04.11.1968

DEN DEUTSCHEN ZUR LEHRE?

Auch am Ende der mexikanischen Spiele bestritt die Bundesrepublik, wie am Anfang, Ihren weltbekannten, Widerwillen weckenden Wettstreit um die rechten deutschen Farben und Töne. Nur ging es diesmal mit Gründlichkeit in die entgegengesetzte Richtung.
Am Anfang hatten die Sportfunktionäre der Bundesrepublik noch alles daran gesetzt, für den unheilbar getrennten deutschen Sport statt der Fahnen der getrennten deutschen Staaten weiterhin einheitlich Schwarz-Rot-Gold mit fünf Ringen wehen, das ungeliebte Einheitsanthem vom schönen Götterfunken Freude erklingen zu lassen.
Nun auf einmal verbrauchten sie ihre schwindenden Kräfte damit, der Welt das schiere Schwarz-Rot-Gold ohne Ringe zu präsentieren und statt Beethoven die Haydn-Töne des Deutschlandliedes. Denn Bundesdeutschland, sagten sie sich, ist schließlich das Land, das die kommende Olympiade ganz allein bezahlen und deshalb auch ohne gesamtdeutsche Illusionen allein Anspruch auf den Ehrenplatz neben Griechenland und Mexiko erheben muß.
Mexikos Olympia-Präsident Ramirez Vázquez staunte, als die Abgesandten des deutschen Sportpräsidenten Willi Daume ihm am vorletzten Tag seiner Olympiade damit kamen. Mexiko werde sich nicht auf Experimente einlassen, sagte er, es werde hissen und spielen, was immerzu und auf ausdrücklichen bundesdeutschen Wunsch für alle Deutschen gehißt und gespielt worden sei. Dies, sagte er, sei schließlich "ein Fest des Friedens".
Da weckten die Deutschen, unterstützt durch den niederländischen IOC-Generalsekretär Westerhoff, den schlafenden Avery Brundage aus seiner feudalen Siesta im Hotel "Camino Real". Der entschied schriftlich, sie seien völlig im Recht. Vázquez las es und erklärte, er verfüge leider weder über die plötzlich gewünschte ringfreie Fahne, noch über die Noten des Deutschlandliedes.
Was die Fahne betraf: eine solche hatte das Organisationskomitee (OK) der Deutschen Spiele von 1972 vorsorglich im Reisegepäck nach Mexiko gebracht. Während der Generalsekretär des Komitees, Herbert Kunze, sich unter schneidenden Verdauungsstörungen wand, brachte sein Vize Hermann Reichart diesen nationalen Stoff am Morgen vor der Schlußfeier zu Vázquez ins Stadion.
Am Abend zuvor hatte Willi Daume seinen Hauptgeschäftsführer Gieseler damit betraut, bei der mexikanischen Stadionkapelle die richtigen deutschen Noten Ins Spiel zu bringen. Hatten die Mexikaner nicht zu Anfang Im olympischen Dorf gegen den Willen der Bundesrepublik das Deutschlandlied gespielt?
Gieseler ließ sich zeigen, was man so an Deutschem vorrätig habe. Der Kapellmeister pfiff auf Wunsch, was unter "Deutsche Nationalhymne" auf einem Blatt stand: Freude, schöner ... Das eben nicht, rief Gieseler und spitzte seinerseits die Lippen zu einem: Einigkeit und Recht und Freiheit. Und siehe da, auf einem anderen Blatt war in der Tat auch diese schöne Melodie vorhanden -- unter der Bezeichnung: "Deutsche Hymne".
Das, sagte der Kapellmeister, wolle er aber nur auf schriftliche Anweisung von Ramirez Vázquez intonieren. Gieseler spurtete rund ums Stadion zu Reichart und Reichart zu Vázquez, um eine entsprechende Order beizutreiben. In der Zwischenzeit stiegen unabhängig davon der deutsche IOC-Funktionär Georg von Opel und der IOC-Generalsekretär Westerhoff zu den Musikanten hinauf, blätterten als eigenmächtige Sachwalter der Bundesrepublik in den Noten, die sie nicht lesen konnten, und ließen sich ebenfalls vom Kapellmeister etwas vorpfeifen. Danach lag vor den olympischen Bläsern wieder Beethoven statt Haydn.
Während das musikalische Mißverständnis sich oben verfestigte, erhielt OK-Funktionär Reichart unten von Ramirez Vázquez statt einer Hymnen-Anweisung sein Paket mit der schwarz-rot-goldenen Fahne zurück: sie habe nicht das richtige Format. Reichart und Gieseler rafften in panischer Hast ihren Stoffballen zusammen, stürzten aus dem Stadion ·und erreichten im Gala-Automobil des bayerischen Kultusministers und Olympia-Funktionärs Huber das 20 Kilometer entfernte deutsche Hauptquartier im Hotel Plaza. Mit Hilfe der Hotelnäherei verhofften sie anstelle der unpassenden 7 x 1,50 Meter Schwarz-Rot-Gold die erforderlichen 4,50 x 3 Meter Schwarz-Rot-Gold zu schneidern, aber vergeblich. Das zerschnippelte Fahnentuch war für die Nadeln zu dick.
Den mexikanischen Hotelbesitzer ergriff angesichts der fahnenleidenden Deutschen ein tiefes Mitgefühl. Er riet ihnen zu Heftklammern. Sie dankten und hefteten wie die Henneckes. Zehn Minuten vor Beginn der Schlußfeier konnten sie dem Fahnenjunker des Olympiastadions eine notdürftig aneinandergeklammerte deutsche Fahne in die Hand drücken.
Jetzt fiel Gieseler die Hymne wieder ein. Im Schrittmaß eines Hürdenläufers jagte er hinauf zur Kapelle, den Dirigenten irgendwie doch noch auf Haydn einzuschwören. Der berief sich nun zornig auf den Besuch der hohen Herren Opel und Westerhoff, wies auf Beethoven, Opus 125, und schwor: "Diese Hymne oder keine!"
Als Gieseler sich trotzdem weiter an den Noten zu schaffen machte, traten zwei mexikanische Polizisten herzu und führten ihn ab. Bald konnte der Sportbund-Recke sich ihnen entwinden und sich auf der Prominenten-Tribüne zum deutschen IOC-Prinzen Georg Wilhelm von Hannover durchschlagen. Während der Einmarsch der Völker schon begann, Avery Brundage seine furchtbar spanische Rede aus der Tasche zog und Willi Daume im Appartement 3327 des "Camino Real" die Koffer zur Abreise schloß, redete der Prinz dem IOC-Vize Lord Killanin zu, die Hymnen-Frage im Sinne Gieselers zu entscheiden. Der Lord jedoch berief sich auf Opel und Westerhoff, die alles Erforderliche in die Wege geleitet hätten. Gieseler: "Es liegen aber die falschen Noten oben!"
In diesem Moment ging am dritten Mast neben den Fahnen Griechenlands und Mexikos die Fahne der Bundesrepublik hoch. Die richtige, die geheftete, die, wenn man will, Spalter-Fahne. Und dazu erklang mächtig die falsche Hymne. Aber, Gieseler hörte es erstarrt in plötzlicher Erkenntnis der wahren Sachlage, diese Beethoven-Töne kamen gar nicht von der Kapelle, mit der er sich eingedenk des Hinweises von Vázquez herumgeschlagen hatte. Sie kamen von einem Tonband, das Vázquez schon lange für diesen festlichen Augenblick hatte vorbereiten lassen, den Deutschen zur Ehre. Den Deutschen zur Lehre?
Von Peter Brügge

DER SPIEGEL 45/1968
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