04.11.1968

MEDIZIN / DEPRESSIONENDüsterer Morgen

Da hockt der Patient", so schilderte kürzlich das deutsche Medizinal-Magazin "Euromed" eine typische Sprechzimmer-Situation, "gedrückt im allgemeinen Schlappgefühl, mit 'nem bißchen Traurigkeit unausgesprochener Herkunft; da sagt ihm sein Arzt in zudeckender Weise, wie schön doch die Sonne draußen scheine, und er -- der Patient -- habe doch so fröhliche Buben."
Solche gutgemeinten Sprüche, belehrte die Zeitschrift ihre ärztlichen Leser, seien für den Patienten nicht nur nutzlos, sondern sogar lebensgefährlich. Denn sie bestärkten den an Depressionen Leidenden nur noch in der Vorstellung, es sei für ihn sinnlos weiterzuleben: Sogar der Doktor verstehe ihn nicht mehr.
Verbreiteten Mangel an Spürsinn für Depressionen beklagten auch Experten auf dem letzten Deutschen Kongreß für ärztliche Fortbildung in Berlin. Und die Selbstmord-Welle in Bonner Ämtern -- "Depression", "familiäre Schwierigkeiten" und "Angst vor unheilbarer Krankheit" wurden In mehreren Fällen als mutmaßliches Motiv genannt -- hat öffentliches Interesse auf das weitverbreitete und oftmals verborgen gehaltene Gemütsleiden gelenkt.
Die Blindheit vieler Mediziner für Depressionszustände bei ihren Patienten ist nicht auf Deutschland begrenzt. So wurde in England jetzt erstmals eine neue Art von Vorsorge-Untersuchung angeregt -- die auch deutsche Ärzte werden nützen können.
Die Initiative zu diesem Vorhaben entwickelte das "Office of Health Economics" (OHE), eine von der britischen pharmazeutischen Industrie inspirierte Organisation. Im Auftrag des OHE verfaßte Dr. K. Rawnsley, Professor an der Walisischen Nationalen Medizinischen Hochschule, eine für praktische Ärzte bestimmte Anleitung zur Frühdiagnose von Depressionen.
Wichtigster Bestandteil der Aufklärungsschrift: ein Test mit 21 Fragekomplexen (siehe Seite 206). Die Antworten sollen es den Ärzten ermöglichen, bedrohliche Depressionen selbst bei Patienten zu erkennen, die nicht auffällig niedergeschlagen wirken.
Die Aktion der britischen Gesundheits-Ökonomen richtet sich gegen ein Leiden, bei dem Bemühungen zur Früherkennung besonders lohnend erscheinen. Denn Depressionen können, sobald sie erkannt sind, durch Medikamente und fachkundigen psychischen Beistand wirksam behandelt werden. Häufig jedoch werden deprimierte Patienten nicht sachgemäß betreut. Die Folge: zahlreiche Selbstmorde und Selbstmordversuche
In jedem Jahr nehmen sich mehr als 12 000 Westdeutsche das Leben; dabei ist eine -- vermutlich große -- Zahl von Selbsttötungen nicht eingerechnet, bei denen die Lebensmüden Unfälle vortäuschen oder Angehörige die Tat verschleiern. Und mindestens fünfmal so häufig sind Selbstmordversuche, bei denen Ärzte noch rechtzeitig helfen. Bei einem großen Teil der mit oder ohne Erfolg Lebensflüchtigen machten Depressionen das Leben unerträglich.
Die Psychiater (obschon noch uneins) unterscheiden in Details der Zuordnung und Benennung fünf Gruppen von Depressionen:
* Endogene Depressionen brechen ohne äußere Ursache in meist sechs bis acht Monate dauernden Perioden aus und werden wahrscheinlich durch eine ererbte Stoffwechselstörung im Gehirn ausgelöst*. > Rückbildungsdepressionen stellen sich als eine Art Alterserscheinung bei Frauen in und nach den Wechseljahren, bei Männern mit Beginn des sechsten Lebensjahrzehnts ein. > Neurotische Depressionen beruhen vorwiegend auf einer Verdrängung von Konflikten, die der Kranke nicht mehr zu bewältigen vermag. > Erschöpfungsdepressionen können durch jahrelange seelische und körperliche Überlastung entstehen. > Psychoreaktive Depressionen entwickeln sich nach einer schweren seelischen Erschütterung.
Allein an den besonders schweren endogenen Depressionen leidet nach Schätzung von Psychiatern ein Prozent der Bevölkerung -- über 500 000 Menschen in der Bundesrepublik. Die Zahl der insgesamt von Depressionen befallenen Bundesbürger dürfte eine Million weit übersteigen.
Das Krankheitsbild ist vielgestaltig. So können bei den endogenen Depressionen Niedergeschlagenheit und Apathie vorherrschen, aber auch Angst und Unruhe. Häufig werden die Patienten von Selbstvorwürfen und wahnhaften Schuldgefühlen gequält. Sie glauben, durch und durch schlecht zu sein, überall im Leben versagt und daher harte Strafen verdient zu haben.
Die Stimmung schwankt: Nach einem Tief am Morgen hellt sie sich im Laufe des Tages allmählich auf. Die Kranken schlafen schlecht, verlieren den Appetit und nehmen ab. Der Geschlechtstrieb verkümmert.
Oft klagen Depressive über starke Beschwerden an Herz oder Magen, über Kopfweh, Sehstörungen, Ohrenschmerzen oder Nervenschmerzen in verschiedenen Körperteilen. "Man kennt kaum ein körperliches Leiden", erläuterte Professor Wolfgang Thiele vom Psychiatrischen Landeskranken-
* Endogen (griech.) = von innen herrührend.
haus in Weinsberg, "das nicht auch depressiv bedingt sein kann."
Nicht selten werden Patienten mit Depressionen mehrmals operiert, ohne daß die Chirurgen ihren Verdacht auf krankhafte Befunde bestätigt finden. Thiele: "Solche Kranken nehmen oft nacheinander die verschiedensten Fachärzte in Anspruch -- nur den Nervenarzt nicht."
Doch selbst wenn gedrückte Stimmung klar zu erkennen ist, behandeln Angehörige und oft auch Ärzte die von Depressionen Gequälten, als bedürften die Kranken lediglich der Aufmunterung. Experten betonen daher immer wieder, daß Depressionen nur äußerlich einer motivierten Traurigkeit ähnlich sehen.
So warnte der Depressions-Forscher Professor Paul Kielholz, Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel, falsch und gefährlich sei es, die Kranken aufzufordern, "sich zusammenzureißen", sie zur Erholung in Urlaub zu schicken oder ihnen ihre Wahnideen -- etwa Schuld- oder Krankheitswahn ausreden zu wollen. Solche Maßnahmen seien nur geeignet, die Depressionen zu verschlimmern, während eine fachkundige Behandlung das Leiden in kurzer Zelt zu bessern vermag.
Angesichts der guten Behandlungsmöglichkeiten, vor allem mit Medikamenten, waren Maßnahmen zur Früherkennung von Depressionen längst wünschenswert. Doch verglichen mit anderen Vorsorge-Untersuchungen -- etwa den Fahndungsaktionen nach Diabetikern, die von ihrer Krankheit nichts ahnen -- mußten Mediziner auf der Suche nach Depressiven mit ungewohnten Schwierigkeiten rechnen:
* Depressionsleiden sind vielgestaltig und oft hinter körperlichen Beschwerden verborgen.
* Von den Kranken ist kaum Unterstützung zu erwarten, denn sie sind meist nicht fähig, die Natur ihres Leidens zu erkennen.
* Depressionen treten periodisch auf, so daß durch gelegentliche Reihenuntersuchungen -- selbst wenn sie möglich wären -- stets nur ein Teil der Kranken entdeckt würde. In einem Punkt freilich, so erkannte Professor Rawnsley, der Initiator der britischen Depressions-Suche, sind die Voraussetzungen zur Früherkennung bei Depressionen besonders günstig: Während etwa Diabetiker, Menschen mit erhöhtem Blutdruck oder Krebskranke, solange sie nichts von ihrem Leiden wissen, selten Anlaß sehen, zum Arzt zu gehen, erscheinen Patienten mit Depressionen häufig in der Sprechstunde, freilich wegen anderer Beschwerden.
Rawnsley schwebte vor, den Ärzten klare Richtlinien an die Hand zu geben, nach denen sie verdächtige Kranke auf Depressionen untersuchen können. Die Lösung des Problems fand er in dem Psychiater-Journal "Archives of General Psychiatry".
In der Zeitschrift hatte 1961 der Amerikaner Professor A. T. Beck in Form eines Fragebogens eine Bestandsaufnahme von Symptomen veröffentlicht, die bei Depressionen aufzutreten pflegen. Der Forscher hatte dieses "Beck Depression Inventory" in 21 Punkte gegliedert, in denen jeweils nach einem charakteristischen Depressionszeichen gefragt wurde.
Zu jedem Punkt kann der Kranke unter drei bis sechs abgestuften Feststellungen wählen, die etwa von "Ich bin nicht traurig" bis zu "Ich bin so traurig und unglücklich, daß ich es nicht mehr aushalten kann" reichen. Jede Antwort wird mit null bis drei Punkten bewertet.
Je mehr Punkte ein Patient einheimst, um so sicherer kann die Diagnose "Depression" gestellt werden. Schon Werte zwischen 10 und 17 Punkten (von 62 möglichen) zeigen Depressionen an, die ärztliche Beachtung erfordern.
Nachdem sich das Beck Depression Inventory In verschiedenen Kliniken gut bewährt hatte (so auch in der Baseler Psychiatrischen Universitätsklinik), fand Rawnsley es an der Zeit, auch praktische Ärzte damit bekannt zu machen. Es traf sich gut, daß derzeit das "Office of Health Economics" eine Schriftenreihe mit Anleitungen zu Frühdiagnesen herausgibt.
So erschien (nach Aufklärungsschriften über erhöhten Blutdruck, Sehstörungen und Gebärmutterkrebs) als Band vier "Die Frühdiagnose der Depression". Neben dem Depressionstest lieferte Rawnsley Kurzinformationen über die Häufigkeit der Depressionen, über das Krankheitsbild und die Behandlung.
Der für die Ärzte wahrscheinlich wichtigste Hinweis: Der Test kostet den Arzt kaum Zeit. Wenn der Patient in etwa zehn Minuten den Fragebogen ausgefüllt hat, benötigt der Arzt zum Zusammenrechnen der Punkte nur eine Minute.
Sie kann über Leben und Tod des Patienten entscheiden.

DER SPIEGEL 45/1968
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