13.01.1969

ERDÖLSchluß und sorry

Frankreichs Außenamtschef Michel Debré wählte starke Worte. Wenn Bonn nicht auf seine Wünsche eingehe, werde die deutsch-französische Freundschaft "einen Stoß erhalten".
Dann übergab de Gaulles Außenminister -- am 20. Dezember -- dem deutschen Botschafter Sigismund von Braun in Paris ein gepfeffertes Aidemémoire. Der Text müsse dem deutschen Bundeskanzler direkt vorgelegt werden. Kiesinger solle alsbald "unter politischen Gesichtspunkten" entscheiden.
Nur mit Hilfe des Kanzlers, der sich de Gaulles Wünschen bisher stets gefügig zeigte, glaubt Debré ein Geschäft retten zu können, das Karl Schiller den Franzosen bereits abgeschlagen hat: Frankreichs staatliche Mineralölgesellschaft Compagnie Française des Pétroles (CFP) will mit Macht ihr überschüssiges Benzin aus dem algerischen Ölgebiet in Westdeutschland verkaufen. Da aber die CFP auf dem deutschen Markt nur mit einigen hundert "Total"- und "Brenntag"-Tankstellen vertreten ist, sucht sie Zugang zu den 12 500 Zapfstellen der deutschen Aral AG.
Schlüssel zu diesem neuen Absatzweg ist ein Paket Aktien des einzigen international renommierten deutschen Ölkonzerns, der "Gelsenkirchener Bergwerks-AG" (GBAG), die wiederum über 27,8 Prozent der Kapitalanteile von Aral verfügt.
Das umstrittene Paket -- reichlich 30 Prozent des Kapitals von Gelsenbeng -- liegt in den Tresoren der Dresdner Bank und steht seit langem zum Verkauf. De Gaulles Öl-Magnaten behaupten, das deutsche Bankinstitut habe mit ihnen im Juni letzten Jahres einen bindenden "Vorvertrag" (CFP-Chef Victor de Metz) geschlossen. Aber Dresdner-Bank-Vorstand Werner Krueger straft die Franzosen Lügen: "Es existiert kein Vorvertrag. Wir sind in der Verfügung über das Paket völlig frei."
Nach ergebnislosen Verhandlungen mit Bonns Schatzministerium" dem Volksaktien-Konzern Veba und den Farbwerken Hoechst hatte Krueger im Juni 1968 allerdings um die Franzosen geworben. Er bot ihnen an, das begehrte Paket zum Kurs von 250 (Tagesnotiz: 185) in eine Dachgesellschaft einzubringen, an deren Kapital von 500 Millionen Mark die CFP zur Hälfte beteiligt werden sollte. Metz und Krueger hielten die Bedingungen in einem Vertragsentwurf fest, der freilich niemals rechtskräftig unterschrieben wurde.
Am 12. September intervenierte Schiller, bei dem Krueger im Wort stand, nicht ohne Bonns Genehmigung ins Ausland zu verkaufen. Der Wirtschaftsminister hatte mit der GBAG Besseres im Sinne.
Er will die in acht Unternehmensgruppen zersplitterten Firmen der deutschen Mineralölindustrie überreden, eine große deutsche "Rohölversorgungs-Gesellschaft" zu gründen. Die gemeinsame Tochterfirma soll -- notfalls mit Bundeshilfe -- in Übersee auf Rohölsuche gehen, um die Ölversorgung der Bundesrepublik nicht völlig von ausländischen Firmen abhängig werden zu lassen.
Kernzelle des Gemeinschaftsunternehmens kann nur die GBAG sein, die als einzige Firma der Bundesrepublik lohnende Schürfkonzessionen im Ausland besitzt. Nach einem Kontrakt mit dem US-Konzern Mobil Oh steht der GBAG ein Drittel der gemeinsamen libyschen Erdölförderung (jährlich 3,8 Millionen Tonnen) zu.
Überdies hatte der Geschäftspartner Mobil Oil -- mit der GBAG nicht nur an den libyschen Ölquellen, sondern auch an den Aral-Tankstellen beteiligt
angemeldet, er werde lediglich einen deutschen Käufer des Aktienpaketes tolerieren. Bei einem Verkauf nach Frankreich, so mußte Karl Schiller fürchten, werde der amerikanische Konzern versuchen, durch eine Börsenschlacht jene 62 Prozent Kapital der GBAG (die restlichen acht Prozent hält die Deutsche Bank) an sich zu bringen, die im Besitz einiger zehntausend Aktionäre sind.
Auf diese Weise hatte vor drei Jahren schon das amerikanische Unternehmen Texaco die Deutsche Erdöl AG geschluckt. Einen zweiten Erdöl-Ausverkauf wollte Schiller verhindern.
Schon beim letzten deutsch-französischen Freundschaftstreffen Ende September in Bonn beschied der deutsche Wirtschaftsminister seinen Kollegen Ortoli aus Paris: Zuerst müsse die Bundesrepublik ihre nationalen Mineralölinteressen ordnen. Danach könne über eine Zusammenarbeit mit der CFP verhandelt werden.
Als Hilfs-Ordner auf dem Mineralöl-Sektor erwies sich Kruegers Konkurrent Hermann Josef Abs. Der Aufsichtsrat-Vorsitzende der Deutschen Bank empfahl als potenten Käufer Deutschlands mächtigstes Energie-Versorgungsunternehmen, die Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk AG (RWE), die über ihre Tochterfirma Union-Kraftstoff in Wesseling bei Köln am deutschen Mineralölmarkt beteiligt ist.
Des Kaufinteresses der RWE konnte Makler Abs sicher sein: Er präsidiert auch in ihrem Aufsichtsrat.
Um Abs zuvorzukommen und doch noch Teilhaber der GEAG zu werden, alarmierte die CFP-Geschäftsleitung daraufhin ihre Regierung, und Debré pochte gegenüber den Deutschen auf die "speziellen Freundscbafts-Beziehungen". die durch den Elysée-Vertrag zwischen Paris und Bonn bestünden. Er fragte in seiner Note an Kiesinger, "welcher Grund den endgültigen Abschluß einer Vereinbarung (zugunsten der CFP) noch verzögern könnte. Schillers Einheitsgesellschaft komme doch offensichtlich nicht voran.
Dann forderte de Gaulles Außenminister baldige Vollzugsmeldung: Frankreich erwarte von Kiesinger "eine Ausräumung der Hindernisse, die einer Durchführung des Arrangements noch im Wege stehen".
Um Zeit zu gewinnen, schickte Bonn seinen Gesandten Limbourg in der ersten Januarwoche zu Debras Kabinettsdirektor Haberer an den Quai d'Orsay. Limbourg bat weisungsgemäß Paris möge sich noch bis Ende Januar gedulden, erst dann habe Schiller den deutschen Mineralölmarkt geordnet.
Bis dahin hoffen die Bankiers Abs und Krueger, den RWE-Handel abgeschlossen zu haben. An diplomatische Spielregeln nicht gebunden, will Krueger die Franzosen nicht so lange im unklaren lassen wie Schiller. Dem SPIEGEL vertraute er an, in welchem Sinne er Victor de Metz Bescheid tun wird: "Schluß und sorry."
Unnütz wird der Kanonenboot-Donner von der Seine trotzdem für Frankreich nicht gewesen sein, denn zum nächsten Konsultationstreffen Anfang Februar in Paris bereitet die Bundesregierung ein Versöhnungsgeschenk vor.
Schillers deutsche Rohölversorgungsgesellschaft soll der CFP mehrere Jahre lang algerisches Rohöl abnehmen, notfalls zu einem Überpreis. Die Differenz zum Weltmarktpreis will Bonn aus Steuergeldern zuschießen.

DER SPIEGEL 3/1969
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