17.02.1969

TSCHECHOSLOWAKEI / PAMPHLETEVor dem Spiegel

Namenlose "Prager Kommunisten" enthüllten es Brünner Bürgern per Post: "Smrkovský ist krankhaft ehrgeizig und von der Sucht nach Macht besessen."
So zu lesen in einer 13-Seiten-Broschüre mit dem Titel: "Die Metamorphosen des Josef Smrkovský." Als Massenwurfsendung kam das Psychogramm über Prags populärsten Reformer Anfang Februar den mährischen Hauptstädtern ungebeten ins Haus. Brünns Ausgabe der Gewerkschaftszeitung "Práce zu dem anonymen Post-Wurf: Eine Lumperei."
Die Schmähschrift (Zitate aus geheimen Dokumenten und stenographischen Aufzeichnungen") über Besatzungs-Gegner Smrkovský: "Im Dezember 1967 bot er seine Dienste Novontný an und schlug ihm vor, die Sache gemeinsam fest in die Hände zu nehmen und Ordnung zu schaffen. Später gewann er (den Konservativen) Vasil Bilák gegen Alexander Dubcek."
Vor und nach dem August dagegen habe "Smrkovský den Kräften der Rechten geholfen, eine nationale und antisowjetische Hysterie auszulösen. Was die Pamphlet-Autoren, die sich nur "Prager Kommunisten" nennen, besonders stört: "Nicht ein einziges Mal hat sich Smrkovský laut zu seiner Liebe zur UdSSR und zum Bündnis mit der Sowjet-Union bekannt."
Die Kritiker an dem "Mann mit den zwei Gesichtern" behaupten auch, die Gründe für das doppelte Spiel zu kennen aus intimer Quelle: Er strecke bereits die Hand nach dein Amt des Staatspräsidenten ans. Im Familien- und Freundeskreis sei erzählt worden, er übe bereits die Posen eines Präsidenten vor dem Spiegel.
Die trübe Quellen-Forschung erreichte nicht nur Brünner Adressen -- bedacht wurde auch die Redaktionsvertretung des SPIEGEL in West-Berlin. Ein Begleitbrief -- in holprigem Deutsch verfaßt -- beteuerte: "Es sind keine Provokationen. Das sind authentische Sachen!
Eine vage Spur zu den Absendern des Pamphlets lieferten mehrfach im Text wiederkehrende Druckfehler. Sie führten nach Osten. Denn die im Tschechischen mit "V" oder "K" geschriebenen Worte sind häufig mit "W" oder "G" gesetzt, wie in der polnischen Sprache üblich.
Die Autoren der Schmähschrift aber wurden in Prag entdeckt -- in der konservativen Fraktion der Partei. Sie hatten schon einmal versucht, den unbequemen Gegner Smrkovský durch gefälschte Dokumente um seinen guten Ruf zu bringen.
Anfang Januar waren in der "Mährischen Druckerei" von Ostrau zwei Männer "als Beauftragte des Zentralkomitees" erschienen und hatten den Druck einer Broschüre, "bestimmt für den innerparteilichen Gebrauch", in Auftrag gegeben. Bis auf geringe Abweichungen war es der gleiche Text wie der des in Brünn verteilten Pamphlets.
Trotz heftiger Proteste der Drucker gegen den Inhalt der bestellten Partei-Broschüre wurde die Schrift in 50 000 Exemplaren gedruckt. Setzer und Drucker mußten unter strenger Bewachung in Sonderschichten arbeiten. Der Druckereileiter entschuldigte seine Bereitschaft später mit "günstigen finanziellen Bedingungen".
Die Auslieferung der Broschüre aber verhinderte eine Arbeiterin: Sie alarmierte nachts die Prager Partei-Zentrale. Parteichef Dubcek -- "Wir müssen zugeben, daß hier Öl ins Feuer gegossen wurde" -- ließ die Schriften vernichten und berief eine dreiköpfige Untersuchungskommission.
Das Trio des Parteigerichts fand inzwischen die Täter; das Resultat seiner Untersuchung aber blieb bisher geheim: Es enthüllt die Spaltung in der Prager Parteispitze.
Inspiriert und in Auftrag gegeben
so ergaben die Ermittlungen -- wurde das Anti-Smrkovský-Pamphlet von zwei führenden Partei-Konservativen: Präsidiums-Mitglied Bilák und ZK-Mitglied Kolder, den Smrkovský im vorigen Herbst einen "demoralisierten Alkoholiker" genannt hatte (SPIEGEL 42/1968). Material gegen den Reformer hatte auch Milos Jakes, der Vorsitzende der Partei-Kontrollkommission, gesammelt.
Parteichef Dubcek hat nicht mehr die Macht, die Rufmörder auch öffentlich zu entlarven. Auch gegen ihn und den Staatspräsidenten Svoboda kursieren in der CSSR schon illegale Hetzschriften. Zur Beruhigung der aufgebrachten Prager ließ der Parteichef den Schuldigen im Vorzimmer lokalisieren: Die Verantwortung für das Ostrauer Druck-Werk übernahm der Büroangestellte im ZK-Sekretariat, Sykora. Er wurde gefeuert.

DER SPIEGEL 8/1969
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