18.11.1968

UNVERZICHTBARE KAISERKRONE

Ende September meinte "Quick":
"Der beste, der würdigste Mann muß Bundespräsident werden." "Quick"-Leser sollten schreiben, wen sie wählen würden. Denn kein Politiker könne "daran vorbeigehen, wen das Volk für den würdigsten Repräsentanten hält".
"Quick" stellte zwölf Kandidaten auf. Elf hatten ein Parteibuch -- einer hatte keines. "Quick" empfahl den Würdigsten: "Egal, welches Parteibuch er hat. Egal, ob er überhaupt eines hat."
Das -- schreibt "Quick" -- "überraschende" Ergebnis: Der Mann ohne Parteibuch wurde Sieger. Das Volk der "Quick"-Leser hatte mit 39,8 Prozent Prinz Louis Ferdinand, den Enkel des "Ich-kenne-keine-Parteien-mehr"-Wilhelm, zum Präsidenten gekürt.
Weit zurück blieben die Männer der Parteien: Carlo Schmid 16,2, Erhard 10,4, alle übrigen neun zwischen 7,0 und 1,0 Prozent.
Mag sein, die Parteien-Demokratie hat "Quick"-Leser enttäuscht -- doch in einem Bundespräsidenten Fritz Teufel erblickte nur ein einsamer "Quick"-Leser aus Nauheim einen Fortschritt zu Heinrich Lübke, die meisten drängten zurück zum Fürstenhaus. Aus Friedberg jubelte eine Leserin: "Ein Abkomme der Hohenzollern, denen wir unendlich viel verdanken!" Ein Hohenzollern-Fan aus Bielefeld erkannte: "Die Staatsform Demokratie ist ein Mißstand. Der vulgus kann sich auf die Dauer nicht selbst regieren." Etwas anders sah es eine Berlinerin: "Wer ist denn eigentlich heute demokratisch und lebt es uns vor? Die Fürstenhäuser!"
"Quick"-Leser kennen sich eben In Fürstenhäusern aus, und "Quick"-Chef Agthe, der seine Leser kennt, gesteht, daß ihn der Sieg des Prinzen nicht überraschte.
Doch eine bundesdeutsche Zeitung wollte das "Quick"-Plebiszit nicht anerkennen. "Deutsche", fragte "Bild", "Deutsche, wollt ihr wirklich einen Prinzen?" Und "Bild" sagte: ",Bild' kann das nicht so recht glauben." Deshalb: die "Bild"-Volksabstimmung.
Am letzten Donnerstag hatten "Bild"-Leser die "Quick"-Leser überrundet. 55,6 Prozent der "Bild"-Leser wählten Louis Ferdinand, das sind 16 Prozent mehr als die Fürstenwähler in "Quick". Ein stolzes Ergebnis -- und zugleich eine schallende Ohrfeige für den "Bild"-Redakteur, der auf den unglücklichen Gedanken kam, wir Deutschen, wir "Bild"-Leser, wollten am Ende nicht Louis Ferdinand haben.
Dieser Redakteur hatte sich an dem ehernen Grundsatz der "Bild" -- Familie vergangen, daß wir nämlich zusammenhalten wollen auf Gedeih und Verderb, daß uns kein Parteien-Zwist trennen soll -- am allerwenigsten in der Präsidentenfrage. Hatte nicht gerade erst "Bilds" Schwester-Zeitung "BamS" einen gemeinsamen Kandidaten Leber für CDU und SPD mit der drängenden Frage propagiert: "Gelingt es doch noch, einen "Wahlkampf' um die Nachfolge von Präsident Lübke zu vermeiden?" Hatte "BamS" nicht frohlockt, daß diese Ansicht "bei vielen Menschen ein Aufatmen" ausgelöst hatte. Und jetzt "Bild"-Widerstand gegen den großen Gemeinsamkeits-Kandidaten Louis Ferdinand, den fürstlichen Mann über allen Parteien? Nein, diese "Bild" -Inkonsequenz mußte am entschlossenen Widerstand der "Bild" -Leser scheitern.
Bleibt die bange Frage: Louis Ferdinand, nimmt er das Amt an?
"Quick" wollte es wissen. "Quick" hat ihn aufgesucht. Der Prinz, erschauerte "Quick", öffnet die Haustür "selbst", entkorkt "eigenhändig" die Flasche, ja "Seine Kaiserliche Hoheit" holt Appetithappen und belegte Brote "selbst" aus der Küche. Und, man staune mit "Quick": "Würde und Überlegenheit büßt er dadurch nicht ein."
Ja, aber was erzählten Seine Kaiserliche Hoheit eigenmündig den "Quick"-Kurfürsten aus München? Undementiert steht es seit zwei Wochen in "Quick". Kaiserliche Hoheit würden uns die Huld antun, das Amt des republikanischen Bundespräsidenten anzunehmen. Allerdings, als Deutscher, der Kaiserliche Hoheit unzweifelhaft sind, würden höchstdieselbe ihren Rechtsstandpunkt gegenüber dem Phänomen der 1918 ausgebrochenen deutschen Republik nicht aufgeben. Also das ist klar: "Falls ich in dieses Amt berufen würde, würde ich auf den mir zustehenden Anspruch auf die deutsche Kaiserkrone nicht verzichten."
Von Otto Köhler

DER SPIEGEL 47/1968
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