21.10.1968

SCHALLPLATTEN / NEU IN DEUTSCHLANDZeiten auf Grund

Bernd-Alois Zimmermann: „Die Befristeten“; „Improvisationen“ aus der Oper „Die Soldaten“ (Manfred-Schoof-Quintell); „Tratto“; Wergo 60 031; 25,25 Mark.
Die Damen und Herren kennen den Tag ihres Todes, nennen sich dementsprechend und leben auch so: "Achtzig", "Fünfzig" und "Zehn" planen die ihnen zugedachte Lebenszeit mit Sorgfalt; sie haben die Angst vor dem Tod verloren und für ihre Gesellschaft neue Spielregeln gefunden. Doch selbst die utopisch Umfunktionierten, so lehrt der Dichter Elias Canetti in seinem Bühnen- und Hörspiel "Die Befristeten", errichten gleich wieder neue Klassen.
Aus sorgfältig geplanter Zeit besteht auch Zimmermanns nach neuen Regeln konstruierte "Befristeten"-Musik. Er verlangt von einer Jazz-Combo aus Klarinette, Saxophon. Kornett, Cembalo, Kontrabaß und Schlagzeug nach dodekaphonischen Mustern Improvisationen über Zeitproportionen und Artikulationsarten, über Tonhöhen und Klangfarben. Dieser "Totentanz" (Untertitel) bewegt sich, laut Zimmermann, "in Zeiten, denen man bisher bestenfalls utopische Realität zugeschrieben hat (Zeiten gewissermaßen auf dem Meeresgrund)".
Und so zirpt und röhrt, schreit und poltert, bellt und stöhnt das Free-Jazz-versierte Manfred-Schoof-Quintett durch die Zeiten, mal heiter, mal nüchtern, mal in langen Tönen, mal in kurzweiligen Swing-Takten -- und tatsächlich klingt es zuweilen, als gluckerte den Musikern das Wasser in den Instrumenten.
Gemischter noch geht es in Zimmermanns Anti-Oper "Die Soldaten" zu. Im zweiten Akt dieses Vielschichten-Musiktheaters läßt er Fähnriche, Gemeine und Dirnen in einer Kneipe raufen und saufen -- von Free-Jazz-Improvisationen angefeuert. Der Würde eines Opernhauses angemessen, legt das Schoof-Quintett in dieser Piece allerdings seiner Freiheit beträchtliche Fesseln an: Zimmermanns Theorie der gegenseitigen Durchdringung von Komposition und Improvisation ist weit stärker als die Praxis.
Völlig neu schließlich sind Zimmermanns Spielregeln, die er sich für eine choreographische Studie in elektronischen Klängen zurechtlegt: Sein "Tratto" ("Strecke") besteht nur aus detonationsartigen Knackgeräuschen und reinen Sinus-Tönen, die, nach mathematischen Gesetzen übereinandergelegt, "Schwebungen" zeugen und in ihrer "Vorklanglichkeit" für den Komponisten einen "raum- und zeitöffnenden Charakter" haben.
Die Öffnung der Zeit gelingt dem Komponisten vortrefflich: Mit Hilfe von Rechenschieber und Millimeterpapier bringt er seine lyrisch-meditative Sirr- und Schwirr-Collage auf die exakte Länge von 900 Sekunden; einer Öffnung des Raumes muß der Kölner dagegen noch entraten: Die vier, vorn und hinten je links und rechts abzustrahlenden Klangspuren mußten für die Schallplattenproduktion auf zwei reduziert werden -- der Raum ist zur Fläche geschrumpft.

DER SPIEGEL 43/1968
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