21.10.1968

OLYMPIA ATEMNOTTod läuft mit

Aus dem Kanal von Xochimilco fischten Sanitätsboote bewußtlose Ruderer. Von der Laufbahn des Universitätsstadions in Mexico City lasen weißbekittelte Ärzte zusammengebrochene Langstreckler auf. Neben der Renn-Piste kippte der neue französische Sprint -- Olympiasieger Pierre Trentin mit seinem Rad benommen um. Sogar aus dem Schwimmbassin zogen Helfer kurzatmige Athleten.
Zeitweilig glichen die Wettkämpfe der weltbesten Muskelmenschen einem mitleidheischenden Altherren-Sportfest: In 2240 Meter Höhe müssen die 7230 Olympiakämpfer viermal atmen, um so viel Sauerstoff aufzunehmen wie in der Ebene mit drei Atemzügen. Etlichen hundert Athleten blieb beim Mexiko-Olympia der Atem schließlich ganz weg.
So wurde sogar der Sauerstoff in Flaschen knapp. Der leitende Mannschaftsarzt der bundesdeutschen Equipe, Professor Dr. Herbert Reindell, und Ruderpräsident Dr. Claus Heß mußten abwechselnd aus dem Ruder-Reservat im Sumpfgebiet Xochimilco mit ihren VW-Transportern in die Innenstadt jagen, um neue Luftbomben zu beschaffen. "Die Mexikaner ließen zusammengebrochene Athleten oft bis zu 20 Minuten unversorgt liegen", rügte Reindell; der Freiburger Herzspezialist befürchtete, daß bei kreislaufgeschädigten Sportlern Lebensgefahr bestehe.
Seit die Olympia-Oberen 1963 beschlossen hatten, die Spiele 1968 ins hochland von Mexiko hinaufzuverlegen, rüsteten die auf ihr Sportprestige bedachten Nationen zum hochalpinen Muskelspannen. Alljährlich verschickten sie Testsportler zu vorolympischen Spielen in die luftärmste Republik von Mittelamerika.
Die Sportmediziner fanden dabei heraus, daß sich jeder Athlet aus einem Land in Meereshöhe lediglich drei Wochen zuvor in einer ähnlichen Höhenregion der verdünnten Luft anpassen müsse. Ihre Untersuchungen in Mexiko hatten ergeben, daß schwere Herzschäden für die Sportler auch beim Höhen-Olympia nicht drohen würden.
Das Internationale Olympische Comité genehmigte daraufhin allen Medaillenanwärtern nur vier Wochen Höhenanpassung. Auch als Sportler wie der ehemalige britische Mittelstrecken-Weltrekordler und Arzt Dr. Roger Bannister und der frühere britische 3000-Meter-Hindernis-Olympiasieger Chris Brasher düstere Mexiko-Ahnungen äußerten (Bannister: "Der Tod läuft mit"; Brasher: "Einige werden sterben"), redeten die Sportmediziner den Olympia-Bossen noch die Todesfurcht aus.
Sie sprachen lediglich von der Gefahr des Sauerstoffmangels, die beispielsweise während eines Laufes, der länger als eine Minute dauert, Unlustgefühle erwecken könne. Nur Athleten, die zuviel an die Höhenlage der Olympiastätten denken, würden nach Meinung der Ärzte in würgende Furcht vor Sauerstoffmangel geraten. Und Professor Dr. Josef Nöcker, Chefarzt in Leverkusen und Chef de Mission des bundesdeutschen Olympiateams, konstatierte: "Auch wer einen Kollaps erleiden muß, ist schon nach wenigen Minuten wiederhergestellt."
Zwar konnten Kurzstreckler, deren Läufe weniger als eine Minute dauern ihre Distanzen in Weltrekord-Zeiten heruntertrommeln; und diese Bestleistungen werden nach Ansicht der Experten für Jahre unantastbar bleiben. Aber Langstreckler und nicht genügend an das Höhenklima angepaßte Athleten wurden von der dünnen Mexiko-Luft auf allen Distanzen in die Knie gezwungen, wenn sie -- statt acht Liter Luft im Flachland und in Ruhe -- bei Höchstleistungen 150 Liter Luft in der Minute durch ihre Lungen pumpen mußten.
Drei Wochen Anpassungszeit erwiesen sich als viel zu kurz. Die Reporter zitierten Bertolt Brecht:" Der große Sport fängt erst dort an, wo er aufgehört hat, gesund zu sein."
Nach dem 10 000-Meter-Lauf versuchte der Leibarzt des besiegten australischen Weltrekordläufers Ronald Clarke, Dr. Brian Corrigan, seinen Patienten minutenlang mit Sauerstoff aufzutanken -- vergebens. Während Clarke an der Maske sog, barg der Arzt verstört sein Gesicht in den Händen. Der überanstrengte Athlet mußte schließlich für einige Stunden ins Krankenhaus gebracht werden.
Noch schlimmer litten die Läuferinnen. Wie in unsichtbarem Würgegriff brachen sie auf den 400-Meter- und 800-Meter-Strecken zusammen. Und der ehemalige deutsche Meisterruderer aus Kaiserslautern, Dr. Karl Aletter, berichtete, daß er sich "wie auf einem Hauptverbandplatz im Weltkrieg" gefühlt habe.
Die Angst vor der schmerzenden Atemnot ließ viele Langstreckler vorsichtig werden. Die Rennen über 3000 Meter Hindernis, 5000 und 10 000 Meter wurden in wesentlich langsamerem Tempo angegangen als bei gleichen Wettbewerben in Flachländern. Laufexperten prophezeiten in Mexiko, daß die wochenlang unter extremen Höhenverhältnissen erprobten Lang- und Mittelstreckler erst nach ihrer Rückkehr in heimatliche Ebenen jene Rekorde laufen werden, die sie bei den Mexiko-Spielen nicht schafften.
Der Leipziger Europameister auf der 10 000-Meter-Strecke Jürgen Haase fiel nach 7000 Metern zurück und gab die Jagd nach einer Medaille auf; hinter dem Ziel mußte er unter das Beatmungsgerät. "Plötzlich verspürte ich starke Seitenstiche und erhebliche Kopfschmerzen", klagte der DDR-Athlet, "die Höhe hat mich fertiggemacht."
Der deutsche Silbermedaillengewinner im 5000-Meter-Lauf von Tokio, Harald Norpoth, steckte das Fünf-Kilometer-Rennen nach 3000 Meter auf. Seitenstiche und Magenkrämpfe kündeten hei ihm die Atemnot an. "Ich bringe mich für Mexiko nicht um", keuchte er und verzichtete auf die Medaillenchance.
Professor Reindell ließ für das Ruderer-Finale am letzten Wochenende eine Flottille von Wasserschutzbooten auf dem Kanal von Xochimilco bereitstellen. Bevor in einem der fünf bundesdeutschen Endkampf-Boote ein Fall von Atemnot eintrat, sollten die schnellen Hilfskreuzer mit Ärzten und Sauerstoff-Geräten an Bord zur Stelle sein.
Für den medaillenverdächtigen deutschen Vierer mit Steuermann war diese Vorsichtsmaßnahme vergeblich. Er verpaßte schon den Einzug ins Finale, als auf der Strecke zwei Besatzungsmitglieder gleichzeitig zusammenbrachen. Beide mußten an Land und unter die Sauerstoffdusche gebracht werden.
Die Bootshäuser am Regatta-Kurs glichen noch Stunden nach den Wettkämpfen Lazarett-Baracken. Die Athleten klagten über Muskelschmerzen und litten an Brechreiz. Am schlimmsten erwischte es die Russen-Ruderer. "Sie hatten die meisten Kreislauf-Zusammenbrüche zu beklagen", berichtete der bundesdeutsche Trainer Karl Adam.
Sowjetische Sportpolitruks schirmten mißgelaunt ihr Krankenrevier ab -- nur vier der sieben sowjetischen Bootsbesatzungen waren in die Endläufe gekommen. Dagegen startete in jedem Finale ein US-Boot.
"Ich bin froh, nicht in Mexiko laufen zu müssen", gestand der ehemalige französische Langstrecken-Weltrekordler Michel Jazy, der als Rundfunkreporter in die Olympiastadt kam. Der Franzose wagte einen Testlauf über 3000 Meter und heftete sich ein Mikrophon auf die Brust, um während des Laufes seine Empfindungen zu schildern. Nach 2600 Meter gab er erschöpft auf, zu keinem Wort fähig. Erst Minuten später bekannte er: "Einen derartigen Unterschied zwischen Meeres- und Mexiko-Höhe hätte ich mir nicht träumen lassen."
Nur die afrikanischen Höhen-Athleten spurteten unbehindert, Fast alle Medaillen auf den Langstrecken fielen an Läufer aus Kenia, Äthiopien und Tunesien. "Ich beobachtete die weißen Läufer ständig", frohlockte 10 000-Meter-Olympiasieger Naftali Temu aus Kenia. "Wenn sie nach Atem rangen, wußte ich: Wieder wird ein Platz weiter vorn für mich frei."
Auch manche Flachländler profitierten von der dünnen Höhenluft. "Ich habe einen zu niedrigen Blutdruck", erläuterte der Leverkusener 400-Meter-Hürdenläufer Gerhard Hennige. "Das war hier in der Höhe wie ein Doping für mich."
Hennige gewann die Silbermedaille in neuer deutscher Rekordzeit.

DER SPIEGEL 43/1968
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