07.04.1969

JAZZ / CLARKE-BOLAND-BANDWie im Gefängnis

Einmal im Monat läßt der Kölner Cafétier Gigi Campi, 40, prominente Jazzmusiker aus ganz Europa zu sich kommen. Doch sie machen keine Kaffeehausmusik; sie erfüllen Verträge, die der Musikmanager Campi für die Gelegenheitsband abgeschlossen hat -- Autnahmen für Funkhäuser und Schallplattenfirmen.
Das "Ensemble aus 17 Katholiken, Zionisten, Moslems, Marxisten, Weißen und Negern", das sich nach seinem Schlagzeuger und seinem Pianisten Clarke-Boland-Band nennt, swingt so hervorragend, daß ihm beispielsweise der amerikanische Star-Trompeter Dizzy Gillespie "jederzeit beitreten" würde. In Deutschland ist das "beste Jazzorchester der sechziger Jahre" (Benny Goodman) dennoch so gut wie unbekannt. In zehn Jahren hat die Clarke-Boland-Bigband in der Bundesrepublik nur fünfmal öffentlich gespielt; im deutschen Fernsehen war sie nie zu sehen -- Drittes Programm ausgenommen. Denn für den Geschmack eines deutschen Unterhaltungschefs machen die Weltklasse-Musiker nur "hoffnungslose Minderheiten-Musik" -- so WDR-Abteilungsleiter Hoff.
Das hörte Campi, in dessen Café seit 1948 europäische und amerikanische Jazz-Prominenz verkehrt, schon vor Jahren -- zuerst von den deutschen Plattenfirmen, denen er Probeaufnahmen der 1959 erstmals zusammengetrommelten Band vorlegte: Die einheimische Schallplattenindustrie hatte an der internationalen Band "kein Interesse". Daran änderte sich auch nichts, als Campi seine ersten, aus Bankkrediten vorfinanzierten Bigband-Platten in Amerika veröffentlichte und hochtönende Kritiken bekam.
Erst 1967 brachte Campi mit "Generalstabsarbeit und zähen Verhandlungen" schließlich einen Pool aus acht europäischen Rundfunksendern zusammen, die gemeinsam zwölf 30-Minuten-Produktionen der Clarke-Boland-Band finanzierten. Doch nicht alle Sender lösten ihre Verpflichtungen ein; 63 846,37 Mark Verlust mußten durch Einnahmen aus Campis Musikverlag ausgeglichen werden. Noch schlimmer: Die Jazzer musizierten ständig im sterilen Studio ohne Publikumsresonanz." Und das", sagt Campi, "war wie im Gefängnis."
Im Herbst 1967 brach die Band aus dem Gefängnis aus: "Um endlich wieder mit Zuhörern in Verbindung zu kommen" (Campi), reisten die Musikanten, die drei Wochen im Monat zum Lebensunterhalt Tanzarrangements blasen müssen und für Campi aus Jazzbegeisterung spielen, zum internationalen Jazzfestival nach Prag. Im Prager Lucerna-Saal entfesselten sie -- ohne Gage -- eine Jazzorgie, für die das Publikum eine Stunde Verlängerung erzwang. "Man muß es einfach gehört haben, um es zu glauben", staunte der Korrespondent der englischen Musikzeitschrift "Melody Maker". Ein englischer Manager bot der Band sofort guthonorierte Konzerte in London an.
Doch bis Anfang dieses Jahres verweigerten die britischen Behörden dem Orchester die Arbeitserlaubnis: Vier Ensemblemitglieder stammen aus Ländern, mit denen die englische Musikergewerkschaft keine Austauschverträge abgeschlossen hat. Dann, zum erstenmal seit mehr als 30 Jahren, erklärten sich die Beamten zu einer Ausnahmeregelung bereit.
Drei Wochen lang musizierte die "Band, die Count Basie, Buddy Rich und Woody Herman in den Schatten stellt" ("Daily Mali") auf ihrer ersten großen Konzerttournee vor vollen Häusern. Bei minus 17 Grad Außentemperatur und einem Schneesturm von Windstärke neun kamen 3000 Londoner zum Eröffnungskonzert in die Royal Festival Hall. Im Ronnie-Scott-Nightclub in Sohn (384 Sitzplätze), wo die Musikanten zwölf Abende auftraten, drängten sich pro Nacht durchschnittlich 927 Fans, unter ihnen Prinzessin Margaret und Lord Snowdon.
Nun endlich, nach diesem Londoner Erfolg, wird die Clarke-Boland-Band auch für die deutschen Musikveranstalter attraktiv. Die Schwarzwälder Plattenfirma Saba-MPS nahm Clarke und Boland unter Exklusivvertrag und bringt Mitte April vier Langspielplatten der Band auf den Markt. Das Frankfurter Konzertbüro Lippmann und Rau plant für August eine Europatournee.
Nur die Unterhaltungsabteilung des WDR-Fernsehens ist immer noch "nicht zuständig" für das Orchester, das 150 Meter vor der Funkhaus-TOr seinen Sitz hat. "Die Clarke-Boland-Band", so erklärte Abteilungsleiter Hannes Hoff nach der England-Tournee, "ist dem WDR wohlbekannt und wird im Hause sehr geschätzt."
Wohl nicht allzusehr: Denn der erste Fernsehauftritt steht immer noch aus. "Entweder der Westdeutsche Rundfunk schläft", sagt Campi, "oder hinter den Kulissen intrigiert jemand gegen mich und meine Band."

DER SPIEGEL 15/1969
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