18.11.1968

„BISMARCK LIEGT AM BODEN“

Was die deutschen Sozialisten der 90er Jahre als Revolution bezeichneten, hatte nichts mehr zu tun mit Barrikade und Kampf Mann gegen Mann. Die Taktik der Partei zielte Vielmehr auf den Erfolg an den Wahlurnen. Überzeugt von der Unabwendbarkeit des Zusammenbruchs der bürgerlichen Gesellschaft, erklärten SPD-Führer Gewalt zu einem reaktionären Faktor.
August Bebel auf dem Erfurter Parteitag, 1891:
Wer heute noch angesichts der kolossalen Fortschritte nicht nur auf militärischem, politischem und insbesondere auf ökonomischem Gebiet glaubt, wir Sozialdemokraten möchten mit den Mitteln der bürgerlichen Partei, wie z. B. mit dem Barrikadenbau, zum Ziele kommen, der irrt sich gewaltig, der verkennt total die Natur der Zustände, in denen wir uns befinden (Sehr richtig) ... So sind wir auch in der Erringung des letzten Ziels auf ganz neue Wege und neue Mittel angewiesen, das ist meine felsenfeste Überzeugung. Ich glaube, wir haben die größte Ursache, mit dem Gang der Dinge zufrieden zu sein. Nur diejenigen, welche das Ganze nicht zu überschauen vermögen, können anderer Meinung sein. Die bürgerliche Gesellschaft arbeitet so kräftig auf ihren eigenen Untergang los, daß wir nur den Moment abzuwarten brauchen, in dem wir die ihren Händen entfallene Gewalt aufzunehmen haben (Zustimmung)...
Ja, ich bin überzeugt, die Verwirklichung unserer letzten Ziele ist so nahe, daß wenige in diesem Saale sind, die diese Tage nicht selbst erleben werden. (Bewegung.) Und in einem solchen Gang der Entwicklung (zur Opposition gewendet) Ihre Art Taktik zu billigen, das hieße die Partei zugrunde richten und verderben. Dies In bezug auf die Herren von "links" ...
Wilhelm Liebknecht auf dem Erfurter Parteitag, 1891:
Der reine Proteststandpunkt, wie ich ihn vor 1870 eingenommen habe, kann überhaupt nur in provisorischen Zeiten gelten -- auf die Dauer ermüdet und lähmt er ... Damit soll nicht gesagt sein, daß auf dem Wege der Gesetzgebung alle Fragen gelöst werden können; aber zeige man mir doch einen anderen Weg, der zum Ziele führt! Allerdings gibt es, nach der Meinung dieser oder jener, noch einen anderen Weg, der kürzer ist: den der Gewalt ... Nun, da kommen wir auf den Anarchismus ... Wenn wir auf das Moment der mechanischen Gewalt den Hauptnachdruck legten, dann stellten wir uns auf den Standpunkt unserer Feinde. Bismarck war der Mann der brutalen Gewalt, der Mann der Blut- und Eisenpolitik. Niemand hat je über größere Gewaltmittel verfügt und je einen unskrupulöseren Gebrauch von ihnen gemacht. Und der Erfolg? Wo ist er hin? Er hatte über ein Vierteljahrhundert lang die Polizei, die Armee, das Kapital, die Staatsgewalt, kurz, alle mechanischen Machtmittel zu unbeschränkter Verfügung; -- wir konnten ihm nichts entgegensetzen als unser gutes Recht, unsere gute Überzeugung, die nackte Brust, und wir haben gesiegt ... Bismarck liegt zerschmettert am Boden -- und die Sozialdemokratie ist die stärkste Partei Deutschlands! Ist das nicht ein mächtiger Beweis für die Güte der jetzigen Taktik? Was haben dagegen die Anarchisten in Holland, Frankreich, Italien, Spanien, Belgien erreicht? Absolut nichts! ... Mit ihren lächerlichen Revolutionsphrasen, unsinnigen Attentaten und sonstigen Dummheiten haben die Anarchisten für die Sache des Proletariats nichts getan und nur den Gegnern in die Hände gearbeitet, die deshalb überall mit den Anarchisten sehr zufrieden sind ... Das Revolutionäre liegt nicht in den Mitteln, sondern in dem Ziel. Gewalt ist seit Jahrtausenden ein reaktionärer Faktor. Weisen Sie (zur Opposition) nach, daß unser Ziel ein falsches ist, dann können Sie sagen, die Partei wird durch die jetzige Leitung von der revolutionären Bahn abgelenkt. Der beste Beweis für die Richtigkeit der Leitung ist der Erfolg, und unsere Taktik hat sich herrlich bewährt.

DER SPIEGEL 47/1968
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