28.10.1968

ZEITGESCHICHTE / KUBA-KRISEWie Tojo fühlte

Es sieht wirklich schlimm aus, nicht wahr?" Bleich blickte John Kennedy seinen Bruder Robert an. "Wenn sie diesmal in unserem Teil der Welt damit durchkommen -- was werden sie das nächste Mal tun?"
Es sah schlimm aus für die Vereinnigten Staaten: An Amerikas Südflanke, auf Fidel Castros Zuckerinsel Kuba, hatten "sie" -- die Sowjets -- sich eingenistet und Raketen-Abschußrampen errichtet. Amerikas Sicherheit war bedroht.
Am 18. Oktober 1962 hatte ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug vom Typ U-2 die Raketenbasen entdeckt. Sechs Tage später, am 22. Oktober, informierte Präsident John F. Kennedy sein Land und die Welt über die U-2-Entdeckung. Zugleich verhängte er eine See-Blockade über Kuba und forderte Kreml-Chef Chruschtschow ultimativ auf, Raketenrampen und Raketen von Kuba zu entfernen. Andernfalls werde Amerika eingreifen.
Die Welt stand an der Schwelle eines dritten, atomaren Weltkrieges; Robert ("Bob") Kennedy, damals Justizminister der USA, suchte seinen Bruder zu trösten: "Ich glaube einfach nicht, daß es irgendeine andere Wahl gab. Und nicht nur das -- wenn du nicht gehandelt hättest -, sie hätten dir hier ein "Impeachment"-Verfahren angehängt!"
"Ich glaube das auch", stimmte John Kennedy zu*.
Der Dialog der Kennedy-Brüder ist Teil eines Artikels, den Robert Kennedy schrieb. Er sollte ursprünglich 1967 -- zum fünften Jahrestag der Kuba-Krise -- im "New York Times Magazine" erscheinen, doch er wurde erst zum sechsten Jahrestag, viereinhalb Monate nach dem Tod des Autors, veröffentlicht: von dem amerikanischen Frauenmagazin "McCall's", das den Erben für die 21 000 Kennedy-Wörter eine Million Dollar bezahlt hatte -- 190 Mark für jedes Wort.
Robert Kennedys Kuba-Bericht enthüllt keine grundlegend neuen Tatsachen, aber doch viele bisher unbekannte Details der Kuba-Krise. Denn niemand stand John F. Kennedy näher als sein jüngerer Bruder -- und niemand konnte deshalb ein intimeres und aufschlußreicheres Bild des Präsidenten in den Stunden einer politischen Entscheidung zeichnen, von der das Schicksal der Welt abhing.
Kennedys Berater drängten damals zu raschem Handeln. Die Militärs forderten einen Überraschungsangriff der Air Farce auf Kuba. Die Sowjet-Union, so versicherte Luftwaffen-Stabschef Curtis LeMay -- heute Vizepräsidentschaftskandidat von George Wallace -, würde keinen Gegenschlag riskieren.
Einer der Stabchefs wollte sogar Atomwaffen einsetzen -- was Robert Kennedy an "die vielen Gelegenheiten" erinnerte, "bei denen Militärs Positionen beziehen, die wenigstens den Vorteil haben, daß es niemand mehr erleben würde, wenn sie sich als falsch erweisen sollten".
Seinem zur Attacke gedrängten Bruder schob er einen Zettel zu: "Jetzt weiß ich, wie (Japans Weltkrieg-II-Premier) Tojo sich fühlte, als er (den Überfall auf) Pearl Harbor plante."
Verteidigungsminister Robert Mc-Namara -- der Mann, den John F. Kennedy für seinen "wertvollsten Mitarbeiter" hielt -- wußte anderen Rat als seine Militärs. McNamaras Empfehlung: eine Seeblockade Kubas. Diesen Vorschlag befürworteten auch Außenminister Dean Rusk -- und der Präsidenten-Bruder.
Fünf Tage lang debattierten der Präsident und seine Berater -- nervös, verbittert, oft in offenem Streit. Dann, so Chronist Kennedy, besiegten moralische Bedenken die Befürworter rascher, brutaler Gewalt. John F. Kennedy ordnete die Kuba-Blockade an -- und ließ zugleich alles vorbereiten, falls Air Force und Army doch noch eingreifen müßten.
McNamara stellte in einem Geheimbericht zusammen, was diese Bereitschaft bedeutete: Bereitstellung von 250 000 Soldaten; geschätzte Verluste der Lande-Operation auf Kuba: 25 000 Mann.
Am 22. Oktober hatte der Präsident die Kuba-Blockade verkündet, am übernächsten Morgen sollte sie beginnen. Kurz nach zehn Uhr kam die erste Meldung -- und sie war beunruhigend: In Begleitung eines U-Boots steuerten zwei Sowjet-Frachter die 500-Meilen-Sperrzone um Kuba an. Falls sie ihren Kurs noch eine Stunde lang fortsetzten, mußten US-Schiffe die Blockadebrecher stellen.
Der US-Flugzeugträger "Essex" sollte das U-Boot stoppen -- notfalls, so erläuterte McNamara, würden kleine Wasserbomben den Gegner an die Oberfläche zwingen. Der Konflikt mit der Sowjet-Union schien Wirklichkeit zu werden.
"Was sollen wir machen", hatte John F. Kennedy bei der Diskussion über die Blockade gefragt, "wenn wir alle diese Anstrengungen unternehmen -- und hinterher herausfinden, daß die Schiffe lediglich Babynahrung geladen haben?" Der Präsident hatte gerade Barbara Tuchmans Bestseller "The Guns of August" (Die Kanonen des August) gelesen, eine Schilderung der Fehleinschätzungen, die zum Ersten Weltkrieg führten. Er fürchtete: "Eine Fehlkalkulation, ein falsches Urteil -- das ist die große Gefahr!"
"Er wollte nicht, daß später irgend jemand in der Lage sein könnte", berichtete Robert Kennedy, "ein Buch zu schreiben mit dem Titel "Die Raketen des Oktober"."
"Ich werde", sagte der Präsident, "die Russen nicht einen Zoll weiter zurückdrucken" als unbedingt nötig ist."
Aber es schien, als seien die Russen zur Machtprobe entschlossen. Die Arbeiten an den Raketenbasen gingen in hektischem Tempo weiter, die Schif-
* Eine "Impeachment"-Bestimmung in Artikel I der US-Verfassung ermöglicht es dem US-Senat, einem vom Repräsentantenhaus wegen Verrats, Bestechung oder schlechter Amtsführung angeklagten (oder geisteskranken) Präsidenten das Amt abzusprechen.
fe und das U-Boot dampften unbeirrt auf den Blockadering zu.
Beinahe verzweifelt fragte der amerikanische Präsident, ob denn ausgerechnet ein U-Boot als erstes Sowjetschiff gestoppt werden müsse: "Alles andere, aber nicht das!"
Aber McNamara wußte keinen Ausweg. Darauf John Kennedy: "Wir müssen damit rechnen, daß sie Berlin abriegeln -- trefft die letzten Vorsorgen für diesen Fall."
Doch der Fall Berlin trat nicht ein -- die sowjetischen Schiffe drehten bei. "Einen Augenblick lang", schrieb Robert Kennedy, "hatte die Welt stillgestanden -- jetzt drehte sie sich wieder."
John F. Kennedy suchte weiter nach Wegen aus der Krise; Botschaften und Antworten gingen zwischen Washington und Moskau hin und her. Aber die Sowjets unterbrachen die Arbeit an den Raketenbasen auf Kuba nicht, die Militärs forderten deshalb immer nachdrücklicher eine US-Invasion.
Doch plötzlich schien eine Lösung greifbar nahe, Am 26. Oktober, vier Tage nach der Verkündung der Blockade, schrieb Chruschtschow an Kennedy: "Ich habe zwei Kriege miterlebt und weiß, daß ein Krieg dann endet, wenn er über Städte und Dörfer hinweggegangen ist und überall Tod und Zerstörung gesät hat ... Nur Wahnsinnige oder Selbstmörder ... wollen die Welt zugrunde richten und vernichten, bevor sie sterben ... Herr Präsident, wir und Sie sollten nicht an den Enden des Strickes ziehen, in den Sie den Knoten des Krieges geknüpft haben ... Lassen Sie uns diesen Knoten lösen, wir sind dazu bereit!"
Chruschtschows Brief und ein Geheimvorschlag -- den die Sowjet-Botschaft den Amerikanern zugespielt hatte -- schienen ein annehmbares Tauschgeschäft anzubieten: Amerika sollte die Blockade abbrechen und auf jede Invasion Kubas verzichten. Die Sowjets würden dann Ihre Raketen aus Kuba entfernen.
24 Stunden später war alles wieder in Frage gestellt: Nun forderte Chruschtschow als Gegenleistung für ein Einlenken in Kuba kategorisch den Abzug der US-Raketen aus der Türkei. Der Präsident hatte den Abbau der Raketen bereits Monate vor der Kuba-Krise angeordnet, da sie ohnehin veraltet waren und Kennedy sie als unnötige Provokation betrachtete. Nun mußte er zornig feststellen, daß seine Anordnung nicht ausgeführt worden war -- und die Raketen jetzt unter sowjetischer Drohung zu entfernen, empfand er als unzumutbar.
Schlimmer noch: Der US-Geheimdienst meldete dem Präsidenten, Sowjet-Diplomaten In den USA bereiteten die Vernichtung geheimer Dokumente vor -- ein deutliches Kriegszeichen. "Wir alle hatten das Gefühl", schrieb Robert Kennedy, "als werde die Schlinge immer enger -- um uns alle, um die Amerikaner, um die ganze Menschheit ..."
Wieder drängten die Stabschefs: Ein rascher Luftangriff und die Invasion Kubas seien "das einzige, das die Sowjet-Union verstehen würde". Doch der Präsident entschloß sich, dem Rat seines Bruders zu folgen und nur den ersten Chruschtschow-Brief zur Kenntnis zu nehmen. Bob Kennedy und Ted Sorensen entwarfen die Antwort. Ihr Vorschlag an Moskau: Rückzug der Sowjet-Raketen unter Uno-Oberwachung, Abbruch der US-Blockade und Versprechen, keine Landung auf Kuba zu unternehmen.
Chruschtschows Antwort kam am Sonntagmorgen: Am 28. Oktober. verkündete Radio Moskau die Bereitschaft der Sowjets, die Raketen auf Kuba abzubauen. Nach 13 Tagen war die Krise vorüber; doch John F. Kennedy, so berichtete sein Bruder, gab allen Beamten strikte Order, nie von einem Sieg über die Sowjet-Union zu sprechen.

DER SPIEGEL 44/1968
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