10.03.1969

SCHULEN / PRÜGELSTRAFEStets väterlich

Der eine hatte ein abgebrochenes Stuhlbein in der Hand, der andere war nur mitgekommen. Bevor die beiden Zwölfjährigen ein Wort hervorbrachten, waren sie links und rechts geohrfeigt. Erst dann ging dem Schläger, dem Kieler Realschul-Rektor Dr. Albert Stolpe, 55, allmählich auf, wer der Übeltäter und wer der Begleiter war.
Erzürnte Mitschüler haben wegen solcher Handgreiflichkeiten ein "Aktionszentrum zur Demokratisierung der Theodor-Storm-Schule" gegründet. Sie wollen beweisen, daß den beamteten Pädagogen an ihrer Realschule häufig die Hand ausrutscht. Die Pennäler interviewten Klassenkameraden und ehemalige Realschüler für eine Prügel-Dokumentation, die vom linken AUSS (Aktionszentrum unabhängiger und sozialistischer Schüler) verteilt wurde.
Neben den "Stuhlbein-Ohrfeigen" -- so einer der Prügelgegner -- kreideten sie dem Lehrkörper unter anderem an, daß
* der Lehrer Rurik Deichsel einem Schüler, der ihm unbeabsichtigt auf den Fuß getreten hatte, "mit einem Schlüsselbund ... auf das Auge, das später blutunterlaufen war", geschlagen hatte;
* der Lehrer Horst Barz zwei Schüler, die nicht rechtzeitig zur Sportstunde gekommen waren, über Stühle gelegt und mit je "vier Schlägen auf den Oberschenkel" bestraft hatte.
Lehrer Barz trug zu seiner Entschuldigung vor, Schüler hätten geäußert, "daß ich nie unberechtigt und ungerecht strafe und die eventuelle Härte stets väterlich oder kameradschaftlich zu deuten sei". Auch Dr. Stolpe will die von ihm ausgeteilten Prügel -- so der Rektor in einer Aula-Diskussion -- als "väterliche Ermahnungsschläge" verstanden wissen.
Dies geschah Ende vergangenen Jahres. Das Schleswig-Holsteiner Kultusministerium prüft noch immer die "angeblichen Mißstände" (Stolpe> in Kiel. Demnächst wird es einen weiteren Fall untersuchen müssen. Schüler der Oberschule im holsteinischen Wedel verteilten in der vorletzten Woche hektographierte Flugblätter und beriefen eine Pressekonferenz ein. Thema: Prügel an der Wedeler Ernst-Barlach-Realschule.
Oberprimaner Henrik Becker, 20, Obersekundaner Till Martin, 16, und andere Gymnasiasten erzählten, was Realschüler "aus Furcht vor Repressalien ihrer Lehrer" (Flugblatt> nicht selber öffentlich sagen mochten. Unter anderem behaupteten sie, daß
* der Wedeler Realschulrektor Rudolf Balz den 14jährigen Michael Stelling wegen einer unzureichenden Strafarbeit so traktierte, "daß er in den Papierkorb flog". Dazu Balz: "Er muß labil gestanden haben und stolperte, fiel aber nicht in den Papierkorb."
* der Physiklehrer Manfred Wetzling seine Schüler mit Schimpfnamen wie "Rotzkopf, Flöötz, Flegel, Trottel oder mickriger Kerl" belegte. Dazu Wetzling: "Nur Flegel und Trottel, weil das den Tatbestand beschreibt."
* die Zeichenlehrerin Gerda Damm den 16jährigen Hannes Körner "fünfmal rechts und links" ohrfeigte" weil er nicht malte, wie er sollte. Dazu Gerda Damm: "Das stimmt. Wir Lehrer sind zwar alle der Meinung: Ich will nicht schlagen, und ich tu"s nicht. Trotzdem kommt es immer wieder vor. Wir sind eben alle überbelastet."
Die Kieler Kultus-Beamten, die auch den Wedeler Watschen nachgehen werden, sind dabei an eine hausgemachte Dienstordnung gebunden. Darin wird hervorgehoben, daß es in einer "gesunden, von Menschlichkeit getragenen Schulatmosphäre" nur "selten Disziplinschwierigkeiten" gäbe. Doch Prügel sind nicht grundsätzlich verboten.
Ausnahmen bestätigen auch in Kiel die pädagogische Regel: "Die körperliche Züchtigung von Mädchen ist gänzlich untersagt. Schläge an den Kopf sind verboten."
Lediglich in Hessen (seit 1946), in Berlin und im Saarland (seit 1948) sind Prügel "grundsätzlich nicht anzuwenden".
In allen übrigen Bundesländern dürfen Schüler verdroschen werden -- aber die Regelung dieses Erziehungsmittels ist uneinheitlich und unklar.
So verfahren die Schulbehörden Hamburgs und Niedersachsens, Nordrhein-Westfalens und Bayerns ähnlich wie die· Schleswig-Holsteiner: Wenn überhaupt, dann dürfen nur Jungen im Alter von acht bis vierzehn Jahren geschlagen werden.
Um der Lehrerschaft "ein Mittel zur Selbstkontrolle ... zu geben" -- so ein Bremer Erlaß -, müssen die Schulleiter in Bremen ein Strafbuch, in Niedersachsen eine Strafliste und in Nordrhein-Westfalen ein Strafverzeichnis führen, "in das jede vollzogene Züchtigung nebst einer kurzen Begründung einzutragen" ist und das "bei Schulbesuchen dem Schulaufsichtsbeamten vorzulegen" ist.
Daß die Prügelei nicht gern gesehen ist, wird in fast allen ministeriellen Erlassen betont, so auch in Bayern und Niedersachsen, wo "die völlige Beseitigung der körperlichen Strafe anzustreben ist". Nordrhein-Westfalen macht es seinen Erziehern gar "zur Pflicht, mit allen Mitteln daran zu arbeiten"" daß Schläge "ganz in unseren Schulen verschwinden". Aber wohin der Lehrer wie viele und wie heftige Hiebe in welcher Situation austeilen darf" ist nirgendwo festgelegt.
Das bayrische Kultusministerium warnte zwar: "Die körperliche Strafe hat sich immer in maßvollsten Grenzen zu halten; sie soll nicht im Eifer, in der Aufregung oder aus Entrüstung geschehen", doch zum Prügelvollzug gibt die Behörde lediglich an, daß dabei "jede gesundheitsschädigende, das Anstands- oder Sittengefühl verletzende Behandlung verboten" sei.
Eine Hamburger Dienstanweisung verbietet ausdrücklich Hiebe an den Kopf, doch über Prügel auf andere Körperteile informiert sie verschwommen: Sie sind "nur in geeigneter Form und in maßvoller Weise" gestattet. Was der Lehrer darunter im einzelnen verstehen soll, muß laut Schulbehörde "von Fall zu Fall entschieden" werden.
Ratlos sind auch die Lehrer in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Ihre Schulbehörden haben die körperliche Züchtigung an Real-, Ober- und Berufsschulen verboten, doch Volksschulen völlig aus ihren Erlassen ausgeklammert. Der rheinlandpfälzische Kultus-Pressereferent Dr. Hans Bölte: "Ob die Prügel schlimm oder weniger schlimm waren, kann am besten das Gericht klären."
Früher waren deutsche Lehrer nicht solcher Unsicherheit ausgesetzt. So bestimmt die preußische "Gymnasien- und Schulordnung" vom 24. Oktober 1713: "In Züchtigung der Jugend sollen die Informatores sich alles Polterns und unziemlicher Hefftigkeit enthalten, und dagegen alle vaeterliche Bescheidenheit und Maeßigkeit gebrauchen, doch dergestalt, daß wegen der uebermaeßigen schaedlichen Lindigkeit oder Verzaertelung der Jugend, keine Klagen fuerkommen."
Lange Zeit hielten deutsche Eltern und Lehrer auch für wahr, was Wilhelm Busch gedichtet hatte: "Druff hat aber diese Regel, Prügel machen frisch und kregel." Erst ärztlichen Gutachten gelang es, die Tatsachenbehauptung der Dichter-Figur zu erschüttern.
Im vergangenen Jahr veröffentlichte die Münchner Ärztin Dr. Felicitas Hammer eine Untersuchung über die "cerebrale Fettembolie als Vitalschaden bei Prügelstrafe". Ergebnis: 30 Prozent aller Kinder, die geprügelt werden, tragen Gehirnschäden davon, vor allem nach einer "Tracht Prügel aufs Hinterteil". Und der Münchner Psychologe und Pädagoge Professor Heinz-Rolf Lückert mahnte: "Wir schlagen unsere Kinder dumm!"
Doch nur in besonders exzessiven Fällen oder wenn Eltern eine Anzeige erstatteten, gehen deutsche Gerichte gegen Prügel-Pauker vor -- und fällen dabei sehr unterschiedliche Urteile.
1957 mußte ein Gießener Lehrer für neun Schläge mit dem Zeigestock 200 Mark Strafe zahlen; 1959 wurde ein Bad Sodener Lehrer zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, weil er -- wie der Richter rügte -- "reinste Prügel-Orgien" veranstaltet hatte.
1963 verhängten Pforzheimer Richter 40 Mark Strafe für einen Lehrer, der einem Schüler auf den Hinterkopf geschlagen hatte. Anfang dieses Jahres verurteilte die Bonner Jugendschutzkammer eine 58jährige Volksschullehrerin zu zwei Monaten Gefängnis mit Bewährungsfrist und zu 1500 Mark Geldbuße, weil sie fünf Jungen und Mädchen mit Zeigestöcken, Meßlatten und Büchern mißhandelt hatte.
Aber seit einigen Monaten wartet der autoritätsfeindliche Teil der deutschen Schülerschaft nicht mehr auf den Staatsanwalt. Schüler verfassen "Steckbriefe" -- wie in Bremen, legen Dokumentationen an -- wie in Kiel, oder geben Pressekonferenzen -- wie in Wedel.
Das Auf begehren an den Schulen machte sich das neue Schülermagazin "Underground" zunutze. Es erteilte eine Rechtsbelehrung, die, sofern sich Schüler nach ihr richten, dem Blatt neuen Lesestoff sichert.
"Underground" riet: "Wenn Lehrer in der Schule schlagen, verstoßen sie gegens Grundgesetz: Die Schüler können das anzeigen -- oder zurückschlagen. Das ist Notwehr."

DER SPIEGEL 11/1969
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 11/1969
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHULEN / PRÜGELSTRAFE:
Stets väterlich