23.09.1968

USA / MÖRDER-MEMOIRENRuhm aus der Zelle

Einst kümmerte niemanden, wie sie lebten, niemand wollte wissen, was sie dachten.
Jetzt kritzeln sie ihre Lebenserinnerungen auf schäbiges Gefängnispapier -und schon heute ist sicher: Aus ihren Schreibübungen werden Bestseller.
Denn die beiden Memoiren-Schreiber haben eines gemeinsam: Sie sind des Mordes an Prominenten angeklagt -- und dadurch selbst prominent:
* Sirhan Bischara Sirhan, 24, der am 5. Juni im "Ambassador"-Hotel von Los Angeles acht Pistolenschüsse auf den Präsidentschafts-Kandidaten: Robert F. Kennedy abfeuerte.
* James Earl Ray, 40, der verdächtigt wird, am 4. April in Memphis den farbigen Friedensnobelpreisträger Martin Luther King mit einem Gewehrschuß getötet zu haben.
Kaum hinter kugelsicheren Gefängnistoren verschwunden, profitierten die Schützen von ihrem zweifelhaften Ruhm. Geschäftstüchtige Verleger und gewandte Ghost-writer bemühen sich um die Exklusivrechte an den Mörder-Memoiren. Denn längst ist aus Mord ein Geschäft geworden, längst schreiben Täter nieder, was sie taten -- oder sie lassen es niederschreiben.
Caryl Chessman etwa, der 1948 zum Tode verurteilte Vorstadt-Kidnapper aus Kalifornien, verfaßte hinter Gittern selber vier Bücher, darunter den Welt-Bestseller "Todeszelle 2455". Mit dem Dollar-Segen finanzierte er zwölf Jahre lang den Kampf gegen seine Hinrichtung. Erst 1960 wurde das Todesurteil vollstreckt. Chessmans Leser, und nicht nur sie, protestierten vergebens.
Andere Delinquenten, nicht so schreibgewandt, vertrauten ihre Halbgeständnisse versierten Romanschreibern und Journalisten an. Die reichem sfr mit eigenen Beobachtungen, Interviews von Augenzeugen und Urteilen an -- und fertig ist der Bestseller.
Für ihre kriminellen Beichtkinder übernehmen die Autoren die Anwaltskosten und die Versorgung mit großzügigen Zigarettenrationen. Sie selbst werden zu Millionären.
So nahm zum Beispiel Filmautor Truman Capote ("Frühstück bei Tiffany") den beiden Mördern Perry Smith und Richard (Dick) Hickock, die eine vierköpfige Farmersfamilie erschossen hatten, ihre Lebensbeichte ab.
Capote ergänzte die Erzählungen durch eigene Recherchen im Kansas-Städtchen Garden City, wo er nachts im Hotel seine Notizen -- insgesamt 6000 Seiten -- in die Schreibmaschine hämmerte: Das Ergebnis: der Bestseller "Kaltblütig". Capotes Kosten: 100 000 Dollar für seine 1965 hingerichteten Helden.
Nur ein Viertel davon -- 25 000 Dollar -- mußte Kollege William Huie, 57, für die Rechte an den Memoiren des vermutlichen King-Mörders James Earl Ray ausgeben.
Der erfahrene Kriminal-Reporter Huie erwarb bereits Bestseller-Ruhm durch einen Tatsachenbericht über den Mord an drei Bürgerrechtskämpfern im Juni 1964 im US-Südstaat Mississippi.
Der Ortssheriff und ein Gehilfe in Philadelphia hatten die Täter begünstigt und beschützt. Erst durch Huies Ermittlungen wurden die verscharrten Leichen gefunden. Das Vorwort zum Huie-Buch "Drei Leben für Mississippi" schrieb Martin Luther King.
Kings mutmaßlicher Mörder James Earl Ray notiert inzwischen für Huie, woran er sich erinnern möchte. Gründlich absprechen durften Held und Autor sich noch nicht, "damit" -- so der Distriktsrichter -- "niemand der ordentlichen Gerichtsverhandlung vorgreift".
So fungiert Rays Anwalt Arthur Hanes als Verbindungsmann. Mit stillschweigender Billigung der Gefängniswärter schmuggelt er Frage- und Antwort-Kassiber durch mit Doppelposten gesicherte Türen.
Aus der Erinnerung notierte Bay bisher zwei Folgen mit je 10 000 Wörtern. Weitere 30 000 Wörter sollen folgen.
Der prominente Häftling kann Tag und Nacht an seiner Beichte feilen -- denn in Rays Zelle gehen die Leuchtstoffröhren niemals aus. Sie liefern Licht für zwei Fernsehkameras an der Zellen-Decke, die jede Bewegung des Gefangenen verfolgen; sie erhellen Wohn-, Bewacher- und Badezelle, deren Fenster mit Stahlplatten verstellt sind und in die eine Klimaanlage frische Luft pumpt.
Im Oktober, nach der Vereidigung der Geschworenen, hat Huie erstmals Aussicht auf ein längeres Gespräch mit seinem Helden, und schon vor dem ersten Verhandlungstag Im November soll der erste Bericht des Schreibe-Teams Ray/Huie auf den US-Markt kommen: Die Millionen-Illustrierte "Look" möchte zwei Folgen der Ray-Memoiren drucken.
Wann die ersten Zugeständnisse des Ray-Kollegen Sirhan B. Sirhan in Druck gehen, ist dagegen noch ungewill. Zwar hat auch der kleine Araber schon einen Nach-Schreiber -- den Journalisten Robert Blair Kaiser, der über Sirhan-Anwalt Russell E. Parsons mit dem Häftling verhandelt.
Aber der Kennedy-Attentäter -- in einer Einzelzelle des Gerichtsgefängnisses Los Angeles von sechs Sonderbewachern beaufsichtigt -- will noch nicht alles beichten. "Ich sage erst alles", ließ er verkünden, "wenn meine Gerichtsverhandlung im Fernsehen übertragen wird." Das aber ist nach der kalifornischen Strafprozeßordnung nicht zulässig.
So muß sich Robert Blair Kaiser einstweilen vor allem auf eigene Recherchen beschränken. Stoff genug bieten schon die 273 Seiten Protokoll, die nach den ersten Aussagen von 23 Attentats-Zeugen niedergeschrieben wurden.
Kaiser hofft auch dann auf ein zweites Kennedy-Mord-Geschäft, wenn sein Held stumm bleibt. Sein Vorbild: William Manchester. Dem brachte "Der Tod des Präsidenten", das Buch über den ersten Kennedy-Mord, Millionen-Auflagen und eine Million Dollar.

DER SPIEGEL 39/1968
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