefredakteur andere Vorstellungen als sein Brotherr. Denn nach der anfänglichen telephonischen Übermittlung von Texten zwischen München und Kälberhagen fand sich Christophersen bald nur noch mit der Weitergabe von Adressen anderer Bauernblättchen ("zwecks Ankauf") sowie mit Abonnentenwerbung befaßt. Außer seinen eigenen Beiträgen wurden ihm die Texte "stets erst nach der Veröffentlichung bekannt". Der Chef: "Ich kann doch nicht verantworten, was mir andere ins Blatt setzen."
Christophersen an Frey: "Ich bin sauer, daß Sie mich immer noch von der redaktionellen Arbeit ... fernhalten." Frey an Christophersen: "Wenn Sie in der Art ... weitermachen, dann werden Sie es demnächst erleben, daß auch ich sauer bin."
Christophersen machte weiter. Dr. Frey wurde sauer. Die zwei Partner wußten, daß bei Landwirten während der Umschulung vom Arbeitsamt 50 Prozent des Gehalts zugeschossen werden, und Christophersen hatte dem zuständigen Amt in München-Pasing dazu wahrheitsgetreue Angaben geliefert.
Als sich die zahlende Behörde per Fragebogen erkundigte, wie weit die Umschulung zum Chefredakteur gediehen sei, trug Christophersen in das Formular ein, daß er "zur Zeit ... nicht in der Redaktion tätig" sei. Seine "Hauptarbeit bestehe in der Abonnentenwerbung". Dann schickte er den Fragebogen seinem Brotherrn "mit der Bitte um Ergänzung und Weitergabe".
Freys Antwort brachte am 17. November der Eilbote: "Aus Ihrem Brief und aus Ihrem beabsichtigten Schreiben an das Arbeitsamt ersehe ich, daß Sie sich mir gegenüber nicht frei fühlen, und ich hoffe, daß Ihnen meine Kündigung die Freiheit wiedergibt."
Gegen den Rauswurf mobilisierte Christophersen zunächst einmal seinen Rechtsanwalt. Und auch Verleger Frey war "gern bereit, meine Anwälte mit Ihren Anwälten verhandeln zu lassen".
Dann aber ließ der Münchner Verleger lieber seinen zum 31. Dezember 1968 gekündigten Chefredakteur ein weiteres Mal in die Münchner National-Zentrale reisen. Ergebnis der "Arbeitsbesprechung": Frey zog die Kündigung zurück, Christophersen die Klage.
Danach durfte Christophersen zwar wieder wie ein richtiger Chefredakteur Manuskripte lesen, aber die ganze Wahrheit präsentiert ihm Frey nach wie vor erst mit der gedruckten Zeitung. Christophersen über die jüngste Nummer des Monatsblatts: "Er hat mir wieder einiges untergejubelt, und das paßt mir nicht."

DER SPIEGEL 8/1969
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