07.04.1969

EISHOCKEY / UdSSR-NIEDERLAGENHaß und Tränen

Auf dem Eis schwenkte ein Zuschauer die CSSR-Fahne. Demonstrativ jubelten die 10 000 Besucher im Stockholmer Johanneshov-Stadion. Als die sowjetischen Eishockey-Hünen in die Arena glitten, schrillte ein Pfeifkonzert.
"Warum duldet man Demonstrationen für die Tschechen?" protestierte der sowjetische Equipenchef Ragatin während der Eishockey-Weltmeisterschaft. Entgegen allen Voraussagen siegte die CSSR-Mannschaft zweimal gegen die Russen (2:0 und 4:3). "Sie trampelten auf unseren Nerven", beklagte sich Oberst Anatolij Tarassow, der sowjetische Trainer.
Seit der Besetzung der CSSR zerren Zuschauer-Demonstrationen an den Nerven sowjetischer Sportler, sobald sie gegen tschechoslowakische Gegner antreten. Die Politik, die sowjetische Politruks dem internationalen Sport aufgepfropft haben, schlägt auf Moskaus Athleten zurück.
Unmittelbar nach dem Einmarsch in die CSSR hatten Klubs und Verbände aus westlichen Ländern zumindest vorübergehend ihre sportlichen Verbindungen zur UdSSR unterbrochen. Berlin sagte den Leichtathletik-Vergleich mit Moskau ab, der belgische SC Anderlecht und Bayern Hof luden die Moskauer Fußball-Kollektivs Dynamo und Torpedo wieder aus, der norwegische Skiverband verschickte für die Ski-Wettkämpfe am Holmenkollen nur an ein Ostblock-Land Einladungen: an die CSSR.
Im Fußball-Europacup weigerten sich Westklubs, gegen Mannschaften der Interventions-Staaten anzutreten. Erstmals in der Chronik ihres beliebtesten Wettbewerbs annullierte die Europäische Fußball-Union die Auslosung zur ersten Runde und knobelte die Spielpaarungen zum zweitenmal aus: Ost- und Westmannschaften gesondert.
Beim Kongreß des Internationalen Handball-Verbandes bewahrte den sowjetischen Delegierten Nikolai Suslow auch der Hinweis auf bereits vollzogene "kostspielige Vorbereitungen" nicht vor der Aufhebung der Hallen-Weltmeisterschaften der Frauen in der Sowjet-Union. Nach der Abstimmungsniederlage weinte Suslow.
Jeder Startausfall kostet die Sowjets harte Devisen: für die Unterbringung westlicher Sportler in der UdSSR ebenso wie die bei Wettkämpfen im westlichen Ausland fälligen Startgelder. Und für die ausgeladenen Sportler und ihre Begleiter bedeutet der Fortfall der in kapitalistischen Ländern üblichen Taschengelder und Preise den Verzicht auf Luxusgüter wie etwa Photo-Apparate oder Transistorenempfänger, die sie sich von West-Starts mitzubringen pflegen.
Noch spürbarer nagte die Reaktion empörter Zuschauermassen am sowjetischen Prestige. Schon bei der Eröffnungsfeier zu den Olympischen Spielen in Mexico City marschierte die Sowjet-Mannschaft unter Pfiffen und "Ceko"-Sprechchören um die Tartan-Bahn; die CSSR -Sportler umfing triumphaler Beifall.
Als die vierfache CSSR-Olympiasiegerin Vera Cáslavská am Schwebebalken zu niedrige Noten erhielt, protestierten die Zuschauer, bis die Bewertung aufgebessert wurde. Dagegen zerpfIff das Publikum die hohen Punktzahlen der Russinnen. Die sowjetische Favoritin Natalja Kutschinskaja strauchelte vor Nervosität an Pferd und Barren.
Im Brustschwimmen feuerten die Zuschauer die Rivalinnen der russischen Favoritin Galina Prosumentschikowa, 19, so nachhaltig an, daß das Sowjet-Mädchen beide Rennen (100 und 200 Meter) verlor. Die Russin brach zusammen und gab den Wettkampfsport auf. 22 000 Mexikaner putschten Jugoslawiens Basketball-Team gegen die favorisierten Sowjets auf. Die UdSSR wurde besiegt und mußte mit der Bronzemedaille vorliebnehmen. Auch im Hochsprung übertrumpfte die tschechische Außenselterin Miloslava Rezková die zwei Sowjet-Favoritinnen.
Als Sowjet-Meister erstmals nach der Besetzung wieder in der CSSR starteten, buhten die Zuschauer sie beim Tatra-Pokal in Strbske Pleso, der Generalprobe für die Nordischen Ski-Weltmeisterschaften 1970, ungeachtet ihrer Leistungen aus. Skisprung-Olympiasieger Wladimir Belousow rappelte sich nach einem Sturz unter mitleidlosem Gelächter auf.
Im Mai werden die Okkupanten im eigenen Lande bloßgestellt: Die CSSR kündigte ihre Teilnahme an der sogenannten Friedensfahrt auf, der bedeutendsten Radrundfahrt für Amateure. Die Veranstalter müssen erstmals sogar in der Streckenführung die CSSR aussparen und sich auf Polen und die DDR beschränken. Auch als sie deshalb zum Rapport nach Moskau befohlen wurden, buchen die CSSR-Funktionäre fest.
Wegen ihrer schlechten Erfahrungen vergewissern sich die Sowjets noch vor ihrer Abreise nach Stockholm, oh sie mit wohlwollender Behandlung rechnen dürften "Die Zusage war nichts wert, grollte der sowjetische Delegationsleiter Ragalin. Im Gegenteil: "Sie müssen gemerkt haben, daß sie keinesfalls populär waren', glaubte die schwedische Zeitung "Dagens Nyheter". Am schmerzlichsten spürte es Trainer Tarassow: Nach der ersten Niederlage setzte ihn ein Herzanfall außer Gefecht.
Als CSSR-Spieler Josef Golonka zwei Strafminuten zudiktiert wurden, rief ihm Russen -Betreuer Arkadij Tschernyschew-Faschist" nach. "Da wollte ich eines", berichtete Golonka später, "lieber sterben, als gegen die Russen verlieren,'
Allerdings: Die (neunte) Weltmeisterschaft erkämpften die Sowjets dennoch. Denn die vom "Haß-Match" ("Politiken", Kopenhagen) erschöpfte CSSR-Equipe verlor anschließend gegen Schweden.
Während der Siegerehrung für die Sowjets versagten im tschechoslowakischen Funk und Fernsehen Bild und Ton. Die Regierung des Eishockey-Fans Dubcek kündigte eine Untersuchung an.

DER SPIEGEL 15/1969
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