03.02.1969

„EIN GRAUSAMER PREIS FÜR UNSERE TORHEIT“

Am 5. Juni 1967 wurden alle unsere Sorgen, Befürchtungen und Vorahnungen zu greifbarer Wirklichkeit: Es begann der sogenannte Sechs-Tage-Krieg. Allerdings dauerte er nur für Syrien sechs Tage. Für Jordanien endete er nach drei Tagen, und für die Vereinigte Arabische Republik (Ägypten) war er wenige Stunden nach seinem Beginn entschieden.
In der vorangegangenen Nacht hatte ich mit dem ägyptischen General Abd el-Munim Riad, dem alle arabischen Streitkräfte auf jordanischem Boden unterstanden, eine Lagebesprechung gehabt. Ich erinnere mich genau, wie ich den anwesenden jordanischen Kabinettsministern und Militärs sagte: "Es kann nur noch eine Frage von Stunden sein, bis Israel angreift." Mit General Riad besprach ich die Gefechtsformationen.
Die für die jordanische Front festgelegte Verteidigungsstrategie sah vor, daß an der außerordentlich langen Waffenstillstandslinie (annähernd 650 Kilometer) vorgeschobene Vorwarnungsposten die Front zu überwachen hatten. An dieser Linie sollte der Gegner so lange wie möglich aufgehalten werden.
Der Telephonanruf meines Flügeladjutanten am Morgen des 5. Juni überraschte mich nicht: Die israelische Luftwaffe hatte begonnen, ägyptische Flugplätze zu bombardieren. Von Feldmarschall Abd el-Hakim Amir, dem Oberkommandierenden der Streitkräfte der Vereinigten Arabischen Republik (VAR), war die Nachricht eingetroffen, daß rund 75 Prozent der angreifenden Maschinen von den Ägyptern abgeschossen worden seien; Flugzeuge der VAR seien im Begriff, israelische Militärflugplätze zu bombardieren, und ägyptische Armeeverbände eröffneten soeben eine Offensive auf der Sinai-Halbinsel. Amir gab Befehl, die jordanischen Streitkräfte ohne Aufschub in die Kämpfe eingreifen zu lassen.
In hohem Tempo fuhr ich zu General Riad in das Hauptquartier der Armee. Die Jordanier waren einsatzbereit; die Syrer jedoch baten um Aufschub -- sie behaupteten, keines ihrer Flugzeuge sei startbereit. Die Iraker, die vom Kriegsschauplatz weiter entfernt waren, wurden schließlich vor den Syrern fertig. So war wertvolle Zeit verlorengegangen.
Später stellte sich heraus, daß die israelischen Verluste, um das mindeste zu sagen, stark übertrieben worden waren. Keine einzige ägyptische Maschine hatte einen Luftkampf geführt, kein ägyptisches Flugabwehrgeschütz war eingesetzt worden, und die ägyptische Luftwaffe wurde fast vollständig am Boden zerstört. Ebensowenig entwickelte sich eine Landoffensive,
(c) 1969 Ferenczy Verlag A. G., Zürich.
und als unsere Luftwaffe zum Angriff gegen die israelischen Militärflugplätze aufstieg, waren die israelischen Maschinen bereits zurückgekehrt und auf unsere Reaktion vorbereitet.
Vom Armeehauptquartier fuhr ich zum Führungsstand der Luftwaffe und verfolgte am Funkgerät den Start der ersten Welle unserer Hawker-Maschinen. Ich wartete ihre Rückkehr ab und nahm von den Piloten die ersten Berichte entgegen. Sie hatten ihre Ziele fast völlig verlassen angetroffen. Nur vier feindliche Maschinen konnten sie am Boden ausfindig machen und zerstören.
Um 12.30 Uhr begannen die Israelis mit den ersten schweren Luftangriffen auf unsere Flugplätze Mafrak und Amman und auf die Hauptradarstation Ajlun. Daraufhin erhielt unsere schwere Artillerie Befehl vorzurücken, und um 17.00 Uhr beschoß sie die Radarstation Al Quastal und vier israelische Flugplätze.
Während ich die Einsätze unserer Luftwaffe verfolgte, erhielt ich eine Botschaft von Uno-General Odd Bull, dem Leiter der Uno-Kommission zur Überwachung des Waffenstillstands. Er teilte mir mit, an der ägyptischen Grenze hätten die Kämpfe begonnen; wenn wir nicht eingriffen und uns sozusagen brav verhielten, würden wir von ernsten Folgen verschont bleiben. Ich antwortete, unsere Entgegnung sei bereits unterwegs.
Fast zur gleichen Zeit traf die Information ein, daß an der Waffenstillstandslinie geschossen werde, in Jerusalem seien Kämpfe Im Gang, und ein jordanisches Bataillon habe den Scopus-Berg besetzt.
Damals und später haben mich viele aufrichtige Freunde "Jordaniens und einige heuchlerische Kritiker gefragt, warum ich in diesen Krieg eingetreten sei. Die Antwort ist ebenso einfach wie zwingend. Die israelischen Aggressionsabsichten waren kein Geheimnis. Selbst wenn Jordanien dieses Mal verschont geblieben wäre, hätte das nur eine kurze Galgenfrist bedeutet. Israel hätte sehr bald einen Vorwand zur Besetzung Westjordaniens gefunden. Ein altes arabisches Sprichwort sagt: "Ich und mein Bruder gegen meinen Vetter, aber mit meinem Vetter gegen den Fremden."
Es lag doch auf der Hand, daß Jordanien militärisch gesehen ein Hauptangriffsziel der Israelis war, einmal, weil von Jordanien aus die schmale Taille Israels zu überblicken ist, und zweitens, weil kein endgültiger Friedenszustand herrschte. Und es war ebenso selbstverständlich, daß sich Jordanien mit seinen begrenzten militärischen und wirtschaftlichen Mitteln niemals allein verteidigen könnte. Sein Überleben und auch das eines jeden anderen Nachbarn Israels hing von der gemeinsamen Verteidigung ab.
Im übrigen gab es rechtliche Gründe für unsere Haltung. Drei Verträge verpflichteten uns, aktiv zu werden: das gemeinsame Verteidigungsabkommen aller arabischen Staaten, die Charta der Arabischen Liga und die Mitgliedschaft im Arabischen Oberkommando. Ein Staat, der auf das Vertrauen nicht nur seiner eigenen Bürger, sondern auch der Welt Wert legt, muß sich strikt an den Grundsatz halten "Pacta sunt servanda" (Pakte sind einzuhalten), wie pathetisch das auch angesichts des Kriegsausgangs klingen mag.
Am Mittag erreichte mich ein Anruf von Präsident Nasser. Er wiederholte die Nachrichten, die mir bereits aus der Botschaft des Feldmarschalls Amir bekannt waren, und bat mich, die militärische Lage soweit wie möglich zu verbessern, denn nach seinen Informationen beabsichtige der Sicherheitsrat der Uno, noch am selben Abend eine Feuereinstellung anzuordnen.
Selbstverständlich gab ich diese Botschaft an General Riad weiler. Ich fürchte, sie trug weitgehend zu der Entscheidung bei, die zur Katastrophe führte. An diesem Montagvormittag hatte ich noch immer keine Ahnung, wie die militärische Lage in Ägypten tatsächlich aussah.
Der irrtümliche Glaube, die arabischen Luftstreitkräfte seien noch immer im Einsatz, die Fehlentscheidung, durch eine Offensive einen Vorstoß Ägyptens zu unterstützen, und die Annahme, man werde von der syrischen Flanke her die erwartete Unterstützung erhalten, hatten schwerwiegende Folgen.
Den größten Teil dieses Tages und der folgenden Nacht verbrachte ich im Armeehauptquartier und im Führungsstand der Luftwaffe; außerdem fuhr ich zu unseren zerstörten Luftbasen, zum Hauptquartier der Zivilverteidigung und zum Hauptlazarett unserer Streitkräfte, wo ich Verwundete besuchte.
Zu meinem Glück war ich nicht einmal in die Nähe des Königsschlosses gekommen. Bei einem der allerersten israelischen Angriffe auf Amman wurde das Schloß mit Maschinengewehren und Raketen beschossen, wobei vor allem mein Büro und der Konferenzsaal getroffen wurden. Die Israelis wußten genau, was sie wollten. Über die Fülle und die Genauigkeit ihrer Informationen waren wir geradezu verblüfft. Von abgeschossenen israelischen Fliegern erfuhren wir daß sie über jede Einzelheit unserer militärischen und wirtschaftlichen Einrichtungen unterrichtet waren.
Gegen Abend fuhr ich nach Mafrak, unserem wichtigsten Militärflugplatz, der den ganzen Tag lang unter schweren Luftangriffen gelegen hatte. Ich sah das ganze Ausmaß der Zerstörungen. Der Flugplatz glich einer Kraterlandschaft. Alle unsere Flugzeuge waren vernichtet.
Die israelische Strategie war wohldurchdacht, aber einfach. Der Überraschungsangriff richtete sich zunächst gegen die Flugplätze der benachbarten arabischen Staaten. Zugleich bepflasterten sie Radareinrichtungen und Rollbahnen mit Bomben, so daß es für die bereits gestarteten Maschinen unmöglich war, ohne Beschädigung zu landen.
Ihre ersten Schläge teilten die Israelis mit unerwarteter Brutalität aus. Sie respektierten weder das Rote Kreuz noch den Roten Halbmond. Sie griffen Privatautos mit Napalmbomben an. Sie flogen Terrorangriffe gegen Dörfer, in denen sich kein einziger Soldat aufhielt.
Der Zahl nach waren die Luftstreitkräfte der Israelis und der Araber etwa gleich stark. Aber in den ganzen 19 Jahren nach dem Palästinakrieg hatten die Araber nicht vermocht, ihre Verteidigungsanstrengungen zu koordinieren. Ich will nicht aufzählen, wie oft ich eine solche Koordinierung verlangt habe. Ich war und blieb im wahrsten Sinne des Wortes eine einsame Stimme in der Wüste. Jetzt mußten wir den Preis für unsere Torheit und unsere Kurzsichtigkeit bezahlen.
Der nächste Tag, der 6. Juni, begann für uns wenige Minuten nach Mitternacht, als der Feind im Abschnitt Jerusalem die Dörfer Schufat und Tantur mit schwerer Artillerie beschoß.
In Jerusalem wurde die Lage immer kritischer. Um 2.45 Uhr stießen die Israelis mit Panzern, motorisierter Infanterie und Artillerie in Richtung der Breit-Our-Kreuzung vor, während ihre Luftwaffe Tal El Foul, Schufat und das Gebiet der Französischen Hügel pausenlos bombardierte. Um 6.55 Uhr tobten noch immer Straßenkämpfe in Jerusalem, das schon völlig vom Feind umzingelt war. Um 9.45 Uhr hatten die israelischen Truppen den jordanischen Teil der Stadt bis auf die Altstadt besetzt.
Bei Tagesanbruch des 7. Juni war die Sitzung des Sicherheitsrats der Uno noch immer nicht beendet. In Jerusalem floß Blut, arabisches und israelisches. Die jordanischen Truppen kämpften einen verzweifelten Kampf. Um 2.35 Uhr erhielten die Brigaden Imam Ah und König Talal den Befehl: Entsprechend der Resolution des Sicherheitsrats sei das Feuer einzustellen, sofern auch der Feind sich daran halte. Doch noch um 9.30 Uhr flog die israelische Luftwaffe heftige Angriffe, und um 12.50 Uhr erhielten die Überlebenden der beiden Brigaden Befehl, sich nach Ostjordanien zurückzuziehen.
In den frühen Morgenstunden flog die israelische Luftwaffe auch schwere Angriffe, vor allem mit Napalmbomben, gegen unsere Einheiten in Mar Ellias und Tabalya. Um 10.25 Uhr wurde der Brigade befohlen, über den Jordan zurückzugehen. Gegen Abend hatte sie das Jordantal erreicht. Inzwischen war der größte Teil ihrer Ausrüstung von israelischen Flugzeugen zerstört worden. Mit dem Rest ging sie nach Ostjordanien zurück. Den körperlichen und geistigen Zustand, in dem ich mich am 8. Juni befand, möchte ich mir nicht in Erinnerung rufen. Ich entsinne mich nur, daß ich mich seit drei Tagen nicht rasiert hatte und nach den schlaflosen Nächten körperlich erschöpft war. Zorn und Kummer lähmten mich.
Mit jeder Nervenfaser war ich an den Ereignissen beteiligt. Es ging um mein Land, mein Volk, meine Armee. Seit fast 20 Jahren hatten wir uns vorbereitet, um für die Stunde der Entscheidung gerüstet zu sein. Seit fast 20 Jahren hatten wir uns um die arabische Einheit und um eine wirksame Organisation bemüht, damit wir, wenn die Stunde schlagen würde, unserem mächtigen Gegner wie ein Mann entgegentreten könnten.
Seit fast 20 Jahren hatten wir Opfer an persönlicher Freiheit gebracht und auf einen besseren Lebensstandard verzichtet, um völlige Freiheit und die Chance zu völliger wirtschaftlicher Entwicklung zu gewinnen -- und doch war es zu diesem Ende gekommen.
Weder geistig noch militärisch waren wir ausreichend gerüstet. Selbst angesichts der israelischen Aggression waren wir nur in Worten geeint, überall sonst aber fehlte es an Koordinierung. Ich hatte die Katastrophe mit offenen Augen auf uns zurollen sehen. Uns blieb nichts anderes übrig, als sie männlich durchzustehen, damit künftige Generationen ihre Väter nicht würden verachten müssen, und zugleich durch die soldatische Haltung der Jordanier allen Völkern der großen arabischen Nation ein Beispiel zu geben.

DER SPIEGEL 6/1969
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