23.12.1968

1968Krisen der Autorität

Am Grunde der Moldau wandern die Steine / Es liegen drei Kaiser begraben in Prag. / Das Große bleibt graß nicht und klein nicht das Kleine. / Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag. Bertolt Brecht, „Schweyk im Zweiten Weltkrieg“.
"Es wechseln die Zeiten, da hilft keine Gewalt". so geht es weiter im "Lied von der Moldau" -- das "Große", heiße es Macht, Herrschaft, Autorität oder auch nur Establishment, Ansehen, Wert, hat es zu spüren bekommen in diesem Jahr, nicht nur an der Moldau.
In Prag, seinem reformkommunistischen Frühling, sieht die Moskauer Orthodoxie ihre Herrschaft bedroht und fährt mit Panzern dazwischen -- aber der Gewaltakt, dem eine für unmöglich gehaltene Solidarität der Landsleute Alexander Dubceks widersteht, enthüllt gerade die ideologische Schwäche der Interventen und stürzt den Weltkommunismus in eine Krise, deren Ausgang noch ungewiß ist.
In Rom stemmt sich eine andere Orthodoxie wider den Wechsel der Zeiten: Paul VI. entscheidet gegen die Pille, gegen jede "künstliche" Geburtenkontrolle -- und entfacht mit seiner Enzyklika, die auf der päpstlichen Lehrautorität beharrt, die schwerste Autoritätskrise im Katholizismus seit Luther. Seit "Inhumanae vitae", dies ein Priesterwort, rebellieren katholische Laien und Kleriker auf bisher unerhörte Weise gegen ihre, in ihrer Kirche. Im katholisch übervölkerten Südamerika predigt der Papst den armen Massen Enthaltung vom Umsturz -- aber einzelne Priester solidarisieren sich mit den Revolutionären. Dies ist 1968:
Nach dem Dutschke-Attentat radikalisiert sich Deutschlands Studenten-Rebellion. Die Anti-Springer-Kampagne ist nun schon fast wieder vergessen, die Institution Universität am Ende dieses Jahres aber angeschlagen wie nie.
In Frankreich bringen Studenten-Revolte und Arbeiterstreik das Regime de Gaulles an den Rand des Zusammenbruchs; es kommt noch einmal davon, aber die gaullistische Grandeur übersteht den Stoß, der ihr im Mai versetzt worden ist, nicht. Auch wenn die Abwertung des Franc im November noch vermieden wird -- die Pariser Zeitungsschlagzeile zur Währungskrise gilt: "Das Regime ist abgewertet."
Nicht nur die Währungen der westlichen Welt, auch des Abendlands höhere Werte geraten 1968 ins Wanken (und selbst ein Schatz aus dem Weißen Haus verliert seinen Glanz): Junge Kulturrevolutionäre denunzieren den traditionellen Kunstbetrieb als kapitalistisches Opium fürs Volk, sprengen Premieren, Preisverleihungen und Festivals und stellen die gesamte veranstaltete Kultur in Frage.
1968 ist das Jahr, in dem der Contergan-Prozeß beginnt -- und nicht endet: qualvoll unzulänglicher Versuch, juristisch eine Katastrophe zu bewältigen, die, den Glauben an die Zuverlässigkeit wissenschaftlicher Kontrollen erschüttert und ein Versagen dieser Gesellschaft vor der Herausforderung zu optimaler Hilfe erwiesen hat.
1968 ist das Jahr, in dem der Bürgerkrieg um Biafra Ausmaße eines Völkersterbens annimmt -- und noch immer nicht endet: eine Katastrophe, die gewiß noch einmal die Hilflosigkeit der Menschheitsorganisation Uno erweist, die aber auch den Mythos von der afrikanischen Solidarität zerstört.
Es ist schließlich das Jahr, das die mächtigste Nation der Welt in eine tiefgehende Selbstbezweiflung stürzt.
1968, das Jahr, in dem Vietcong-Guerillas bis in die Saigoner US-Botschaft vorstoßen, in dem schwarze US-Olympiasieger dem Sternenbanner die "Black-Power"-Faust zeigen, das Jahr, in dem Martin Luther King und der zweite Kennedy ermordet werden, in dem ein George Wallace trommelt und die Polizei-Schläger von Chicago blutig für "Law and Order" sorgen, dieses Jahr entläßt die Amerikaner -- wohl auch viele von denen, die Nixon zum Präsidenten gewählt haben -- verunsichert wie kaum jemals: "Eine düstere Frage", so "Lift", "ist zu hören im düsteren Amerika von 1968: "Funktioniert die Demokratie noch?""

DER SPIEGEL 52/1968
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