20.01.1969

MORALISCH STARK

Tot sind Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht seit fünfzig Jahren. Aber die Art, wie sie umkamen, unterscheidet sich doch sehr, je nachdem, ob man dem Deutschen Fernsehen vertraut oder dem Deutschlandfunk, der, wie sein Intendant sagt, "in verschiedenen östlichen Staaten wegen seiner Objektivität für besonders gefährlich gehalten wird".
Im ARD-Fernsehen am letzten Dienstag um 21 Uhr wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht als Opfer einer sorgfältig vorbereiteten Offiziers-Verschwörung kaltblütig ermordet. Anders am gleichen Tag eine Stunde zuvor im Deutschlandfunk. Zwar, erfuhr man dort, hätten die "Freunde der Getöteten" laut geschrien, "daß sie von der reaktionären Soldateska ermordet worden seien". Heute jedoch stehe fest, "daß zumindest Rosa Luxemburg das Opfer der Lynch-Justiz einer aufs äußerste erregten Menge geworden ist". Wie ist solcher Unterschied der betrachtungsweise zu erklären? Der Fernseh-Autor -- Dieter Ertel -- hat die Ergebnisse der historischen Forschung genutzt und eigene Recherchen über die Mörder angestellt. Der Autor und zugleich Redakteur der Sendung des Deutschlandfunks dagegen -- Rudolf Fiedler -- sah seine Aufgabe darin, die Ermordung von Liebknecht und Luxemburg "aus der Sicht jenes Politikers" darzustellen, der "Sieger über Spartakus" blieb und dafür "in die Schreckenskammer der kommunistischen Geschichtsschreibung, und nicht nur in diese" geriet.
Fiedler hielt sich also -- der Schreckenskammer abgeneigt -- an ein Memoirenbuch des sozialdemokratischen Reichswehrministers Gustav Noske, des Mannes, von dem der Anführer des Mord-Komplotts, Hauptmann Pabst, nach der Vollzugsmeldung stolz berichtete: "Er hat mir lange die Hand gedrückt."
Noskes Buch ist Fiedlers einzige Quelle. Und nur ein einziger Historiker findet als Gewährsmann Gnade vor Fiedlers Augen: der verstorbene Erich Eyck. Denn er hat unkritisch die Pabst-Darstellung von 1919 übernommen, Rosa Luxemburg sei von einer "aufgebrachten Menge" gelyncht worden. Und mit ehrlichem Beifall verbreitet der Deutschlandfunk das Eyck-Wort: "Man hat zu viele Bluttaten gerade der Gesinnungsgenossen Liebknechts und der Luxemburg erlebt, um gerade über ihr Geschick eine besonders starke Empörung empfinden zu können."
Daß Rosa Luxemburg nie Terror gebilligt hatte, daß ernsthafte Differenzen sie von Lenin trennten, kann den Deutschlandfunk-Autor nicht beeindrucken. Fiedler: "Im Jahre 1919 jedenfalls hatte Gustav Noske keine Zeit und Gelegenheit, interne ideologische Meinungsverschiedenheiten zwischen Rosa Luxemburg und Lenin festzustellen."
Ein Ausnahmefall ist dieses Deutschlandfunk-Gedenken der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts allerdings nicht. Zweimal in der Woche hat Redakteur Fiedler je eine Stunde Sendezeit für ein "Politisches Feature" zur Verfügung. Meistbeschäftigter Autor des Redakteurs Rudolf Fiedler ist Rudolf Fiedler selbst. Jahraus, jahrein erläutert er den Hörern in Ost und West auf seine Art die Niedertracht des Kommunismus und erteilt Geschichts-Nachhilfeunterricht aus der Sicht der Unbelehrbaren.
Den zwanzigsten Todestag Roosevelts beging Fiedler mit einer dreiteiligen Hörfolge, in der der amerikanische Präsident als Kriegshetzer und Geistesverwandter Hitlers gewürdigt wurde. Nur um "Kriegsbegeisterung" zu entfachen, habe Roosevelt "eine direkte Bedrohung durch Hitler an die Wand" gemalt. Roosevelt erscheint als weitaus kriegswütiger denn Hitler, der "unnötigerweise das Odium des Angreifers auf sich" nahm. Fiedlers Resümee: "Am Ende des Krieges stellte sich heraus, daß Präsident Roosevelt auf dem besten Wege war, Hitlers Politik fortzusetzen."
So werden Deutschlandfunk-Hörer über Zeitgeschichte aufgeklärt. Und Fiedler denkt sich nichts dabei, gelegentlich Sendungen über die Tschechoslowakei gemeinsam mit dem Redakteur des rechtsradikalen "Vertriebenen-Anzeigers", Erich Maier, zu verfassen. Warum auch? Maier ist schließlich in der CSSR noch gut als Autor antisemitischer Artikel in der NSDAP-Zeitung des Gaus Sudetenland bekannt.
Da kann der Erfolg nicht ausbleiben. Fiedler freut sich über das "aufmunternde Hörer-Echo". Ein ausländischer Konsul in einem Dankbrief: "Man kann sich Deutschland nicht mehr denken ohne diese moralisch starken Sendungen."
Von Otto Köhler

DER SPIEGEL 4/1969
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