21.10.1968

THEATER / ADRIENFreie Sache

Hansens sind zum Huhn bei Fritzens, und Hans, Hanna, Johann und Hannele, Fritz, Frieda, Friedel und Friederike loben: "Gut son gutes Huhn." Nur Hänschen und Fritzchen maulen: "Labbrig schlabbrig zum Kotzen Faules Huhn dreckiges Huhn beschissenes Huhn."
Sie erklimmen den Tisch, zertrampeln das Geschirr und zerschlagen dann Stühle und Schränke, Klavier und Kommode, Geranien- und Garderobenständer und johlen im Chor: "Warum? Darum!"
Die Zimmerschlacht fand in der Berliner Freien Volksbühne statt, die am letzten Wochenende Philippe Adriens Stück "Sonntags am Meer" erstaufführte.
Mit den Schockszenen und dem Rüpel-Vokabular will der Franzose Adrien, 29, den Gedanken-Mief des Spießbürgertums karikieren. Wie Comic-strip-Figuren läßt er die Teilnehmer des Anti-Familientreffens Sprüche machen: "Alles im Eimer", "Haste kapiert?" "Was'n Mist", "Scheiß drauf".
"Man lacht sich dauernd scheckig", lobte Kritiker Friedrich Luft. Und der "Tagesspiegel" resümierte: " Wir rutschen vor Vergnügen vom Stuhl, flicken mühsam unsere Nerven wieder zusammen. Wenn dann die zwei Stunden vorbei sind, möchte man immer noch nicht nach Hause gehen."
Als das vierte Stück (Original-Titel: "La Baye") des langhaarigen Bühnendichters im Vorjahr in Avignon uraufgeführt wurde, war die Kritik weniger positiv. Die meisten Rezensenten fühlten sich an das nun auch schon alte absurde Theater erinnert, nur der "Figaro" bescheinigte Adrien, eine eigene Form der Bühnenkunst erfunden zu haben: das "Theater der geistigen Zurückgebliebenheit".
Daß das Stück in Berlin mehr Publikums-Anklang fand, hat der Regisseur Claus Peymann", 31, bewirkt. Der an den verwandten Sprachmontagen Peter Handkes ("Publikumsbeschimpfung") erprobte Frankfurter ließ im Gegensatz zur französischen Inszenierung -- die Schauspieler vor einem naturalistischen Bühnenbild herumtoben -- so hob sich das satirisch überspitzte Argot pointenwirksam ab.
Interpretatorische Freiheiten hatte der Regisseur ohnehin noch zur Genüge. Denn Adrien schrieb sein Stück nicht nur ohne Punkt und ohne Komma -- der Autor versah es lediglich mit Signalen "für den Beginn simultaner Handlungen" und verzichtete auch fast ganz auf Anweisungen für den Regisseur. Anmerkungen wie "Frieda schluchzt" oder "Fritz haut Frieda eine runter" sind selten. Wesentlich häufiger erscheint der Hinweis: "ad libitum".
"So ein Stück", sagt Adrien, "ist eine freie Sache. Macht daraus, was ihr wollt." Auch der Schriftsteller verfährt damit, wie es ihm gefällt: Er hat es bislang mehrfach umgeschrieben, den Schluß änderte er acht Tage vor der Berliner Premiere zum 31. Mal ab. Die vielen Textveränderungen kann Adrien durchaus begründen. Er will "Literatur im Theater" vermeiden, denn: "Das Theater ist kein Ort für literarische Ergüsse."
Der auf der Berliner Bühne entfesselte "Schwall von Wortmüll" (Friedrich Luft) überraschte schließlich sogar den Autor: "So lustig hatte ich mir mein Stück beim Schreiben gar nicht vorgestellt."

DER SPIEGEL 43/1968
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