14.10.1968

AFFÄREN / KLENKNur Gutes

Ein Bild, sagt der Stuttgarter Gemäldehändler Friedrich Kohn, 72, sei "stets soviel wert, wie der Kunde gerade in der Brieftasche hat".
Im Hause Friedrichstraße 45 zu Mainz-Gonsenheim wohnt ein guter Kunde: der Klosettpapier-Hersteller Hans ("Hakle") Klenk, 62. Ihm verkaufte Kohn "sechs- bis zehnmal" Kollektionen alter Meister aus dem 15. bis 18. Jahrhundert.
Insgesamt, so schätzt der Händler. "waren es sechzig bis achtzig Bilder", und mal, so Kohn, "bekam ich eine Million, mal sechshunderttausend, mal achthunderttausend Mark und so fort.
Binnen zwei Jahren halte Fabrikant Klenk, Ehrenbürger und Mäzen der Mainzer Universität sowie rheinlandpfälzischer Generalkonsul der Republik Panama, Gemälde für rund fünf Millionen Mark erstanden. Es lag für Klenk nahe, die Wertobjekte in einer Ausstellung einem größeren Publikum zugänglich zu machen.
Klenk ließ im kunsthistorischen Institut der Universität die Museumswände neu streichen -- auf eigene Kosten. Dann schickte er den Instituts-Mitarbeiter Dr. Hans-Jürgen Imiela auf "Forschungs und Erkundungsreisen" (Klenk). Imiela war gehalten, für die Ausstellung einen Prachtkatalog (Kosten: 30 000 Mark) zusammenzustellen; das Vorwort dazu sollte der Leiter des Kunstinstituts, Professor Richard Hamann-MacLean, verfassen.
Doch schon in diesem Frühstadium der Meister-Schau sah sich der Hakle-Händler durch sonderbares Gebaren der Wissenschaftler irritiert. Der Kunsthistoriker Hamann schrieb in seinem Vorwort-Manuskript zum Beispiel: "Die größten Meister, deren Namen in diesem Katalog erscheinen -- Robert Campin, Rubens, Rembrandt, Velazquez -- sind ... nicht mit eigenen Werken vertreten." Was ihre Kunst einst bedeutet habe, sei jedoch "auch einer Replik anzusehen".
Der Fabrikant forderte unverzüglich eine Korrektur, und "unter Zeitdruck und weil ich wußte, was Klenk finanziell für die Universität bedeutet", entdeckte nun der Professor doch ewige Werte der Klenk-Sammlung "Überragende Meister -- Velazquez, Rubens, Rembrandt" seien in der Ausstellung vertreten, aber "begreiflicherweise nicht mit Spitzenleistungen Widersprüchliches verfaßte auch Klenks Katalog-Autor Imiela, Behauptungen in dem leinengebundenen Bildband, einzelne Gemälde seien von Meistern wie Rubens und Rembrandt, wurden in keiner Weise belegt. Eine sogenannte "Kirschenmadonna" schrieb der Akademische Rat Imiela souverän dem Niederländer Joos van Cleve zu, der 1540 in Antwerpen gestorben ist -- als Entstehungszeit des Bildes muß laut Imiela-Text aber "die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts in Betracht gezogen werden".
An anderer Stelle im Katalog heißt es, eine "Muttergottes in der Apsis" (laut Vorwort "ein Markstein der Kunstgeschichte") sei von Robert Campin gemalt -- erst aus dem weiteren Text geht hervor, daß das Bild die Wiederholung eines verschollenen Originals ist, "die dem Urbild am nächsten kommt".
Solche gelegentlichen Erläuterungen waren allerdings nur im Katalog zu lesen, die Texte in der Ausstellung enthielten nur Titel und Malernamen.
Der Kunstkritiker der "Frankfurter Allgemeinen", Günter Pfeiffer, sah dann auch "keinen Grund, den ganzen dicken Katalog zu studieren" und nannte in einer Würdigung ("Mainzer Überraschung") erlauchte Namen: Rubens, Rembrandt, Velazquez.
Vierzehn Tage später dementierte Pfeiffers Blatt: "Nach dem bisherigen Wissensstande sind zwei Drittel der ausgestellten Bilder Zuschreibungen, Kopien, Werkstattarbeiten, Wiederholungen, Arbeiten aus dem Umkreis oder Nachfolgen." Der Kritiker entschuldigt sich: "Ich bin einfach getäuscht worden."
Schon immer gewußt hatte es nun Hamann, der in seinem Katalog-Vorwort noch Klenks alte Meister zu preisen wußte: "Ich habe gleich gesagt, ein Rubens ist das nicht und auch kein Velazquez." Die Schaustücke hielt der Professor jetzt für "drittklassige Arbeiten, die keineswegs eine bombastische Ausstellung rechtfertigen.
Der Mainzer Restaurator Bernhard Sucker schließlich, der die Werke aufzumöbeln hatte und dabei "heimlich 14 Tage lang" untersuchen konnte schätzt den Wert der Malerei, für die Klenk rund fünf Millionen zahlte, auf "allenfalls vierhunderttausend Mark".
Seither herrscht zwischen der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität und Ehrenbürger Klenk Streit Mit Expertisen des Tutzinger Geheimrats Dr Heinrich Zimmermann, dessen Gutachten seit Jahren in der Fachwelt umstritten sind, sucht der Krepphersteller die Echtheit seiner Rubens- und Rembrandt-Gemälde zu verteidigen. Das Geheimnis, wie er an die kostbaren Stücke gekommen ist, lüftete Klenk erst Ende September.
Ein paarmal sei der alte Herr Kohn, ein kranker, leidender Mann, mit Bildern zu mir in die Wohnung" gekommen "Ich habe gekauft, denn ich habe Mitleid mit alten Leuten."
Mitleid erweckt hat der alte Herr Kohn auch schon bei anderen Geldleuten. Seit Jahren erscheinen seine Chiffre-Anzeigen in westdeutschen Zeitungen: "300 000 bis 500 000 Mark für kurze Zeit gesucht. 100 Prozent Sicherheit vorhanden. Außergewöhnliche Rendite, Diskretion, Verhandlungen nur mit Geldgebern selbst."
Interessenten schickt Kohn wortgewandte Agenten ins Raus, die Kontakt zum Herrn Professor Kohn in Stuttgart-Frauenkopf herstellen. Spätestens in Kohns Villa, Distlerstraße 55, oder auch beim Treffen im Hause des Interessenten, erfahren die Kunden, daß der Weg zur Kapitalvermehrung über eine Gemäldekollektion führt.
Kohn, der sich selbst "Hausjude mehrerer Adelsgeschlechter und erster Fürstenhäuser" nennt, berichtet den Geldmännern zuweilen unter Tränen von seinen Erlebnissen im KZ. Im nächsten Akt der Verhandlung bestätigt dann der eilends herbeigeholte Auktionator und Gerichtssachverständige Willi Heuschen aus Wuppertal die Kollektion sei viel mehr wert als die geforderte Kaufsumme.
Auf diese oder ähnliche Art setzte Kohn bisher weit über tausend Bilder ab. Rund 30 solcher Kohn-Geschäfte hat die Stuttgarter Staatsanwaltschaft bisher untersucht. Anklagen sind kaum zu erwarten, denn Kohn gilt laut Gutachten als "partiell zurechnungsunfähig".
Kunden des kranken Gemäldekaufmanns können allenfalls die Rückerstattung gezahlter Summen gegen die Herausgabe der Bilder erreichen. So entschied die 14. Zivilkammer des Landgerichts Stuttgart Anfang Oktober, Friedrich Kohn habe dem Monsheimer Weinhändler Hans Buxheimer 650 000 Mark zurückzuzahlen -- zuzüglich vier Prozent Zinsen seit dem 1. April 1965. Als freilich Kohn das Urteil hörte, gab er bekannt: "Mein letztes Vermögen hat das Finanzamt für die Steuer geholt."
Andere Kohn-Kunden, wie der Kaufmann Walter Triefenbach aus Urberach, leisteten nach dem großen Geschäft den Offenbarungseid. Kohlenhändler und Kleinaktionär Erich Neid aus Darmstadt erhielt bisher immerhin die Hälfte der 300 000 Mark zurück, die er in Kohns Meisterkollektion investiert hatte.
Nold war der erste, der vor Jahresfrist den Mainzer Generalkonsul Klenk vor Geschäften mit Friedrich Kohn warnte. Als in der Papierfabrik ein Fernschreiben aus der Kohlenhandlung ("Sie sind das Opfer eines Betrugs geworden") eintraf, schickte Klenk seinen Sohn Dieter nach Darmstadt. Neid klärte den Junior-Chef auf -und bekam zum Dank einen Frei-Karton "Hakle"-Rollen. Überzeugt hatte er den Senior-Fabrikanten nicht.
Noch heute mag der Multi-Millionär nicht glauben, daß seine alten Meister alte Schinken seien. Klenk, der seine insgesamt 150 Bilder "rein nach dem optischen Aussehen" beurteilt, fühlt sich "von Herrn Kohn nicht geschädigt-, denn: "Ich bin begeistert von den Bildern." Und außerdem: "Ich denke nichts Schlechtes von anderen Menschen."
Daß die Sammlung zum überwiegenden Teil aus Kohn-Beständen stammt, hat laut Kunsthistoriker Hamann "auf der Uni keiner gewußt". Nun reut es den Professor, daß er dem Papierhändler das Katalog-Vorwort geschrieben und den Text gar noch im Klenkschen Sinne abgeändert hat "nach langem Zögern, innerlich widerstrebend, nur mit Rücksicht auf vermeintliche Verpflichtungen der Universität gegenüber ihrem Mäzen". Universitäts-Rektor Adolf Adam gab vorsorglich bekannt, der Senat werde demnächst prüfen, "ob sich ein Ehrenbürger seines Titels nicht würdig erwiesen" habe.
Hans Klenk -- Stifter zwei Mainzer Brunnen (Volksmund: "Wasserspülung") und eines Forschungspreises für Mediziner, Ritter des Verdienstordens der italienischen Republik und Ritter des Ordens der belgischen Krone, Kirchenvorsteher im Vorort Gonsenheim und Karnevalist beim MCV -- läßt seither Journalisten eine Liste Mainzer Honoratioren zukommen, "die auf Befragen nur Gutes über mich sagen".
Nur Gutes sagt Klenk selber auch über seine Bilder. "Eine amerikanische Gruppe", so teilte er dem Rektor Adam mit, habe ihm dafür "24 Millionen Mark geboten". Jedoch: "Ich verkaufe nicht, denn meine Sammlung ist mir noch weitaus mehr wert."

DER SPIEGEL 42/1968
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