10.03.1969

GESELLSCHAFT / DELONTolle Kerle

An der Böschung einer Abfallhalde, zwischen Paris und Versailles, fand ein Penner ein Paket. In Matratzenstoff verschnürt, in Plastik verpackt -- ein Toter mit eingeschlagenem Schädel.
Frankreichs Polizei identifizierte den Toten an den Abdrücken seiner sauber manikürten Finger: Stepan Markovic, 31, Jugoslawe, bis vor kurzem Leibwächter und Freund des französischen Filmhelden Alain Delon, 33, und seiner (vor drei Wochen von ihm geschiedenen) Frau Nathalie, 28.
Es war ein Mord ohne Mörder, ein Verbrechen ohne Motiv, aber ein Toter, der immerhin mehrere Briefe hinterließ. In einem stand: "Wenn mir ein Unglück zustößt, werden Alain Delon zu 10 000 Prozent und sein Kumpel Marcantoni, ein wirklicher Gangster, die Verantwortlichen sein.
Staatschef de Gaulle ließ sich täglich über den Stand der Ermittlungen informieren. Denn durch die Pariser Salons schwirrte das Gerücht, namhafte Gaullisten hätten an ausschweifenden Partys mit den Delons teilgenommen -- und Markovic habe Erinnerungsbilder geknipst wie einst als Standphotograph auf den Champs-Elysées.
Seit fast fünf Monaten läuft der Markovic-Krimi. Mitte Februar setzte der Versailler Untersuchungsrichter Patard die Untersuchung für eine Woche aus, "um einmal in Ruhe darüber nachzudenken".
Denn der mysteriöse Fall Markovic begann schon vor dem Müllgrubenfund am 1. Oktober 1968: vor fast drei Jahren in Hollywood.
Am 30. Januar 1966 starb der Markovic-Freund Milos Milosevic im Badezimmer des Schauspielers Mickey Rooney durch eine Revolver-Kugel. Auch Milos war Jugoslawe, auch Milos war Delons Leibwächter gewesen, auch er starb unter ungeklärten Umständen.
Alain Delon, der gerade in Hollywood "Zwei tolle Kerle in Texas" drehte, war in der Mordnacht Party-Gast bei Milos in der Rooney-Villa. Auch Marcantoni war zufällig zu diesem Zeitpunkt in Hollywood.
Mutter Milosevic ("Ich liebe Hitchcock-Filme") recherchierte über den mysteriösen Tod in Hollywood vor Ort. Dabei stieß sie auf den Namen Kiro Popcevski, Jugoslawe und Freund ihres Sohnes. Kiro hatte erklärt, er kenne den Mörder von Milos. Die alte Dame erfuhr nur noch von seinem Tod: Kiro war hitchcockwürdig gestorben -- mit Draht umwickelt, die Enden in einer Steckdose.
"Madame, hier werden Sie nicht die Wahrheit erfahren", versicherte damals Hollywood-Schauspieler Break Dexter der betagten Amateur-Detektivin, "lassen Sie sie sich von Alain Delon in Paris erzählen."
Dort genoß derweil Hollywood-Held Delon seinen Erfolg: Er verkehrte in einer exklusiven Clique. zu der auch der damalige Premier Pompidou, seine Porsche-fahrende Frau Claude, der Modemaler Buffet sowie die Schriftstellerin Francoise Sagan zählten, in der "Bande à Pompon", benannt nach dem Spitznamen des Ex-Premiers.
Delon speiste mit den Rothschilds und mit dem Präsidenten der Nationalversammlung, Jacques Chaban-Delmas, dessen Rolle als Résistance-General er in dem Befreiungsepos "Brennt Paris?" gespielt hatte.
Der einstige Schlachtergeselle Delon aus dem Pariser Vorort Sceaux wurde hoffähig. 17jährig war er freiwillig in den Indochinakrieg gezogen, verbrachte jedoch mehr Zeit in der Arrestzelle als vor dem Feind und wurde unehrenhaft aus der Armee entlassen.
Sein damaliger Vorgesetzter Henri Guy de Vignac über den Soldaten Delon: "Ein Sadist, ein Junge, der Spaß hatte am Töten, ein sexuell Abartiger."
Wieder in Paris, fand Dschungelkämpfer Delon Freunde im Dschungel der Halbwelt von Saint-Germain des Prés. Er reiste zu den Filmfestspielen nach Cannes, wurde von einem amerikanischen Talentsucher entdeckt und machte Karriere. Delon: "Wenn nicht Filmschauspieler, wäre Ich am liebsten Gangster geworden."
Er verlobte sich mit Romy Schneider und heiratete die lebenshungrige Nathalie Barthélémy, die Freundin seines Freundes Milos Milosevic.
Milos wurde das Leben zu dritt leid. Er setzte sich mit einer reichen Amerikanerin nach Hollywood ab. Zuvor empfahl er den Delons seinen Landsmann Markovic als Nachfolger.
Nathalie war schon nach dem ersten gemeinsamen Essen beeindruckt: "Es war unglaublich, es schien, als würde er Strahlen entsenden." Markovic vertrat Delon auch als Double vor der Kamera.
Der eifersüchtige Alain freilich hatte dem Gorilla eine andere Rolle zugedacht: Markovic sollte Nathalie bespitzeln. Doch Nathalie blieb Siegerin: Angeblich spielte sie Alain Tonbänder von ihren jugoslawischen Schäferstündchen vor, Sicher ist, daß der geprellte Delon den vertrauten Spezi fallenließ, den er einst zärtlich "Alinka" gerufen hatte.
Gleichwohl behielt Markovic sein Appartement in der Avenue de Messine 22, dem Pariser Delon-Domizil. Fortan teilte er mit seinem Freund und Landsmann Uros Milicevic Kost und Logis. Uros ist der letzte seiner Freunde, der Stepan Markovic lebend gesehen hat: Am Abend des 22. September vorigen Jahres stieg Markovic vor dem Haus in ein wartendes Taxi. Er wollte -- so erklärte Uros später -- mit dem korsischen Ex-Gangster und Pariser Restaurant-Besitzer Francois Marcantoni beim Poker "eine reiche Taube rupfen", denn "seit mehr als einem Jahr hatte Stepan keinen Cent mehr von Alain Delon bekommen".
Doch Markovic wurde selbst das Opfer der mysteriösen Pokerpartie mit dem Delon-Freund Marcantoni: Am 1. Oktober fand der Clochard den erschlagenen Markovic.
"Stepan wurde ermordet, weil er zu viel über den Mord an Milos Milosevic gewußt hatte", verkündete Uros, der sich schnell nach Belgrad in Sicherheit gebracht hatte." Für den Tod in Hollywood ist derselbe Täter verantwortlich wie für den Mord an Stepan."
Uros erzählte noch mehr. Er behauptete, einen Mann wie Markovic könne niemand einfach erschlagen haben. Ende Oktober ergab eine zweite Autopsie: Im Kopf des Toten steckte eine Neun-Millimeter-Pistolenkugel, ein grobes Kaliber, das von Profi-Gangstern bevorzugt wird.
Am 17. Januar wurde Francois Marcantoni, 52, in Cannes verhaftet. Begründung: Beihilfe zum Mord.
Marcantoni, ehemals Résistance-Kämpfer und Rauschgifthändler, der bislang beste Beziehungen zu gaullistischen Spitzenfunktionären unterhielt -- aus dem Innenministerium beschaffte er beispielsweise die für den Ausländer Markovic nötige Aufenthaltsgenehmigung --, wurde unter einmaligen Sicherheitsmaßnahmen zum Gefängnis in Versailles gebracht: mit Sonderflugzeug und Hubschrauber.
Doch bisher konnte Marcantoni nicht überführt werden -- auch nicht durch die Gegenüberstellung mit Delon. Der Schauspieler erklärte nach 36 Stunden im Polizei-Gewahrsam, Marcantoni sei nach wie vor sein Freund und er sei stolz darauf.
Verbindungen zwischen Unterwelt und High Society haben in Frankreich Tradition -- und lassen Verbrechen oft ungeklärt. "Wenn man einen flachen Stein hochhebt", erläuterte unlängst ein hoher Pariser Polizeioffizier den Fall Markovic, "und findet Würmer, Spinnen und anderes häßliches Getier, dann legt man den Stein wieder zurück. Das ist genau das, was wir machen."
Doch Untersuchungsrichter Patard gibt nicht auf: Nach seiner einwöchigen Bedenkzeit setzte er am vorletzten Dienstag die Zeugenvernehmungen fort. Auch das einstige Ehepaar Alain und Nathalie Delon steht auf seiner Liste. Sie soll um zwei noch prominentere Namen erweitert werden: Letzten Dienstag beantragten die Marcantoni-Verteidiger die Einvernahme des Ehepaares Pompidou.
Der Ex-Premier jedoch ließ über sein Sekretariat mitteilen: "Monsieur Pompidou und seine Frau wissen nichts über Gründe und Hintergründe dieser banalen Affäre."

DER SPIEGEL 11/1969
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