25.11.1968

„DIES BLUT IST UNS ZU TEUER“

Die revolutionäre Tradition zu verteidigen, fand sich in der Sozialdemokratie nur eine schwindende Minorität. Ihre temperamentvollste Sprecherin war Rosa Luxemburg. Die Mehrheit vertraute auf einen evolutionären, naturnotwendigen Übergang zum Sozialismus. Allen voran der Parteivorsitzende August Bebel.
Rosa Luxemburg auf dem Jenaer Parteitag 1905:
Wenn man die bisherigen Reden in der Debatte zur Frage des politischen Massenstreiks hier gehört hat, muß man sich wirklich an den Kopf fassen und fragen: Leben wir denn tatsächlich im Jahre der glorreichen russischen Revolution (des Jahres 1905) oder stehen wir in der Zeit zehn Jahre vor ihr? (Sehr richtig!) ... Da verlangt man, daß wir sagen, wie werden wir den Generalstreik machen, mit welchen Mitteln, zu welcher Stunde wird der Generalstreik erklärt, habt ihr schon die Magazine für die Lebensmittel? Die Massen werden verhungern. Könnt ihr es auf euer Gewissen nehmen, daß Blut fließt? Ja, alle, die solche Fragen stellen, haben nicht die geringste Fühlung mit der Masse, sonst würden sie sich nicht so weit den Kopf um das Blut der Massen zerbrechen, denn die Verantwortlichkeit ruht gerade nicht bei den Genossen, die diese Frage stellen ... wir sehen doch an der Geschichte, daß alle Revolutionen mit dem Blut des Volkes erkauft sind. Der ganze Unterschied ist, daß bis jetzt das Blut des Volkes für die herrschenden Klassen verspritzt wurde, und jetzt, wo von der Möglichkeit gesprochen wird, ihr Blut für ihre eigene Klasse zu lassen, da kommen vorsichtige sogenannte Sozialdemokraten und sagen, nein, dies Blut ist uns zu teuer ... Lernen Sie einmal aus der russischen Revolution! ... Gegenüber der ganzen Kleingeisterei müssen wir uns sagen, daß für uns die letzten Worte des Kommunistischen Manifestes nicht nur eine schöne Phrase für Volksversammlungen sind, sondern daß es uns blutiger Ernst ist, wenn wir den Massen zurufen: Die Arbeiter haben nichts zu verlieren als ihre Ketten, aber eine Welt zu gewinnen (Beifall und Widerspruch). August Bebel auf dem Jenaer Parteitag 1905:
Nun hat die Debatte nach einer Richtung einen etwas seltsamen Charakter angenommen. Ich habe mit Ausnahme der Jahre, in denen ich mich in Staatspension* befand, allen Parteikongressen beigewohnt. Aber eine Debatte, in der so viel von Blut und Revolution die Rede gewesen wäre wie in der heutigen, habe ich noch nicht gehört. (Heiterkeit.) Als ich das alles hörte, habe ich ein paarmal unwillkürlich auf meine Stiefelspitzen ge-
* Gemeint tat die politische Gefängnishaft: 1889/70 drei Monate "wegen Verbreitung staatsgefährlicher Lehren" 1882 vier Monate "wegen Beleidigung des Bundesrates".
sehen, ob diese nicht bereits im Blute wateten. (Große Heiterkeit.)
Ich in meinem harmlosen Gemüt habe an all das gar nicht gedacht. Ich glaube, auch meine heutige Rede bietet durchaus keine Veranlassung, mich als so blutgierig hinzustellen ... Wenn Heine (SPD-Reichstagsabgeordneter für Berlin) sagt, das Blut des Volkes sei ihm zu kostbar, so antworte ich: so viel sollte man jeden in diesem Saale kennen, daß niemand hier ist, der leichtsinnig mit dem Blute des Volkes umgeht. Keiner unter uns wird leichtfertig nach Blutvergießen schreien. Aber wenn ohne unser Zutun es dazu käme, so erkläre ich, daß an dem Tage, wo es wirklich dazu kommen sollte, ihr mich nicht bei der Arrieregarde, sondern bei der Avantgarde findet (stürmischer Beifall), wie ich all mein Leben lang Immer in der ersten Reihe gestanden habe (Beifall)
Wir Sozialdemokraten fassen den Begriff revolutionär so auf, daß er sich in den Zielen, nicht in den Mitteln dokumentiert. Es kann eine Bewegung gewaltsam durchgeführt werden und doch reaktionär wirken, und auf der anderen Seite kann eine Bewegung. die friedlich verläuft, viel wirksamer und tiefgehender sein als alle Gewaltkämpfe.

DER SPIEGEL 48/1968
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