13.01.1969

Iring Fetscher über Max Horkheimer: „Kritische Theorie“MARXISMUS ALS FACKEL

Professor Iring Fetscher, 46, lehrt Politikwissenschaft an der Frankfurter Universität. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehören: „Rousseaus politische Philosophie“, „Karl Marx und der Marxismus“. -- Professor Max Horkheimer, 73, war seit 1931 Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, das er nach 1933 im Exil fortführte und 1950 In Frankfurt neu errichtete. Über die Entstehung des Instituts gibt eine Notiz Bertolt Brechts In seinem (nach unveröffentlichten) Tagebuch Auskunft. Unter dem Datum des 12. Mal 1941 notierte Brecht Im amerikanischen Exil: „Mit Eisler (dem Komponisten) bei Horkheimer zum Lunch. Danach schlägt Elsier für den Tui-Roman vor: die Geschichte des Frankfurter Sozial-Instituts. Ein reicher Mann (der Weizenspekulant Felix Weil) stirbt, beunruhigt über dos Elend auf der Welt. Er stiftet in seinem Testament eine große Summe für die Errichtung eines Instituts, das die Ouelle des Elends erforschen sau, das Ist natürlich er selber ...“
Das wachsende Interesse der "rebellischen Studentengeneration" an seinen Schriften und Essays hat vermutlich dazu beigetragen, die Hemmungen zu überwinden, die Max Horkheimer über zwanzig Jahre die Publikation seiner wichtigsten Beiträge zur "Zeitschrift für Sozialforschung" hinauszögern ließen.
Seit Jahren gehen Arbeiten Horkheimers in Kreisen des Frankfurter SDS, und nicht nur dort, von Hand zu Hand. Manche werden auch in der vorliegenden Sammlung vermißt, weil sie offenbar dem Verfasser allzu zeitbedingt erschienen -- er schickt der Sammlung die Warnung voraus: "Unbedachte und dogmatische Anwendung kritischer Theorie auf die Praxis in der veränderten historischen Realität vermöchte den Prozeß, den sie zu denunzieren hätte, nur zu beschleunigen." Gleichwohl gesteht er: "Nicht wenige meiner Impulse sind denen der Jugend in der Gegenwart verwandt"; auch er teile "die Bedenken gegen die Bildungsarbeit an Schulen, Hochschulen und Universitäten". Der Gegensatz bricht erst im Verhältnis zur Gewalt auf, die Horkheimer bedingungslos verurteilt: "Offen zu sagen, die fragwürdige Demokratie sei bei allen Mängeln immer noch besser als die Diktatur, die ein Umsturz heute bewirken müßte, scheint mir jedoch um der Wahrheit willen notwendig zu sein." Die Erfahrung eines Lebens ist In diesen Satz eingegangen.
Hellhörig wie kaum ein anderer deutscher Wissenschaftler hat Max Horkheimer bereits 1932 die Vorbereitung für eine Übersiedlung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung nach Genf getroffen. Deutlicher als jene linken Illusionäre, die Hitler nur wenige Monate gaben und den revolutionären Gegenschlag gegen den Faschismus bereits kommen sahen. erkannten Horkheimer und seine Mitarbeiter, was da heraufzog. Während deutsche Kommunisten bereits die Regierungen Brüning, Papen und Schleicher als "faschistisch" apostrophierten und sich nicht vorzustellen vermochten, um welche qualitative Differenz die Nazis sie überbieten würden, entzogen Horkheimer und seine Freunde wenigstens einen Teil der kritischen deutschen Wissenschaft dem Zugriff der Barbaren und sicherten so die Kontinuität einer Arbeit, von der ich freilich wünschte, sie würde noch weit vollständiger der deutschen Gegenwart nahegebracht.
In einer Umwelt, die den Namen Marx fälschlich mit den stalinistischen Verbrechen und seinem bürokratischen Regime assoziierte, schien es Horkheimer angemessen, den Eigennamen "Marxismus" durch ein sinnvolles Pseudonym zu ersetzen. Während etwa zur gleichen Zeit Antonio Gramsci in faschistischen Kerkern den Marxismus als "Philosophie der Praxis" tarnte und damit die Gefängniszensur umging, sprachen Horkheimer und seine Mitarbeiter von "kritischer Theorie", um die Arbeit des Instituts vor Anfeindungen zu sichern. Vielleicht geht der Name auf Karl Korsch zurück, der bereits 1923 Kritik als die durchgehende Intention der Arbeiten von Marx nachgewiesen hat.
Die neue Bezeichnung hatte darüber hinaus den Vorteil, von unwissenschaftlichem Starkult abzuhalten und auf die Sache selbst hinzuweisen, um die es ging. Kritiker, die sich in dieser Weise Marx verpflichtet wußten, konnten weder die reformistische Praxis der Sozialdemokraten noch die dogmatische Theorie der Kommunisten akzeptieren. Die einen blieben ihrer Überzeugung nach hinter den Einsichten von Marx zurück, indem sie glaubten, im Detail flicken zu können, was doch als Ganzes aufgehoben und umgewälzt werden sollte; die anderen hatten sich auf die Verteidigung einer bürokratischen Herrschaftsordnung eingerichtet, die sich weder mit dem freien Gedanken noch mit der freien Entfaltung der Gesellschaft und am wenigsten mit den Intentionen von Marx selbst vertrug.
Horkheimer war sich dieser Spannung zwischen dem praktischen Anspruch einer revolutionären Theorie und ihrer faktischen Isoliertheit von den "jeweiligen Gefühlen und Vorstellungen einer Klasse" (des Proletariats) und ihren beiden politischen Parteien deutlich bewußt. Die kritische Theorie und das Institut für Sozialforschung wurden als eine Art Schutzdach verstanden, unter dem das intellektuell-kritische Moment des künftigen Transformationsprozesses gleichsam isoliert erhalten bleiben konnte, bis sich erneut die Chance einer Durchdringung der Massen eröffnen würde. Horkheimer: Die historische Leistung der kritischen Theorie "hängt ... davon ab, daß die Menschen für sie sprechen und handeln. Sie gehört nicht zu einer schon fertigen geschichtlichen Gestalt."
Horkheimer ist sich der Distanz zwischen Anspruch und Realität der kritischen Theorie bewußt -- schwer zu sagen, was ihn vor völliger Resignation in all den Jahren bewahrte.
Kritische Theorie versteht sich als Inbegriff dialektischen Denkens, das künftiger Emanzipation der Individuen und vernünftiger Gestaltung der Gesellschaft dient. In eine esoterische Emigranten-Zeitschrift, die zunächst in Paris, zuletzt in den USA erschien, hatte sich verflüchtigt, was nach Marx und Engels schon im 19. Jahrhundert die Welt hätte verändern sollen.
Horkheimer gehört zusammen mit Herbert Marcuse, Theodor Adorno und -dem freilich durch seine Eigenart herausragenden -- Ernst Bloch zu jenen wenigen isolierten Intellektuellen, die unabhängig von politischen Organisationen und zugleich engagiert fürs Interesse an der Emanzipation der Menschen von materiellen Sachzwängen die Methode von Marx zu bewahren suchten. Ihre Herkunft aus jüdischem Bürgertum machte sie mit dem klassischen Bildungserbe vertraut und sensibel für dessen Ohnmacht gegenüber dem heraufziehenden Unheil. Theoretische Einsichten von Marx und historisch relativierte Erkenntnisse von Freud dienten als Instrumente zur Registrierung der Erschütterungen der spätbürgerlichen Kultur, die in der Eruption des Faschismus nur ihren sichtbaren Höhepunkt, keineswegs ihr Wesen hatten. Die kritische Theorie gab ihnen das Bewußtsein, standzuhalten und ein Fünkchen Vernunft bewahren zu können. Bei all ihrem Materialismus blieb ihnen durch ihre völlige Isolierung von materieller Macht nichts als das Wort. Ihre Praxis blieb auf das Aussprechen dessen, was ist und was sein könnte, wenn nur theoretische Einsicht sich ausbreiten wollte, beschränkt.
Adorno konnte dem Dilemma einer auf umwälzende Praxis angewiesenen Theorie, die doch auf Theorie beschränkt bleibt, entgehen, indem er sie in ein Instrument virtuoser Kulturkritik verwandelte, das infolge seiner hohen ästhetischen Qualität als Selbstzweck genossen werden kann. Gleichzeitig ermöglichte die Ausbildung eines auf bestimmte Metaphern und Wendungen hin stilisierten Sprachduktus die Bildung einer esoterischen Gemeinschaft, die ihr eigenes ästhetisches Behagen mit revolutionärer Gesinnung zu verwechseln begann.
Max Horkheimers Essays tragen weit offener das Zeichen ihrer marxistischen Herkunft an der Stirn. Dennoch ist auch bei ihm relativ wenig von Ökonomie die Rede, auch wenn immer wieder die "Kritik der politischen Ökonomie" als Zentrum der Marxschen Kritik betont wird. Im Vorwort betont der Verfasser die Überholtheit seiner älteren Analysen, aber schon seine Essays gehen an zentralen Problemen der spätkapitalistischen Gesellschaft vorbei.
Horkheimers eigentliche Leistung liegt im Aufweis der Verbindung der bürgerlichen und marxistischen Emanzipationsbewegungen und in der "Dialektik der Aufklärung", die Fortschritt zur ambivalenten Größe macht. Je weniger das moderne Industrieproletariat geneigt und fähig scheint, den Emanzipationskampf aufzunehmen und je weiter die klassische liberale Epoche versinkt, um so düsterer wird das Gesamtbild. "Die Epoche tendiert zur Liquidation alles dessen, was mit der, wenn auch relativen, Autonomie des einzelnen zusammenhing. Der Bürger im Liberalismus vermochte, in bestimmten Grenzen, seine Kräfte zu entfalten, in gewissem Maße war sein Schicksal Resultat der eigenen Aktivität. Solche Möglichkeit auf alle auszubreiten, war das Postulat von Freiheit und Gerechtigkeit." Wie soll man sich Ausbreitung eines Gutes vorstellen, das im Begriffe ist, vollends von der Erde zu verschwinden?
Mit solcher melancholischen Reflexion wird sich die rebellische Jugend nicht zufriedengeben. Sie wird vielmehr erneut nach den Gründen für die Revolutionsmüdigkeit der Arbeiter fragen und nach Gesellschaftsgruppen Ausschau halten, die für den Emanzipationskampf gewonnen werden können. Die erstaunliche Vitalität des Spätkapitalismus und dessen Fähigkeit zum Krisen-Management hat die Mitarbeiter des Instituts schon im amerikanischen Exil überrascht. Sie haben keine klare kritische Antwort auf dieses Phänomen gefunden. Es ist daher nicht erstaunlich, daß sich unter den jüngeren Mitarbeitern des Frankfurter Instituts das Interesse an politischer Ökonomie zu regen beginnt und Kritik an den "Altmeistern" laut wird, die nicht über Henryk Großmann ("Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems", 1929) hinausgekommen sind.
Die Formel, die der Amerikaner Robert L. Heilbroner unlängst angeboten hat, ist vielleicht etwas zu einfach, aber den Weg, auf dem gesucht werden sollte, scheint sie mir zu bezeichnen: "Marxsche Einsichten müßten mit neoklassischen* Techniken verbunden werden, um eine ökonomische Theorie zu erzeugen, die zugleich konsistent und elegant als Modell wie als Sozialtheorie bedeutsam ist."
Der Irrtum, wie Heilbroner es nennt, oder besser die Einseitigkeit der Neoklassik besteht darin, "daß sie nicht sieht, daß die soziale Wirklichkeit, die sie als ein System von Gleichungen wiederzugeben sucht, durch funktionale Beziehungen nicht adäquat beschrieben werden kann, sondern zugleich ein System von Privilegien darstellt". Diese Einseitigkeit könnte durch Aufnahme der Marxschen Sehweise korrigiert werden, während umgekehrt die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie durch die technischen Vorzüge der Neoklassik bereichert werden könnte.
* Nach der sogenannten neoklassischen Schule der Nationalökonomie, die sich Im Widerspruch zur Lehre van Marx entwickelte, Ist alles Wirtschaftsgeschehen rein mathematisch-technischen Gesetzmäßigkeiten unterworfen.

DER SPIEGEL 3/1969
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 3/1969
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Iring Fetscher über Max Horkheimer: „Kritische Theorie“:
MARXISMUS ALS FACKEL