23.09.1968

PORTUGAL / SALAZARSo oder so

Vergebens mühte sich die Opposition, den Diktator zu stürzen -- erst ein Liegestuhl brachte ihn zu Fall.
Auf der Terrasse seiner Sommerresidenz Santo António im Luxusbad Estoril brach Portugals Premier António de Oliveira Salazar, 79, mit dem Muße-Möbel zusammen; die rechte Seite seines Kopfes schlug hart auf den Boden.
So jedenfalls erklärte Informationssekretär Moreira Batista, warum Europas dienstältester Despot sich plötzlich ärztlicher Macht anvertrauen mußte.
Um vier Uhr morgens am 7. September öffneten die Neurochirurgen Vasconcelos Marques und Almeida Lima den Schädel des Regierungschefs. Sie entfernten ein Blutgerinnsel -- nach Gerüchten: einen Tumor -, das sich zwischen Schädeldecke und Gehirn gebildet hatte.
Schon acht Tage später versprach Salazars Leibarzt, der Herzspezialist Eduardo Coelho: "Wir werden ihn der Nation geheilt zurückgeben." Er irrte. Tags darauf, am Montag letzter Woche nach dem Mittagessen, erlitt Salazar eine Gehirnblutung und sank, durch einen Schnitt in der Luftröhre beatmet, ins Koma.
Staatspräsident Admiral Américo Thomaz, der Kardinalpatriarch vön Lissabon und Jugendfreund des Premiers, Manuel Goncalves Cerejeira, sowie Reverend Joao Rocha, Salazars Beichtvater, eilten ans Sterbelager. Der greise Autokrat empfing die Letzte Ölung. US-Außenminister Rusk schickte dem Nato-Verbündeten den amerikanischen Neurochirurgen Houston Merritt.
Zwar hielt eine Eiserne Lunge den Regierungschef noch am Leben. Doch Staatspräsident Thomaz rief letzten Dienstag die restlichen 14 Mitglieder des 15köpfigen Staatsrats in seinen stuckverzierten, rosafarbenen Palácio de Belem oberhalb des Tejo.
105 Minuten lang beriet das höchste politische Gremium Portugals, wie das politische Vakuum nach Salazar zu füllen sei. Denn die auf Salazar-Maß geschneiderte Verfassung des Landes sieht keinen Vizepräsidenten vor, der einsame Herrscher duldete keinen Kronprinzen neben sich.
1928 hatte Präsident General Carmona den Ökonomie-Professor Salazar aus Coimbra zum Finanzminister, vier Jahre später zum Premier gemacht. Salazar sollte das Land aus dem Chaos führen: 22 Staatsstreiche und 40 Regierungen in 16 Jahren und 134 Millionen Dollar Auslandsschulden hatten es ruiniert.
Doch "o doutor", der Doktor Salazar, der Portugal heilen wollte, hinterläßt nach vier Jahrzehnten einen politisch und sozial elenden Staat. Durch Kurmittel wie Zucht und Angst hat er dem einst aufgewühlten Land innenpolitische Ruhe verschafft -Friedhofsruhe.
Eine gleichgeschaltete Presse liefert dem Volk nur von der Obrigkeit gefilterte Information. Keine Zeitung darf ohne den Freigabe-Stempel der Zensurbehörde erscheinen. Selbst Anzeigentexte -- außer Wohnungs- und Dienstpersonal-Annoncen -- müssen dem Zensor vorgelegt werden. --
Jede politische Betätigung außerhalb der Einheitspartei "Uniao Nacional" oder der Grünhemden-Staatsjugend "Mocidade Portuguesa" wird drakonisch bestraft. Alle 130 Abgeordneten der Nationalversammlung gehören der Staatspartei au.
Wählen dürfen in Portugal ohnehin nur Männer, und diese nur, sofern sie lesen und schreiben können und Steuern zahlen. Frauen berechtigt nur das Abschlußzeugnis eines Gymnasiums oder einer Berufsschule zum Gang an die Wahlurne.
Keine Versammlung darf stattfinden ohne die Genehmigung der allmächtigen Geheimpolizei "Pide" (Policia Internacional e de Defesa do Estado), deren Spitzel in jedem Büro, in jedem Hörsaal, in jedem Café sitzen. Diese "besonders wirksame Poli-
* Bei der Papst-Reise nach Fatima (1967). ** Auf dem Weg an Salazars Krankenbett. zei" ("Le Monde") kann willkürlich vermeintliche Regime-Gegner verhaften, tage- und nächtelang verhören und für sechs Monate ohne Anklage festhalten.
In den berüchtigten Gefängnissen von Caxias, am Nordufer des Tejo, und Peniche, am Atlantik, zermürben Pide-Büttel Hunderte von politischen Gefangenen mit physischen und psychischen Torturen.
Hunderttausende Salazar-Untertanen verließen bereits den portugiesischen Polizeistaat und suchten Jenseits der Pyrenäen und des Atlantik Freiheit und Arbeit. Zwei Millionen Portugiesen leben heute im Ausland. 150 000 emigrierten allein 1966, mindestens 30 000 davon schlichen illegal ohne Paß über die Grenze.
Denn Portugal ist das einzige Land Westeuropas, das seinen Bürgern die Freizügigkeit verwehrt und Republikflucht mit Gefängnis bestraft. Nur mit einem Sonderpaß dürfen Portugiesen, die älter als 16 Jahre sind, noch ihr Land verlassen: Portugal braucht Soldaten für seinen seit 1961 dauernden Kolonialkrieg in Afrika.
Allen Uno-Resolutionen zum Trotz will Portugal sein Übersee-Imperium, das 23mal so groß ist wie das Mutterland, nicht aufgeben. "Die überstürzte Preisgabe zahlreicher afrikanischer Gebiete durch die europäischen Mächte", verkündete Salazar, "ist ein Verbrechen."
Die Kolonien stellen Portugal vor ein existenzbedrohendes Dilemma: Das arme Mutterland kann vom Export seiner Produkte -- Textilien, Wein, Kork, Oliven, Sardinen -- allein nicht leben. 120 000 Soldaten, die vier Jahre Wehrdienst leisten müssen, verteidigen deshalb in Angola, Mozambique und Portugiesisch-Guinea Besitz und Wirtschaftsinteressen Portugals gegen afrikanische Nationalisten. Aber: Die blutigen Kolonial-Kleinkriege forderten über 25 000 Menschenleben -- und jeden verfügbaren Escudo aus Lissabons Staatskasse.
40 Prozent der Staatsausgaben mußte das Neun-Millionen-Volk im vergangenen Jahr in seine Armee stecken. Die Folge: Portugal ist mit einem monatlichen Pro-Kopf-Einkommen von 100 Mark das ärmste Land Westeuropas.
"Der Graben zwischen reich und arm ist in Portugal unsagbar tief" ("The Times"). Hundert Familien beherrschen das Land. Der in Portugal ansässige bolivianische Zinnkönig Antenor Patino möchte das Land als "letztes europäisches Refugium der Milliardäre" erhalten, Eine Landarbeiterin dagegen verdient im Millionärsparadies mit zwölf Stunden Arbeit oft nicht mehr, als eine Tasse Kaffee in einem Lissaboner Hotel kostet. Das Land hat die höchste Kindersterblichkeit Europas.
40 Prozent der Salazar-Untertanen sind Analphabeten. Auch heute noch absolvieren 80 Prozent aller Kinder nur vier Grundschuljahre.
Politisches Bewußtsein konnte sich mithin kaum bilden. Portugals illegale Opposition -- Sozialisten und alte Republikaner, Christdemokraten und Kommunisten -- ist zudem gespalten und ohne bedeutende Führer.
General Humberto Delgado, oppositioneller Präsidentschaftskandidat von 1958, wurde im Februar 1965 an der spanisch-portugiesischen Grenze von einem bislang unbekannten Täter ermordet. Ein Jahr später starb der liberale Republikaner Azevedo Gomes bei einem Autounfall.
Im März dieses Jahres verbannte die Regierung den sozialistischen Advokaten Maria Soares auf die tropische Insel Sao Tomé vor Afrikas Westküste. Und im August schnappte die Pide an der Grenze Ignacio Palma. einen der Führer der militärischen Revolutionsliga LUAR.
An Furcht gewöhnt, reagierten die Portugiesen apathisch auf "das erste wirkliche politische Ereignis Portugals seit 40 Jahren" ("Le Figaro") -- das Ende der Salazar-Herrschaft. In Lissabon zeigte die Bevölkerung weder Trauer noch Freude: Sie erwartet keine schnelle Änderung.
Letzte Woche schlug der Staatsrat eines seiner Mitglieder, den Dekan der juristischen Fakultät Lissabon, Marcelo José das Neves Alves Caetano, 62, als Nachfolger Salazars vor.
Caetano, offenbar ein Kompromiß-Kandidat, leistete Salazar beim Aufbau des korporativen "Neuen Staates" erste Hilfe. 1940 wurde er Portugals Staatsjugendführer, aber 1962 protestierte er immerhin, als Polizei die Universität von Lissabon besetzte.
Will er Portugal zu einem wirklich neuen Staat umbauen, scheint ein Konflikt mit Portugals dreifaltiger Macht unausweichlich: mit Militär, Kirche und Hochfinanz. Am Sterbelager des Diktators stehen sie bereit zum Kampf um die Macht.
"Wir werden wohl", meinte ein Industrieller in Lissabon, der wegen der allmächtigen Pide seine Anonymität wahren wollte, "so oder so diese 40 Jahre absoluter Ruhe bezahlen müssen."

DER SPIEGEL 39/1968
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