25.11.1968

PROZESSE / SCHADENERSATZFreudiges Ereignis

Am 25. Januar 1967 legte die Bahnwärtersfrau Ursula Knack, 27. in der "Königlich-privilegierten Apotheke von 1740" zu Kellinghusen im Mittelholsteinischen ein Rezept vor. Hausarzt Dr. med. Ernst Sieke, 71. hatte der fünffachen Mutter die Antibabypille "Eugynon" verordnet.
68 Tage lang nahm Frau Ursula die Pille. Dann offenbarte ihr ein Facharzt, den sie wegen andauernder "Magenbeschwerden" aufgesucht hatte, daß sie erneut schwanger sei.
Die Verwunderung des Arztes und der werdenden Mutter über das Mißlingen der Pillenkur wich erst, als Frau Knack dem Mediziner die leere Packung des Präparates brachte, das ihr Pharmazeut Hans G. Behrmann in der Kellinghusener Königlich-privilegierten Apotheke verkauft hatte:
Die Bahnwärtersgattin hatte nicht "Eugynon"-Antibabypillen geschluckt, sondern insgesamt 200 "Bohnen" des verdauungsfördernden Mittels "Enzynorm" -- laut Packungsaufdruck ein "standardisiertes biologisches Magenenzym-Präparat". Behrmann, dem nun Ehemann Arnold Knack, 31, das "Eugynon"-Rezept des Hausarztes Dr. Sieke nochmals vorlegte: "Ich habe daraus Enzynorm gelesen."
Am 19. November 1967 brachte Ursula Knack im Kellinghusener Stadtkrankenhaus ihr sechstes Kind zur Welt, einen 3800 Gramm schweren, 50 Zentimeter langen Jungen. Er wurde auf den Namen Thomas getauft.
Und unverzüglich nach der Niederkunft verklagten die Eheleute den Besitzer der Königlich-privilegierten Apotheke, Dr. Hans Reimer, vor dem Landgericht Itzehoe auf Schadenersatz für den unerwünschten Familienzuwachs. Knack-Anwalt Dr. Wilhelm Dittmann forderte eine "monatliche Entschädigung ... die bis zum 18. Lebensjahr des Kindes Thomas zu bezahlen ist".
Reimer-Anwalt Dr. Friedrich Joseph Reiner dagegen wandte ein, ein Kind sei keinesfalls ein "Schadensfall, sondern ein freudiges Ereignis "Ein Kind ist ein Vorteil, der Freude bringt, wodurch sich der materielle Schaden voll ausgleicht." Allenfalls sei ein "Schmerzensgeld für die erlittene Schwangerschaft" in Erwägung zu ziehen.
Schließlich habe, so Reiner, Ursula Knack "bei der Entstehung des Schadens mitgewirkt" -- ein Argument, das die Bahnwärtersfrau dem Anwalt des Apothekers selbst an die Hand gab:
Denn vor Gericht bekannte Frau Knack, sie habe vor Einnahme der vermeintlichen Antibabypillen die Gebrauchsanweisung des Magenmittels gelesen. Daß in der Gebrauchsanleitung nicht von Schwangerschaftsverhütung die Rede war, erschien ihr freilich plausibel: Sie "dachte, das war zu Tarnzwecken so.
Frau Ursula weist jede Mitschuld zurück. Denn auch als sie nach Verbrauch des ersten Pillenvorrats mit dem Sieke-Rezept in der Kellinghusener Apotheke um Nachschub bat und dabei einflocht: "Ich bekomme das Geld nicht von meiner Krankenkasse zurück", war der Apotheker nicht stutzig geworden: Er hätte wissen müssen, daß Knacks Eisenbahner-Krankenkasse zwar nicht die verauslagten Kosten für Antibabypillen übernimmt, aber sehr wohl das Magenpräparat "Enzynorm" bezahlt.
Dreimal tagte die VI. Zivilkammer des Landgerichts Itzehoe in Sachen Knack bereits im Sommer und Herbst dieses Jahres. Beim vierten Termin -- am Donnerstag letzter Woche -- befanden die Itzehoer Richter, die Geburt des Thomas Knack sei ein Schadensfall, und verkündeten: Der Apotheker habe "einen Schaden verursacht, der in Unterhaltskosten besteht". Und: "Die Freude der Eltern an ihrem Kind wiegt diese Unterhaltspflicht nicht auf, weil hier gerade ein Medikament gekauft wurde, um diese Unterhaltspflicht zu vermeiden."
Allerdings braucht Apotheken-Besitzer Reimer nur "zur Hälfte" zum Unterhalt des Kindes Thomas beizutragen. Für die andere Hälfte müssen die Knacks aufkommen -- weil Ehefrau Ursula ihre "allgemeine Pflicht" versäumt habe, "das zu prüfen, was sie gekauft hat".
Anwalt Reiner glaubt freilich, aus dem Richterspruch auch Ansprüche auf Vaterfreuden für Apotheker Reimer herleiten zu können: "Wenn mein Mandant schon den Schaden tragen soll, müßte ihm auch das Recht zukommen, das Kind zu adoptieren."

DER SPIEGEL 48/1968
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