09.12.1968

KUNSTMARKT / LEMPERTZSteil nach oben

Als die Auktionsbesucherin ihre Rechnung sah, wurde sie bleich und drängte zur Tür. Der Handel, murmelte die Unbekannte, die alle Konkurrenten überboten hatte, sei ein Mißverständnis. Für eine gotische Madonna sollte sie 320 000 Mark plus 15 Prozent Aufgeld zahlen.
Nicht nur der konsternierten Namenlosen war dieser Preis bei der 500. Versteigerung im Kölner Kunsthaus Lempertz zu hoch -- auch eine wohldotierte öffentliche Sammlung, das Kölner Schnütgen-Museum, konnte nicht so weit gehen: Die um 1300 datierte rheinische Marienfigur, nach dem Zwischenfall noch einmal ausgeboten, ging für 300 000 Mark in eine private Sammlung.
So rare und teure Stücke alter Kunst kommen sonst kaum auf den deutschen Markt. Beim Lempertz-Jubiläum aber stand die geschnitzte Jungfrau nicht allein, auch für Gemälde wurden sechsstellige Summen ausgegeben, zum Beispiel 275 000 Mark für ein Madonnenbild des Renaissance-Niederländers Jan Gossaert, 165 000 Mark für ein Mönchsporträt des Italieners Ludovico Brea aus der gleichen Zeit und 155 000 Mark für Lucas Cranachs "Madonna mit den Erdbeeren".
Zwei Flügelaltäre aus Holland und aus Franken kosteten 140 000 und 105 000 Mark, und selbst ein gefälliges niederländisches Blumen- und Früchtestilleben aus dem 17. Jahrhundert, das dem Maler Jan Baers zugeschrieben und nur mit 4000 Mark bewertet worden war, stieg auf 110 000 Mark.
Das teuerste Stück jedoch war ein Werk mittelalterlicher Malerei, ein um 1410 entstandenes Passionstriptychon eines westfälischen Anonymus. Das seit Jahrzehnten beispiellose Angebot brachte den Höchstpreis aller deutschen Kunstversteigerungen seit dem Krieg: 600 000 Mark.
Das massige Ausnahme-Objekt (Format: 165 mal 217 Zentimeter), bislang Familienbesitz im Kölner Venegerhaus Neven DuMont und selbst der Fachwelt unbekannt, war spät bei Lempertz eingetroffen -- zu spät für einen Vermerk im Auktionskatalog. Dennoch alarmierte die Offerte alsbald das Kultusministerium in Düsseldorf, und einen Tag vor der Versteigerung ließ die Behörde wissen, der Altar solle als "deutsches Kulturgut" eingetragen werden; sein Export sei vorerst untersagt.
Nun bleibt das nationale Wertstück "für die nächsten paar hundert Jahre" (Lempertz-Chef Rolf Hanstein) im Land: Das westfälische Landesmuseum Münster, das einen Kauf-Zuschuß aus Rundfunkgeldern bekommt, füllt mit dem alten Bildwerk seine Sammlung auf.
Diese Rekordverkäufe zum Auftakt einer siebentägigen Versteigerung (bis letzten Freitag), bei der auch Möbel, Fayencen, persische Miniaturen, japanischer Schwertschmuck und moderne Kunst zu haben waren, bedeuten für Lempertz den Anschluß ans internationale Marktniveau und an die große Tradition des Hauses. Denn mit ehrwürdiger Handelsware, zumal aus dem Mittelalter, hat die Versteigerer-Dynastie Hanstein in drei Generationen oft prominente Kundschaft an-gelockt und hohe Preise provoziert.
Der Gründer Johann Peter Hanstein, dem sein einstiger Bonner Prinzipal für 20 000 Goldmark den eingeführten Firmennamen "Mathias Lempertz" abgetreten hatte, kam mit Auktionen aus rheinischem Privatbesitz zu Weltruf und viel Geld.
1903 versteigerte Hanstein, nun in Köln, zehn Tage lang die Kollektion des Kölner Bürgermeisters Karl Thewalt und nahm dafür 1,5 Millionen Goldmark ein. Bei dieser Gelegenheit erwarb zum Beispiel der amerikanische Sammler-Magnat Pierpont Morgan einen gotischen Silberbecher, der nun im New Yorker Metropolitan Museum verwahrt wird; das Bonner Landesmuseum nahm einen Prototyp der sogenannten "Schönen Madonnen --
Ein anderes Musterstück gotischer Skulptur, die älteste bekannte Pietà, kaufte dieselbe Galerie neun Jahre später, als im Haus Lempertz der Nachlall des Sammlers Roettgen vor-steigert wurde. Preis der Beweinung: 11 700 Goldmark.
Auch Gebrauchskunst aus dem Rheinland ging bei Lempertz gut weg: 1934 zahlte Amerikas Zeitungsfürst William Randolph Hearst 11 000 Mark für einen Kölner Harnisch, den Hermann Göring als "national wertvoll" deklariert hatte und erst nach einem Hearst-Bittgang nach Karinhall zum Export freigab. Sich selber wünschte der Reichsmarschall einen Eichen-schrank aus dem 16. Jahrhundert, doch bei der Lempertz-Auktion wurde sein Abgesandter mit einer Summe von 46 000 Mark überboten. Den neuen Schrankbesitzer, den Kaffee-Hag-Fabrikanten Roselius, traf ein Schlaganfall, als er am Telephon den Preis erfuhr.
Im meist mühsameren Nachkriegsbetrieb, seit 1947, war wiederum die Gotik zusammen mit barocken Niederländern (Rolf Hanstein:" Die gelten hier als Heimatkunst") Geschäftsgrundlage. Einen bis vorletzte Woche gültigen Preisrekord (175 000 Mark) erreichte die Firma 1963 mit einer spätmittelalterlichen "Anbetung der Heiligen Drei Könige", die 1936 am gleichen Ort nur 30 000 Mark gekostet hatte.
Schon 1958 aber hatte Rolf Hanstein -- damals Teilhaber und seit dem Tod seines Vaters in diesem Herbst Alleinregent des Hauses -- die erste Lempertz-Auktion moderner Kunst durchgesetzt. Vergebens bot der Branchen-Neuling Roman Norbert Ketterer eine Marktaufteilung an, um Lempertz ausschließlich auf die alte Kunst festzulegen; vergebens klagten konservative Lempertz-Kunden beim Senior Josef Hanstein: "Können Sie das dem Bengel nicht verbieten?"
Ungerührt setzte der Sohn gleich anfangs 500 000 Mark um und machte wenig später eine Farblithographie von Kirchner (Erlös: 15 000 Mark) zur "teuersten deutschen Graphik seit Albrecht Dürer" (Hanstein).
Bald freilich zeigte sich auch ein empfindlicher Mangel an Spitzenware. den Hanstein junior nur unvollkommen mit Witzen und aktuellen Glossen überspielte. So übersetzte der promovierte Mediziner den Titel eines Rohlfs-Holzschnitts "Pippi komm" mit "Prostataleiden" und bemerkte zum Kollwitz-Druck "Helft Rußland": "Dat sagt der Adenauer auch." Sein häufigster Spruch jedoch wurde das Eingeständnis des Mißerfolges: "Einmal, zweimal, keinmal."
Die größten Schwierigkeiten glaubt Hanstein nun, seit der Rezessionskrise 1966/67 ("Da hat das Ausland den Umsatz gerettet"), überwunden den Kunst-Kurs sieht er "steil nach oben steigend".
Der Firmenchef, der auch in New York ein Büro eröffnet hat, um Kunst aus den USA zurückzubringen ("Der Einbahnverkehr geht zu Ende"), registriert jährliche Versteigerungsumsätze "zwischen zehn und 15 Millionen". Gegen Einzelfehlschläge ist Lempertz somit genügend abgesichert.
So machten die Sensationsverkäufe am Tag der alten Kunst leicht die keineswegs seltenen Mißerfolge wett
Für eine Federzeichnung Vincent van Goghs" "Der Irrenhausgarten in Saint-Remy", vermutlich eine Studie zum motivgleichen Van-Gogh-Gemälde im Essener Folkwang-Museum, zahlte der Züricher Galerist Feilchenfeldt 160 000 Mark.

DER SPIEGEL 50/1968
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