10.03.1969

BUNDESWEHR / WACHDIENSTHund eingesperrt

Laut schaute der Hader durch den Kasernenflur in Stetten am Kalten Markt. Ein wehrübender Reservist wankte blutüberströmt aus der Kellerei: Er hatte altgediente Fallschirmjäger als "Lebacher Schlafmützen" tituliert.
Von Schlafmützigkeit ist In den Wachlokalen der Bundeswehr nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil. Was zahlreiche Memoranden, dienstliche Meldungen und kritische Berichte von Soldaten aller Dienstgrade nicht zuwege gebracht hatten, gelang einigen unbekannten Kriminellen durch den blutigen Überfall auf fünf Fallschirmjäger in Lebach.
Generalinspekteur de Maizière verordnete drastische Mittel gegen weitverbreiteten Posten-Schlendrian: Die Kommandeure mußten
* die Sicherungs- und Wachvorschriften sowie die Stärke und Bewaffnung der Wachen in ihrem Bereich überprüfen,
* für bessere Fernmeldeverbindungen zwischen Außenposten und Wachhabenden sorgen,
* schärfere Kontrollen und Sicherheitsüberprüfungen veranlassen.
Vorbei ist die Zeit, als der Fähnrich der Reserve Rolf Jördens in einem Leserbrief an die "Welt" Wachposten der Bundeswehr beschrieb: "Statt den Streifenweg zu gehen, suchen sie ihren im Lauf zahlloser Wachen erprobten Schlafplatz auf, verbringen dort ihre zwei Stunden und melden sich dann mit "keine Vorkommnisse" beim Wachhabenden zurück."
In der Wachbaracke des Munitionslagers von Lebach liegen seit dem Mordanschlag 50 Handgranaten zur Abwehr neuer Überfälle bereit. Nachts patrouillieren Doppelposten am Zaun,
In der Eichelberg-Kaserne zu Bruchsal gilt jetzt die Order: Wenn ein Zivilist nach Einbruch der Dunkelheit das Wachlokal betritt, greift der Wachhabende zur Pistole. Jüngst fand sich deshalb ein Oberleutnant in Zivil erstaunt vor der Mündung einer Dienstwaffe: Er hatte einen Wachsoldaten sprechen wollen.
Dem Maizière-Befehl gemäß erhielt, jede Streife der Kasernenwache von Immendingen/Donau ein Funkgerät vom Typ PRC-6, um notfalls sofort Verbindung mit dem Wachlokal zu haben. Die Reichweite der Geräte allerdings langt, nach Auskunft eines Wachhabenden, "etwa von Baum zu Baum". Da die Nachtpatrouillen am entferntesten Punkt ihres Kontrollganges vier Kilometer von der Wache entfernt sind, wurde jeder Mann zusätzlich mit einer Trillerpfeife ausgestattet. Ein Kompanie-Chef: "Wohl mehr zur eigenen Beruhigung. Denn auf diese Entfernung hört man nicht einmal mehr ein Maschinengewehr. Entsprechend aufgeregt sind die Soldaten. Man traut sich kaum noch, die Posten zu kontrollieren."
Das Lebach-Trauma schlug sich in einer nordbadischen Garnison in dem Befehl nieder, alle Posten fortan mit Maschinenpistolen auszurüsten. Ein Stabsoffizier der Territorialverteidigung befragte zuvor sicherheitshalber jeden Wachsoldaten, ob er schon eine solche Waffe in den Händen gehabt habe. Ergebnis: Keiner konnte mit der MPi umgehen.
Die Mehrheit der Soldaten ist ungenügend ausgebildet, weil es an Offizieren und Unteroffizieren fehlt. Überdies benutzen viele Vorgesetzte mangels geeigneter und vor allem papierkriegfreier Strafmöglichkeiten den Wachdienst als Buße für ungebärdige oder nachlässige Soldaten. Wacheschieben wurde so zu einer besonders unbeliebten Form des Gammeldienstes.
Auch eine andere Maßnahme trug nicht eben dazu bei, die jungen Soldaten vom Wert ihrer Standhaftigkeit vor Depots und Kasernen zu überzeugen. Im Gegensatz zum Nato-Wahlspruch "Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit" übertrug die Bundeswehr als einzige Armee der Welt zahlreiche Sicherungsaufträge an private Wach- und Schließgesellschaften, die ihre Mannschaften vorwiegend aus Rentnern rekrutieren. Die allerdings sind weiter gänzlich frei von Hysterie.
Arglos schritten beispielsweise zwei zivile Wachmänner ihre Runde um die Hamburger Bundeswehr-Führungsakademie. Dem inspizierenden Offizier vom Dienst versicherten sie treuherzig, bewaffnet seien sie nicht, doch könne nichts passieren: Sie hätten schließlich einen scharfen Hund. Nur sei der leider gerade eingesperrt. Am Tage zuvor hatte er einen der Wachmänner gebissen.
Ein "ziviler" Wachhund namens Hasso mußte in einer anderen Garnison abgelöst werden, weil er bei einer Übung den "Täter" nicht attackierte, sondern die Hosenbeine des über den Zaun eingestiegenen Fremden erst beschnüffelte, dann benäßte und nach zwei Schreckschüssen eilends den Tatort verließ.
Den Anekdotenschatz über zivile Wächter im Rentenalter bereicherte General de Maizière um eine weitere Schnurre, als er in einem Depot bei Nürnberg einen behaglich Kaffee kochenden Großvater vorfand, der seine Waffe nicht zu bedienen vermochte.
"Gar nicht schön", kommentierte der General und ergänzte damit den Bundeswehr-Jargon um ein mittlerweile geflügeltes Wort.
"Gar nicht schön", sagte deshalb auch der Kommandeur des Verteidigungskreises Achern, Oberstleutnant Kurt Mittermaier, als er überraschend nachts das Gerätelager Muggensturm kontrollierte. "Haben Sie eine Waffe?" fragte er den 69jährigen Zivil-Posten. Der wies einen Damenrevolver vor und beteuerte Schnellfertigkeit. Die vereinbarten Kontrollanrufe zwischen Gerätelager und Kaserne unterließ der Wach-Opa indessen: Er wußte zwar seine Waffe, aber nicht das Telephon zu gebrauchen.
So unterschiedlich der Wachdienst von Soldaten und Rentnern auch ausgeübt wird, eines ist ihnen -- und ihren Vorgesetzten -- gemeinsam: Die Furcht vor dem Gesetz, das den Gebrauch von Schußwaffen regelt.
Dieses "Gesetz über die Anwendung unmittelbaren Zwanges und die Ausübung besonderer Befugnisse durch Soldaten der Bundeswehr und ziviler Wachpersonen (UZwGBw)" überfordert die intellektuelle Potenz des durchschnittlichen Wachsoldaten. Der Gruppenführer in einer Luftwaffen-Sicherungsstaffel in Fürstenfeldbruck, Fahnenjunker Andreas Treklof, dazu: "Wenn der Wachsoldat eine Straftat bemerkt, muß er in Sekundenschnelle handeln. Wie der Blitz soll er den Zettelkasten in seinem Hirn durchblättern, um zu entscheiden, welche der Bestimmungen aus dem Gesetz mit neun allgemeinen und elf speziellen Paragraphen und welche der für seinen Bereich besonders geltenden Wachvorschriften auf diesen Fall zutreffen.
Greift er schließlich zur Schußwaffe, folgt eine monatelange Untersuchung. Er aber soll sich in Sekunden entscheiden."
Die Vorgesetzten sind ihren Landsern dabei kaum eine Hilfe. Oft selbst den juristischen Finessen des "UZwGBw" nicht gewachsen, begnügen sie sich im vorgeschriebenen Kompanie-Unterricht mit unverbindlichen Redensarten.
Major Hans Wehmeyer von der 3. Panzerdivision nennt dafür noch einen anderen Grund: "Es Ist schwierig für den Unterrichtenden. Er wird sich hüten, den Wachsoldaten ein Rezept zu geben -- wann schießen und wann nicht -- denn: Wenn etwas passiert, ist der Mann mit der Rezeptur dran. Was hätten wir lesen oder hören müssen, wenn der Überfall von Lebach mit dem Tode der Angreifer geendet hätte? Zwei junge Männer, erschossen vor dem Zaun? Den Posten hätte man monatelang durch die Mühle gedreht, wenn er auch vor Gericht vielleicht glimpflich davongekommen wäre."
Auch nach Lebach gilt: Es gibt Inder Bundeswehr keine Gewißheit darüber, wann ein Posten nicht schießen darf und wann er schießen muß.
Freilich könnten technische Mittel die Objektsicherung und damit die Aufgabe der Posten erleichtern: Infrarotgeräte, Scheinwerfer, doppelte Zäune, Leuchtfallen, automatische Alarmanlagen, mehr Wachhunde.
Aber die Offiziere, frustriert durch langjährige Erfahrungen mit der für Einzelbewilligungen zuständigen Bundeswehrverwaltung, bleiben skeptisch. Ein Hauptmann der 1. Luftlande-Division aus Bruchsal: "Mit des Geistes Blitz und Schärfe ist in dieser Armee noch nie befohlen worden. Da müssen sich wohl noch mehr Überfälle ereignen, ehe das wirklich große Wecken geblasen wird."

DER SPIEGEL 11/1969
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