23.12.1968

KONZERNE / BENZIN-KRIEGWeiße Riesen

Als sein Konzern den Benzinpreis senkte und ihm dabei die Provision kürzte, wußte der Delmenhorster Tankstellen-Stationär Fritz Kuhlmann, 46, nicht mehr ein noch aus: Er erhängte sich in der Waschhalle seiner Shell-Station.
In Berlin veranstalteten 700 Zapfmänner mit über 400 Personenwagen eine Protest-Fahrt über den Kurfürstendamm, in Duisburg taten es ihnen 1000 Tank-Kollegen gleich, und in Dortmund charterten werbekundige Demonstranten eine einmotorige Piper 18 und ließen einen Flor mit der Aufschrift "Tankstellen hattet zusammen" über den grauen Himmel der Ruhr ziehen.
Zu der Protestfront hat die Preispolitik der großen Mineralölkonzerne Esso, Shell, BP, Dea/Texaco und Aral die Tankstellenbesitzer und -pächter zusammengeführt: Die Gesellschaften waren Anfang Dezember mit drastischen Preissenkungen bis zu zwölf Pfennig pro Liter Normalbenzin zum Großangriff gegen ihre schärfsten Konkurrenten, die sogenannten weißen Tankstellen, angetreten. Die Öl-Riesen mochten es nicht länger hinnehmen, daß die Konzernfreien mit billigem Sprit aus anonymen Quellen von Jahr zu Jahr einen größeren Marktanteil errangen -- 1968 nahezu 25 Prozent (SPIEGEL 47/1968).
Ihren Preiskampf gegen die weißen Zapfsäulen wollen die Ölgesellschaften jedoch nicht allein finanzieren. Sie verlangen von ihren Tankstellen-Konzessionären, den Feldzug durch Verzicht auf einen Teil ihrer Provision mitzutragen. Um renitente Tank-Männer auf Konzernkurs zu zwingen, liefern Aral und Gasolin erst nach Anerkennung der geschmälerten Provision billigeres Benzin.
"Viele büßen monatlich 700 bis 900 Mark ein", vermutet Horst Erner, Vorsitzender des Zentralverbandes des Tankstellen- und Garagengewerbes.
Doch bereits heute steht fest, daß die mächtigsten unter den 5600 freien Benzinverkäufern sich keinesfalls aus dem Markt boxen lassen werden, nämlich die umsatzstarken Verbrauchermärkte, Einkaufszentren und Cash-and-carry-Großmärkte. Für sie ist das billige Benzin nur ein Lockvogel-Angebot an die motorisierten Kunden, denen sie notfalls auch unter dem Selbstkostenpreis den Tank füllen wollen. Durch die Schläuche dieser 900 weißen Riesen sprudeln heute bereits zwei Fünftel ·des freien Benzins.
Aber auch die übrigen freien Zapfer versuchen, mit der Waffe der Preissenkung gegen die Konzerne zurückzuschlagen. So setzte der Mönchengladbacher Sprit-Abfüller Hans Heinen seinen Preis auf den derzeit niedrigsten Stand in der Bundesrepublik herab: auf 47,9 Pfennig. Tankstellen-Obmann Erner befürchtet, daß "in diesem Konkurrenzkampf tausende Betriebe aufgeben" werden.
Von den Wettbewerbs-Wächtern im Berliner Bundeskartellamt haben die attackierten Tankstellen-Besitzer keine Hilfe zu erwarten. Dr. Heinz Ewald, Leiter der Beschlußabteilung Marktbeherrschung, erklärte:" Wir würden gern etwas tun, wenn wir könnten."
Zweimal in den letzten Jahren versuchten die Kartellbeamten vergeblich, die mächtigen Öl-Konzerne des Mißbrauchs ihrer marktbeherrschenden Stellung zu überführen:
* 1966, als die Gesellschaften -- wie heute -- die Preise stark senkten, um den freien Tankstellen die Luft abzuschnüren, und
* 1967, als sie in der Nahost-Krise die Preise heraufsetzten und nach Beendigung des arabischen Öl-Boykotts nicht wieder zurücknahmen. Diesmal resignierten die Berliner Kartellbeamten, ehe der Benzinkrieg recht begann, da mit ihren "grobschlächtigen rechtlichen Mitteln" doch nichts auszurichten sei. "Wir haben es", deutete Jurist Dr. Ewald die Lage, "mit einer großen Marktbereinigung zu tun, bei der man mit dem Gesetz nichts unternehmen kann."
Damit das Großreinemachen nicht in einen Vernichtungskampf ausufere, bat Wirtschaftsminister Schillers Staatssekretär Klaus Dieter Arndt am Mittwoch vergangener Woche Konzernherren und Tankstellensprecher zum Gespräch nach Bonn.
Sieben Stunden lang verhandelten die Kontrahenten, dann vertagten sie sich ergebnislos bis Januar. Nur zu einem mageren Waffenstillstand vermochte sie Arndt vor der Abreise noch zu bewegen: Die Öl-Trusts werden opponierenden Tankstellen-Pächtern keine Kündigungsbriefe mit der Weihnachtspost ins Haus schicken.

DER SPIEGEL 52/1968
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 52/1968
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KONZERNE / BENZIN-KRIEG:
Weiße Riesen

Video 07:49

Videoreportage zu seltenen Krankheiten "Du denkst, das Kind stirbt"

  • Video "Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?" Video 02:12
    Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
  • Video "Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott" Video 00:56
    Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott
  • Video "Roboter im All: Russland schickt Humanoiden zur ISS" Video 01:16
    Roboter im All: Russland schickt Humanoiden zur ISS
  • Video "Kalbender Gletscher: Gefährliche Überraschung beim Kajak-Ausflug" Video 01:26
    Kalbender Gletscher: Gefährliche Überraschung beim Kajak-Ausflug
  • Video "Streitgespräch zum SPD-Vorsitz: Ist Olaf Scholz der Richtige?" Video 03:51
    Streitgespräch zum SPD-Vorsitz: Ist Olaf Scholz der Richtige?
  • Video "Exosuit: Aufs Schlachtfeld im Roboteranzug" Video 01:37
    "Exosuit": Aufs Schlachtfeld im Roboteranzug
  • Video "Die Bundesliga-Prognose im Video: Im Tabellenkeller prügeln sich viele, absteigen zu dürfen" Video 03:07
    Die Bundesliga-Prognose im Video: "Im Tabellenkeller prügeln sich viele, absteigen zu dürfen"
  • Video "Dale Earnhardt Junior: US-Rennfahrer überlebt Flugzeugunglück" Video 01:09
    Dale Earnhardt Junior: US-Rennfahrer überlebt Flugzeugunglück
  • Video "Manöver im Stadion: Peking lässt Soldaten Einsatz gegen Demonstranten trainieren" Video 01:15
    Manöver im Stadion: Peking lässt Soldaten Einsatz gegen Demonstranten trainieren
  • Video "USA: Airline fliegt mit nur einem Passagier an Bord" Video 01:02
    USA: Airline fliegt mit nur einem Passagier an Bord
  • Video "Hongkong: Augenklappe wird zum Symbol der Proteste" Video 01:58
    Hongkong: Augenklappe wird zum Symbol der Proteste
  • Video "Vögel im Triebwerk: Passagiermaschine muss in Maisfeld notlanden" Video 00:55
    Vögel im Triebwerk: Passagiermaschine muss in Maisfeld notlanden
  • Video "Arktis: Forscher finden Mikroplastik im Schnee" Video 01:08
    Arktis: Forscher finden Mikroplastik im Schnee
  • Video "Amateurvideo: Freizeitskipper auf Kollisionskurs" Video 00:41
    Amateurvideo: Freizeitskipper auf Kollisionskurs
  • Video "Videoreportage zu seltenen Krankheiten: Du denkst, das Kind stirbt" Video 07:49
    Videoreportage zu seltenen Krankheiten: "Du denkst, das Kind stirbt"