25.11.1968

KÜRBISKERNSPALTUNG

Die Zeitschrift mit der ständigen Rubrik "Klassenkampf" endete einstweilen mit einer bürgerlich-rechtlichen Arbeitgeber-Formel: "Lieber Yaak, wir kündigen zum 31. 12. 1968 Dein Angestelltenverhältnis ..."
Sieben Wochen zuvor hatten Bundesdeutschlands illegale Kommunisten dem immer drängenderen Liebeswerben Bonns nachgegeben und sich endlich in einer "Deutschen Kommunistischen Partei" neu formiert. Und schon demonstrierte am vorletzten Mittwoch DKP-Gründungsmitglied Hannes Stütz, wie vorzüglich solch ein konzessionierter Kommunist mit seinen bisherigen linken Weggenossen auf Unternehmerart in Angestelltenverhältnissen zu verkehren vermag.
Hannes Stütz und sein "lieber Yaak", das ist Yaak Karsunke; dazu "Schlachtvieh"-Autor Christian Geissler, Graphiker Manfred Vosz und Slawist Friedrich Hitzer, alle fünf hatten sich 1965 zusammengetan, um eine politisch-literarische Vierteljahresschrift der Linken zu gründen Ein Name war rasch gefunden. Karsunke damals: "Wenn die Zeitschrift gut gemacht ist, könnte sie sogar Kürbiskern heißen und würde sich doch gut verkaufen."
Sie war gut gemacht. Der "Kürbiskern" gewann rasch Renommee als zweite literarisch-politische Zeitschrift der Linken neben Enzensbergers "Kursbuch". Münchens Kritiker-Fürst Joachim Kaiser etwa lobte "eigenen Stil" und "intellektuelles Niveau" des "Kürbiskern".
Die fünf Gründer traten im Impressum gemeinsam als Herausgeber auf; Stütz und Vosz übernahmen dazu die Funktion des Verlegers, Karsunke die des Chefredakteurs. Dieser Aufgabe sollte er seit vorletzten Mittwoch nach dem Willen seiner Mitherausgeber Stütz, Vosz und Hitzei enthoben sein. Karsunke konterte mit einer Einstweiligen Verfügung, die ihn als Chefredakteur des "Kürbiskern" bestätigte.
Der Grund für die gerichtlich aufgehobene Kündigung: Karsunke sagt, seine drei Mitherausgeber hätten verhindern wollen, daß zwei Artikel von ihm und Christian Geissler erscheinen, die die Sowjet-Intervention in der CSSR kritisieren. Stütz schweigt über die Kündigungsgründe. Er gibt zu, daß er den CSSR-Artikel des Mitherausgebers Christian Geissler verhindern wollte, behauptete aber plötzlich nach mehrtägigem Schweigen am letzten Donnerstag, Karsunkes Artikel "Böhmische Dörfer und zwei weitere Beiträge zur CSSR-Frage, die "unserer Meinung entgegengesetzt waren", habe Karsunke selbst "gegen unseren Willen" zurückgezogen eine Behauptung. gegen die Karsunke wiederum sofort eine Einstweilige Verfügung erwirkte.
Denn Karsunke erinnert sich genau, daß zunächst alle fünf Herausgeber darin einig waren, ihre Meinungsgegensätze über die CSSR-Intervention offen im "Kürbiskern" auszutragen. Doch diese Toleranz endete -- sagt Karsunke -, sobald die drei um die Sowjetrechtfertigung bemühten Mitherausgeher seinen und Geisslers Aufsatz lasen.
Großen Kummer bereitet Karsunke der Beifall von der falschen Seite. Die Unterstützung der "Frankfurter Allgemeinen" in seiner Auseinandersetzung mit dem Flügel der Sowjetfreunde ist ihm lästig: "Das sind Leute, die haben den "Kürbiskern' die ganze Zeit ignoriert, und sie werden jetzt plötzlich munter nach der Devise: Der tote Rote ist ein guter Roter."
In der Tat, die FAZ weiß nicht, wen sie da an ihren großbürgerlichen Busen drückt. Dem nicht publizierten CSSR-Streit war im "Kürbiskern" ein harter Zwist über das Wahlbündnis der Linken vorausgegangen. Geissler und Karsunke hatten sich radikal mit den Argumenten der antiautoritären Studentenbewegung gegen Wahlbeteiligung und Parlamentarismus ausgesprochen, weil "der Bundestag ohnehin längst zu einem Akklamationsorgan für Beschlüsse geworden ist, die anderswo gefaßt werden". Stütz-Freund Vosz dagegen vertrat brav den Standpunkt einer sozialdemokratisch geläuterten DKP. Oppositionelle Schärfe zeigte Vosz nur in der Kritik an den bisherigen Weggenossen. Im Schlußsatz zur Wahlbeteiligungsdiskussion drohte er. daß die Auseinandersetzung mit "linkssektiererischen Auffassungen im eigenen Lager an Schärfe zunehmen wird".
Der so angesprochene Linkssektierer Karsunke bezieht inzwischen auch auf seine eigene Situation, was er eigentlich im nächsten "Kürbiskern" über die Lage in der CSSR schreiben wollte: "Vieh leicht gibt es Gründe für Zensur -- aber denjenigen, die sie ausüben ... erscheinen offenbar die Gründe, die sie haben, als in einer Diskussion nicht vertretbar. Lieber lügen sie."
Von Otto Köhler

DER SPIEGEL 48/1968
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