17.02.1969

Otto Köhler„ENTEIGNET EXTRA-DIENST - ENTMACHTET RÖHL!“

Das Teach-in zum 50. Jahrestag der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht hieß: "Die revolutionäre Strategie der Linken". SDS-Sprecher Walter Weiler gab bei dieser Gelegenheit in der West-Berliner TU eine Strategie zur geschwinderen Durchsetzung der Revolution bekannt. "Genossen", rief er aus, "ich fordere euch auf, den "Extra-Dienst' abzubestellen."
Der "Berliner Extra-Dienst" ("ED") erscheint zweimal wöchentlich bei rund 4000 Abonnenten und versteht sich als ein Apo-Informationsdienst. "Wir betrachten es als unsere Hauptaufgabe", so Redaktionsleiter Carl L. Guggomos, "die Apparate zu verunsichern -- wir haben überall unsere Leute drin." Streng vertrauliche Protokolle von Landesausschußsitzungen der SPD und von Senatsberatungen, geheime Papiere von Verfassungsschutz und BND erreichten so unerwünschte Öffentlichkeit.
Das linke Informationsblatt, das als einziges West-Berliner Presseorgan regelmäßig über Polizeiterror gegen Demonstranten berichtet hatte, betrachtete aber auch Steinoffensiven gegen Polizisten und Warenhausscheiben nicht als höchste Weisheit revolutionärer Taktik.
Ergebnis: der Boykott-Aufruf und eine Broschüre, die eine "Adhoc-Gruppe Extra-Dienst im Republikanischen Club" veröffentlichte. Danach haben sich die ebenfalls dem RC angehörenden "ED"-Redakteure der "Gerüchtemacherei", des "Scheinkonkretismus", des "verkommenen Journalismus", ja des "Lumpenjournalismus" schuldig gemacht. Der "Extra-Dienst" bekommt sogar den infamsten Vorwurf zu hören" den sich Linke machen können -- sein Wirken wird mit dem des SPD-Ministers Noske verglichen.
Konsequenz der Ad-hoc-Broschüre: "Wir werden ... die denkfaulen und praxisfaulen Dogmatiker aus dem "Extra-Dienst' entfernen." Dazu haben sich die Ultralinken zwei gutbürgerliche Methoden ausgedacht:
die volkskapitalistische -- Umwandlung des "ED" in eine Publikumsgesellschaft, die 50-Mark-Aktien ausgibt, deren Eigentum ein Kontrollrecht über die Redaktion ermöglicht, die ordinär-kapitalistische Anwandung des GmbH-Gesetzes auf den "Extra-Dienst", der jetzt in der juristischen Form einer GmbH existiert.
Dies bedeutet: Rechtsanwalt Mahler, einer der fünf "ED"-Gesellschafter und zugleich Mit-Initiator der "ED"-Abbestell-Kampagne, will die Redaktion durch eine Gesellschafterversammlung unter die Macht der Ultralinken bringen. Dazu Guggomos: "Es muß ausgeschlossen sein, daß nach dem Vorbild der kapitalistischen Presseorganisation juristische Eigentumsrechte zur politischen Disziplinierung der Redaktion benutzt werden können."
Die "ED"-Redakteure sind für den sozialistischen Weg. Sie verlangen: "Enteignet den Extra-Dienst. Sie fordern die Umwandlung der kapitalistischen "ED"-GmbH in eine sozialistische Produktionsgemeinschaft der Redakteure und Mitarbeiter. Und Erfahrung mit Expropriationsforderungen haben sie. Von ihnen stammt die Parole "Enteignet Springer".
*
Nicht enteignet, aber immerhin entmachtet werden soll auch der Eigentümer einer anderen linken Zeitschrift: Klaus Rainer Röhl, Herausgeber des Polit-Sex-Magazins "Konkret". Ulrike Marie Meinhof. seit langen Jahren politische Kolumnistin, die dem Blatt das linke Publikum sichert, hat Röhl den Kampf angesagt. Offiziell eröffnet wurden die Feindseligkeiten mit einem Beitrag "Kolumnismus", in dem Ulrike Meinhof über ihre eigene Rolle nachdachte: "Kolumnisten haben Entlastungsfunktionen: Sie dürfen schreiben, wie und was sie wollen. So wird der Eindruck erweckt, in dieser Zeitung dürfte geschrieben werden, wie und was die Schreiber wollen." Doch dieser Eindruck, schrieb die Kolumnistin Meinhof, trügt, denn Kolumnisten sind "redaktionelle Außenseiter", sie "haben auf den übrigen Inhalt des Blattes keinen Einfluß, die Neger im State Department, die Frauen in der Bundesregierung, Feigenblatt, Alibi, Ausrede".
"Kehrseite der Kolumnisten-Freiheit" ist, sagt Ulrike Meinhof, "die Unfreiheit der Redaktion". Bei "Konkret" bedeute das: Die Artikel müssen versehen sein mit "Sex-Appeal, Horror-Appeal, Crime-Appeal, Oppositions-Appeal, Human-Touch".
Klaus Rainer Röhl, rüstiger Playboy am Rande der Apo, antwortete auf diese "Kolumnismus -Kolumne mit einem schulterklopfenden "Ach, Ulrike-Aufsatz, in dem er den politischen Konflikt auf eine psychische Zwangshandlung reduzierte: "Ulrike hat das Bedürfnis verspürt, sich von unserer Zeitschrift zu distanzieren. Er winkte mit den pünktlichen Henorarüberweisungen und versprach als einzige Änderung daß "Konkret" bald wöchentlich erscheinen werde.
Doch so einfach soll Röhl nicht davonkommen Ulrike Meinhof will nicht länger Feigenblatt" für Redaktionsunfreiheit sein. Sie verlangt, daß "der Chefredakteur aufhören muß, Anweisungen zu geben -- Befehlsempfänger können keine gesellschaftlichen Verhältnisse aufdecken".
Erster Erfolg: Stefan Aust, der als geschäftsführender Redakteur mit straffer Hand die Redaktion des antiautoritären Blattes regierte, ist "in aller Freundschaft" gegangen. Und Herausgeber Röhl, der einsame Entschlüsse liebt, sieht sich immer stärker dem Widerstand der von Ulrike Meinhof aufgemunterten Redakteure konfrontiert.
Neuester Streitpunkt: "Kill-in", eine Serie, die Ku-Klux-Klan-Sitten und Rassenhaß schildert, dabei aber wichtig für "Konkret" -- liebevoll geschilderte Details von Sexualverbrechen nicht vergißt.
Ulrike Meinhof äußerte in der neuesten Nummer als "Resultat einer redaktionellen Diskussion" über drei Spalten heftigen Widerspruch. Sie sieht in dem Abdruck ihren Verdacht bestätigt, daß "Konkret" weniger eine linke als eine "opportunistische Zeitung" ist, weil "man die Verhältnisse, die man theoretisch zu bekämpfen vorgibt, praktisch nur reproduziert. Röhls Antwort im gleichen Heft war knapp und dürftig: "Unsere Kill-in-Serie ... gehört zu den meistgelesenen Artikeln unseres Heftes, so daß wir auf Wunsch der Leser statt ursprünglich drei geplanten sechs Folgen veröffentlichen."
Trefflicher als Röhl hätte solches auch nicht "Axel Springer formulieren können, der sich auf die tägliche Kioskabstimmung beruft, um "Bild" so zu machen, wie es ist.

DER SPIEGEL 8/1969
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