28.10.1968

OLYMPIA / MEDIZINMontezumas Rache

Die bundesdeutschen Sportärzte zählten in Mexico City längst nicht mehr ihre Kranken, als ihnen die bitterste Pille verabreicht wurde: DDR-Trainer Karl-Heinz Rabe bot höhnisch lächelnd Medikamente an. "Wir brauchen sie nicht", erklärte er den ostdeutschen Heilmittel-Überfluß, "denn wir haben seit Tagen keine Krankheitsfälle registriert."
Tatsächlich blieb mancher olympische Startplatz der Bundesdeutschen wegen Krankheit leer -- die gesünderen DDR-Athleten jedoch traten fast immer an; zudem auch erfolgreicher. Obwohl die DDR 50 Athleten weniger als die Bundesrepublik nach Mexiko geschickt hatte, stellten ihre Sportler mehr Welt- und Olympiarekorde auf als die Bundesdeutschen.
Ulbrichts olympische Heilsarmee hatte sich an Ort und Stelle -- in Mexico City -- auf die Höhenlage der Olympiastadt eingestellt. Die meisten Bundesathleten suchten im unterschiedlichen Klima der US-Stadt Flagstaff Anpassung an die Höhe. Die Wettkämpfe zeigten, daß die Ostdeutschen die bessere Wahl getroffen hatten. Sie wurden mit der Atemnot und den drohenden Darmbeschwerden besser fertig als die Westdeutschen.
Dabei hatten die bundesdeutschen Olympia-Oberen in den letzten beiden Jahren 720 000 Mark aufgewandt, um Sportlern und Ärzten mexikanische Höhen-Erfahrungen zu verschaffen. Prominente deutsche Sportmediziner prüften jahrelang, wie die Athleten auf Zeitverschiebung, mexikanisches Klima und mexikanische Kost reagierten. Zudem ermittelten sie, wie sehr sich die Leistung ihrer Patienten in der gegenüber dem Flachland um 20 Prozent sauerstoffärmeren Luft verminderte.
Die Ergebnisse schienen klar, einleuchtend und befriedigend zu sein:
* Den Sportlern wurde versichert, daß sie keine gesundheitlichen Schäden zu befürchten hätten.
* Lediglich für die Wettkämpfe, die länger als eine Minute dauern würden, sagten die Ärzte ein vermindertes Leistungs-Niveau voraus.
* Gefährlicher als den Sauerstoffmangel schätzten sie Magen- und Darm-Infektionen ein.
Gegen den leistungsmindernden Durchfall (Athleten-Jargon: Montezumas Rache) verordneten die deutschen Olympiamediziner täglich zwei Pillen Mexaform S. Weitere Mittel probierten sie im olympischen Hochland von Mexiko nicht aus. Dabei hatten Ärzte wie das Berliner Höhenforscher-Ehepaar Dr. Hans und Dr. Elisabeth Albrecht vergebens vor einer Nebenwirkung der Mexaform-Pillen gewarnt: Sie würden die Darmflora beeinträchtigen und die natürlichen Abwehrkräfte im Falle anderer Erkrankungen vermindern.
Tatsächlich litt die Fünfkampf-Favoritin und Weitspringerin Heide Rosendahl schon am ersten Wettkampftag an Nierenschmerzen. Uta Frommater, Meisterin auf der 200-Meter-Strecke der Brustschwimmerinnen, fehlte wegen eines Fieberanfalls beim aussichtsreichen Olympiastart. Den Berliner Radfahrer Burkhard Ebert hinderten Darmbeschwerden daran, seine Medaillenchance zu nutzen. Im bundesdeutschen Ruder-Achter mußte noch am Morgen des Olympia-Finales ein Bootsmann ausgewechselt werden, weil ihn eine Halsentzündung befallen hatte. Der Kanu-Olympiasiegerin Annemarie Zimmermann schmerzte im Rennen ein Arm so sehr, daß sie ihn kaum noch bewegen konnte. "Ich verstehe das nicht", rätselte sie, "wo wir so viele Ärzte hier haben."
Auch die gesundheitlichen Gefahren des Sauerstoffmangels hatten die westdeutschen Mexiko-Mediziner unterschätzt. So brachen schon in der ersten Wettkampfwoche neun Bundes-Athleten zusammen.
Erschrocken über den eigenen Irrtum, warnte daraufhin der Freiburger Herzspezialist Professor Dr. Herbert Reindell, Olympia-Chefarzt der Bundes-Equipe: "Ein Sportler-Kollaps kann sogar zum Tode führen." Reindell-Assistent Dr. Josef Keul beschwichtigte die erregten Athleten; "Nur wenn eine Infektion hinzukommt, droht Lebensgefahr."
Jedenfalls lähmte der Sauerstoffmangel zeitweilig die Gliedmaßen der Muskelmänner. Atemnot rief immer häufiger Erstickungssymptome während der Wettkämpfe hervor. Kollapsbedrohte Sportler beschlich ein Gefühl der Panik." Während wir hinter dem Ziel auf dem Boden nach Luft jappten", klagte der gescheiterte 800-Meter-Europarekordler Franz -- Josef Kemper, "tänzelten die Schwarzen leichtfüßig um uns herum und diskutierten schnatternd ihren Sieg."
Dennoch mochte die Reindell-Ärztegruppe den anfälligen Bundessportlern nicht das von anderen Mannschafts-Medizinern erfolgreich angewandte Medikament Solcoseryl gegen die Höhenkrankheit verordnen. Das Mittel beschleunigt die Bildung roter Blutkörperchen und fördert somit die Sauerstoff aufnahme.
Neben Langstreckenläufern und Ruderern litten besonders die Schwerathleten unter der Atemnot." Mir wurde plötzlich schwarz vor Augen", berichtete Gewichtheber Rudolf Mang, 18, der in Mexiko zwar fünf Junioren-Weltrekorde aufgestellt hat, aber in den Medaillenkampf nicht einzugreifen vermochte. Er wurde Fünfter.
Die serienmäßigen Zusammenbrüche im olympischen Verschleißkampf bewiesen, daß allen vorolympischen Experimenten und Untersuchungen das entscheidende Merkmal mangelte: Der Streß, unter dem die Athleten in Mexiko das hochalpine Muskelspannen vollziehen mußten, ließ sich in keiner Druckkammer simulieren. "Solche Belastungen können zu neurotischen Reaktionen führen", mutmaßte Rudertrainer Karl Adam. "Zur Flucht in die Krankheit."
Reindell resümierte nach den Zusammenbrüchen beim olympischen Ernstfall selbstkritisch, daß bei allen Vorversuchen die Athleten niemals bis an die äußerste Leistungsgrenze beansprucht worden seien. Der Hamburger Sportmediziner Dr. Adolf Metzner wehrte sich indes gegen den Eindruck, die gesamte deutsche Sportmedizin habe in Mexiko versagt. "Bereits vor zwei Jahren", erinnerte Metzner, "haben außer mir die Professoren Gadermann, Junge und Jungmann angekündigt, daß es mit hoher Wahrscheinlichkeit Zusammenbrüche geben würde."
In Mexico City fand die überforderte bundesdeutsche Krankenstation aber auch dankbare Kunden: der an Rückenschmerzen leidende Läufer Kipchoge Keino aus Kenia ließ sich von denselben Ärzten behandeln, die auch die deutschen Läufer-Stars Norpoth und Tümmler pflegten.
Sie heilten den Mann aus Kenia -- und er besiegte im 1500-Meter-Rennen die kurzatmigen Deutschen.

DER SPIEGEL 44/1968
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