02.12.1968

HOCHSCHULEN / HAMBURGEng verzahnen

Angehende Ingenieure und Philosophen, die vom selben Ingenieurschul-Dozenten in die Grundlagen der Regeltechnik eingewiesen werden; künftige Studienräte und künftige Kapitäne, die beim selben Universitätsprofessor Internationales Recht hören -- das ist die Vision von einer Bildungsstätte, die Hamburgs Bürgermeister und Schulsenator Dr. Wilhelm Drexelius (SPD) dem Parlament des Stadtstaates vorschlagen will: eine "Hochschule Hamburg".
In die neue Konstruktion, die als sogenannte Gesamthochschule konzipiert ist, sollen eingebracht werden:
* die Hamburger Universität;
* eine noch zu gründende "Fachhochschule", in der die bisherigen Ingenieurschulen und Höheren Fachschulen wie die Bibliothekarschule oder die Höhere Fachschule für Sozialpädagogik als "Fachgruppen" zusammengefaßt werden;
* die Akademie für Wirtschaft und Politik sowie -- später -- die Hochschule für bildende Künste und die Hochschule für Musik.
Mit diesem Konzept bereichert die Hamburger SPD-Regierung die vielfältigen Versuche, die seit den Studentenunruhen sinnfällig gewordene Misere deutscher Bildungsstätten zu beheben. In fünf Bundesländern werden neue Hochschul-Gesetzentwürfe vorbereitet; in Rheinland-Pfalz soll die erste deutsche Stiftungsuniversität entstehen. Kaum eine Woche vergeht, da Politiker und Professoren, Studenten und Verbände nicht neue Hochschulmodelle entwickeln.
Freilich, Einigkeit über die Richtung des Reformkurses besteht nicht. "So-
* Im Frühjahr 1968 in Hamburg.
weit die Reformansätze", konstatieren vier Frankfurter Professoren (siehe Seite 76), "überhaupt mehr als ein Herumtappen ohne Konzeption erkennen lassen, zeichnen sich verschiedene, oft gegensätzliche Intentionen ab."
Neues (etwa Ablösung der Fakultäten durch Fachbereiche, Beteiligung der Studenten an der Hochschulselbstverwaltung) kehrt in Verbindung mit alten Namen wieder (etwa Senat und Konzil).
Unter anderem über die Zusammensetzung von Konzil und Senat sowie anderer Selbstverwaltungsorgane streiten sich Politiker, Professoren und Studenten in Hamburg, wo dem Parlament schon seit Juni der Entwurf zu einem neuen Hochschulgesetz für die Universität vorliegt*.
Selbstverwaltungsorgane, wie sie für die Universität vorgesehen sind, sollen im Rahmen der geplanten Gesamthochschule auch der künftigen Fachhochschule und möglicherweise auch den übrigen einzugliedernden Hochschulen zugestanden werden. Wer an der Spitze des Überbaues "Hochschule Hamburg" stehen wird, haben "wir uns offengehalten" -- so Dr. Diether Haas, Staatsrat in der Schulbehörde: entweder ein Präsidium oder "ein Präsident für alle", der einem Gesamtkonzil verantwortlich wäre,
Mit seinem Gesamthochschulmodell will Hamburgs Senat "die verschiedenen Formen des Hochschulbereichs so eng miteinander verzahnen, daß Zufälligkeiten und Unzulänglichkeiten der schematischen Vorbildungswege im Hochschulwesen aufgefangen werden können".
Staatsrat Haas sieht in dem Modell die "Gelegenheit, mit dem Mehr an Bildungsnachfrage in den 70er Jahren fertig zu werden". Denn:
* Lehrkräfte eines Zweiges der Hochschule können zu Grundvorlesungen in einem anderen Zweig eingesetzt werden und so die mehr der Forschung zugewandten Professoren vom Lehrbetrieb entlasten.
* Hamburgs Reformer glauben, daß sich das Prestige-Gefälle zwischen dem Universitätsstudium und dem Studium an einer höheren Fachschule verringert, wenn diese als Fachhochschule im Verbund einer Gesamthochschule aufgeht, und daß dann die mehr für praktische Berufe geeigneten Abiturienten statt zur Universität zur Fachhochschule gehen werden.
* Nichtabiturienten sollen über die Fachhochschule als zweiten Bildungsweg die Möglichkeiten haben, nach Abschluß des Fachhochschulstudiums an der Universität zu studieren oder schon während
* Konzil nach jüngstem Stand des Gesetzentwurfs: ein Gremium von 40 Professoren, 20 Dozenten, 20 Assistenten und 40 Studenten, das die Universitätssatzung beschließt, den Präsidenten wählt und den Jahresbericht des Präsidenten entgegennimmt. Senat: ein Gremium von Universitätspräsident und -vizepräsident, sieben Professoren, vier Dozenten, vier Assistenten und vier Studenten als ständiges Exekutivorgan der Universität.
des Fachhochschulstudiums ihrem Fachgebiet verwandte Vorlesungen an der Universität zu hören. Das Hamburger Modell ist freilich nicht so sensationell, wie es der Lokaipresse scheint ("Hamburger Abendblatt": "Super-Idee des Senats"). "Differenzierte Gesamthochschulen", mit Kurz- und Langstudium, schlug der Soziologie-Professor Ralf Dahrendorf schon 1967 vor.
Universitäten, Fachhochschulen und Fachschulen "bilden in der Form einer Gesamthochschule zusammen die tertiäre Stufe des Bildungswesens", heißt es unter anderem in einem Hochschulgesetz-Konzept der FDP.
Die Integrierung der Ingenieurschulen als Fachhochschulen in den "Gesamthochschulbereich" gehörte schließlich zu den Forderungen auf Transparenten, hinter denen sich im letzten Sommer überall in der Bundesrepublik Ingenieurschul-Studenten zu Demonstrationszügen formierten.
Die Proteste bereiteten den Boden für das Hamburger Gesamthochschulmodell. Denn Ende Oktober, kamen die Ministerpräsidenten in Hannover überein, die Ingenieurschulen und andere Höhere Fachschulen zu "Fachhochschulen" mit gewissen Selbstverwaltungsrechten aufzuwerten. Vorstufe der sechssemestrigen Fachhochschule soll eine ebenfalls neue Fachoberschule mit zwei Schuljahren sein (Schulabschluß: "Fachhochschulreife"),
Weil im Stadtstaat Hamburg alle in eine Gesamthochschule zu integrierenden Bildungsinstitute dicht beieinanderliegen und sie zudem allesamt staatliche Einrichtungen sind, hält der Senat die Gesamthochschule für "die große Chance" (Haas).
Hamburgs organisierte Studenten sehen den Plan Hochschule Hamburg anders: als -- so 2. Asta-Vorsitzender Jochen Grote -- ein "plumpes Manöver, vom Hochschulgesetz abzulenken, das die Macht der Ordinarien ungebrochen läßt".

DER SPIEGEL 49/1968
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