20.01.1969

KIRCHE / BISCHOFS-RÜCKTRITTGrußlos davon

Fromme Steiermärker glaubten an einen Silvesterscherz: Im Rundfunk hörten sie am Silvester-Nachmittag, der Grazer Bischof Josef Schoiswohl, 68, sei zurückgetreten, Wenig später trat der Ex-Bischof im Fernsehen auf und hielt die Silvesterpredigt, als sei nichts geschehen.
Verstörte Gläubige, die in der bischöflichen Residenz anriefen, erfuhren: Der Bischof war tatsächlich zurückgetreten und "mit unbekanntem Ziel" abgereist, das Fernsehen hatte eine Aufzeichnung gesendet.
Überrascht wurden auch Schoiswohls Mit-Bischöfe und Österreichs Kardinal Franz König. Und sogar seine engere Umgebung hatte der Grazer Oberhirte, bis dahin Herr über eine Million Gläubige und 900 Priester, erst am Silvester-Mittag darüber informiert, daß er sein Amt aufgebe, und war dann grußlos davongefahren. Über einen Monat lang hatte Schoiswohl seinen bevorstehenden Rücktritt geheimgehalten, denn schon am 27. November war er von Papst Paul VI. genehmigt worden.
In den letzten Jahrzehnten hat es keinen katholischen Oberhirten in Europa gegeben, der so abrupt und formlos sein Amt aufgegeben hat.
Als Dr. Josef Schoiswohl vor 15 Jahren die Diözese Graz-Seckau übernahm, galt er noch als Konservativer. Selber sittenstreng, verlangte der Oberhirte auch das gleiche von anderen. Doch nach dem Konzil wurde der asketische Grazer weitoffener und toleranter. Er gewährte so viele Freiheiten, daß die Grazer Diözese heute bei konservativen Geistlichen als "Holland in Österreich" verrufen Ist.
Schoiswohl bemühte sich um Demokratisierung: "In der Kirche geht das Recht von Christus aus, doch werden sich Elemente der demokratischen Spielregeln gut einfügen." Er berief einen ständigen Priesterrat ein, der ihn bei der Leitung der Diözese beriet. Laien durften gleichfalls mitreden -- als gleichberechtigte Mitglieder in der Synode (einer Art Kirchenparlament). Anläßlich des 750jährigen Jubiläums der Diözese, das im Januar 1968 gefeiert wurde, hielten zahlreiche Laien Festpredigten in den Kirchen. Und Schoiswohl ließ Laien sogar die Kommunion austeilen.
In der Steiermark wurde auch die Ausbildung der Priester modernisiert. Sein Priesterseminar ließ der Bischof durch eine Gruppe fortschrittlicher Theologen kollegial leiten.
Junge Priester durften gruppenweise für drei Monate in obersteinschen Kohlengruben unter Tage arbeiten, um mit den Bergleuten ins Gespräch zu kommen.
Und Schoiswohl rührte gar am Dogma vom Primat des Papstes: Diese Glaubenslehre sei zwar "vom II. Vaticanum keineswegs aufgegeben" worden, "aber die Betonung der Spitze, der Isolierung, des Monolithischen tritt zurück". Schoiswohl über die Perspektiven: "Zweifellos ist da erst ein Anfang einer Entwicklung ingang gekommen.
Als der Bischof dies im Mai 1968 schrieb, war freilich eine andere Entwicklung schon in vollem Gange: das
* 1967 in der steirischen Kohlengrube Fohnsdorf.
Kesseitreiben konservativer Amtsbrüder gegen ihn. Sein Hauptwidersacher Opilio Rossi, Apostolischer Nuntius in Wien, hatte den Vatikan stets über die Alleingänge des Grazer Bischofs auf dem laufenden gehalten, wie er überhaupt eifrig Informationen über österreichische Kirchen-Interna für den Heiligen Stuhl sammelt. Von Klerikern wird die Nuntiatur deshalb gern "Denunziatur" genannt.
Im November 1968 fuhr Schoiswohl selber nach Rom, um eine Lockerung der Zölibatvorschriften zu erreichen: Priester, die heirateten, sollten wenigstens als Diakone -- als Geistliche minderen Ranges -- und als Religionslehrer zugelassen werden. Er kehrte ohne Erfolg, aber mit dem Entschluß nach Graz heim, als Bischof abzutreten. Seinem Sekretär klagte er: "Es gibt Probleme, die kann nur ein Jüngerer lösen."
Dann bereitete Schoiswohl, der seit jeher als kontaktarm gilt, lautlos seinen Abgang vor. Seine Korrespondenz tippte er fortan selber, für 1969 vereinbarte er keine Termine mehr.
Als er zu Silvester "aus persönlichen und auch anderen Gründen" sein Amt niederlegte, meldete Radio Vatikan, Schoiswohl habe "aus gesundheitlichen Gründen" um Amtsenthebung gebeten. Doch der Sender des Papstes wurde dementiert: Der Kanzler des Grazer Ordinariats erklärte alsbald im Österreichischen Fernsehen, weder Bischof Schoiswohl noch das Domkapitel hätten Krankheit als Ursache genannt.
Kirchenzucht hält den Ruheständler davon ab, die wahren Ursachen zu offenbaren. Aus dem Schloß Wasserberg im Gebiet von Knittelfeld, wo er vorübergehend Zuflucht gesucht hatte, ist Schoiswohl inzwischen wieder in seine Gemächer im zweiten Stock des Grazer Bischöflichen Palais zurückgekehrt. Er tritt nicht mehr an die Öffentlichkeit, liest die Messe nur in seiner Hauskapelle und schweigt.

DER SPIEGEL 4/1969
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