14.10.1968

HÖHEN-ATHLETENKurzer Atem

In der Umkleidekabine des Olympia-Stadions von Tokio rüsteten sich die 800-Meter-Stars zum olympischen Endlauf. Da stürzte ein Schwarzer mit weißer Tasche herein. "Was muß ich jetzt tun?" fragte er die Rivalen.
Ein Konkurrent half dem schwarzen Mann, sich bei der Wettkampfleitung startbereit zu melden. Im Rennen erspurtete der Neger als Dritter die Bronzemedaille: Wilson Kiprugut aus dem afrikanischen Hochland Kenia.
Bei der Tokio-Olympiade 1964 hatte er die einzige Medaille für sein Land erkämpft. Außer ihm nahmen noch fünf Afrikaner Olympia-Plaketten in den Busch mit. Der Äthiopier Bikila Abebe gewann Gold im Marathonlauf, der Tunesier Gamudi sicherte sich Silber auf der 10 000-Meter-Strecke, drei Boxer aus Ghana, Nigeria und Tunesien holten jeweils Bronze.
"In Mexiko bei den Olympischen Spielen 1968", orakelte Langstrecken-Weltrekordler Ronald Clarke, "werden die afrikanischen Läufer kaum zu schlagen sein." Der Australier hatte es bereits in Tokio nicht geschafft. Im 10 000-Meter-Lauf erreichte er das Ziel als Dritter -- hinter Gamudi.
Diesmal rückten die Afrikaner mit noch größeren Athleten-Trupps in Mexico City ein. Doch die farbige Gefahr droht den renommierten Olympiakämpfern nicht nur von Afrikanern. Alle Athleten aus Höhen-Regionen wie Mexiko (2200 Meter) können auf den Strecken bis 800 Meter bestehende Weltrekorde löschen. Chancen besitzen auch Wettkämpfer, die sich rechtzeitig auf die Olympia-Höhe eingestellt haben.
US-Kurzstreckler wie Jahn Carlos und Lee Evans verbesserten schon vor drei Wochen in ihrem kalifornischen Höhencamp South Lake Tahoe drei Weltrekorde, nachdem sie sich monatelang dem Höhenklima und dem Zeitplan der Olympiastadt angepaßt hatten.
Den 200-Meter-Lauf gewann der Farbige John Carlos in 19,7 Sekunden (alter Weltrekord: 20,0). Die 400-Meter-Strecke spurtete der Neger Lee Evans in der neuen Bestzeit von 44,0 Sekunden (alter Rekord: 44,4). Geoffrey Vanderstock drückte auf der 400-Meter-Hürden-Distanz den Weltrekord von 49,1 auf 48,8 Sekunden.
Die weltbesten Langstreckler fürchten noch mehr den Wettkampf mit den Höhen-Athleten. Denn: Je länger die Distanz wird, desto mehr quält die dünne Höhenluft die Läufer. Der Olympiafünfte von Tokio im 5000-Meter-Lauf, Kipchoge Keino, 28, vollbrachte noch vor seinem Abflug nach Mexiko in dem 2430 Meter hoch gelegenen Kenia-Ort Thomson's Falls auf der 1500-Meter-Strecke eine in dieser Höhe nie erzielte Höchst-Leistung: 3:39,9 Minuten. US-Weltrekordler Jim Ryun war in South Lake Tahoe nur 3:43,0 Minuten gelaufen.
Die Kenia-Sportler Keino und Kiprugut hatte der englische Trainer John Velzian 1962 bei lokalen Meisterschaften im Busch entdeckt. In der 2000 Meter hoch gelegenen Nandi-Region spürte er ungewöhnlich ausdauernde Läufer auf, die sich zudem durch eine anatomische Sonderheit für Leistungsläufe besonders eigneten: ihre Beine waren im Vergleich zur Gesamtgröße drei bis vier Zentimeter länger als normal.
Velzian brachte die Buschläufer in die 350 Kilometer entfernte Hauptstadt Nairobi und drillte sie zu Medaillenanwärtern. "Meine Läufer können in einer Woche drei harte Rennen verkraften", versicherte der englische Lauf-Lehrer. Er selbst erhielt allerdings in diesem Jahr von Kenias Sportfunktionären aus Rasse-Gründen den Laufpaß.
Trotz eines zunächst angedrohten Olympia-Boykotts schickte Kenia außer Keino und Kiprugut weitere Medaillenanwärter wie den 400-Meter-Läufer Daniel Rudisha und den am letzten Sonntag gestarteten 10 000-Meter-Star Naftali Temu nach Mexiko. "Auch einen medaillenverdächtigen Sprinter könnte Kenia haben, erinnerte sich Velzian. "Aber er verabscheut die Anstrengung."
Weltrekordler Keino -- "eine Gazelle, die erst läuft, wenn sie Gefahr wittert" ("Welt") -- verstaute in seinem Olympiagepäck die Fachbroschüre "Wie lerne ich Leichtathletik". Denn wie für die meisten Afrikaner "ist Taktik für Keino ein neues Wort", schrieb die französische Sportzeitung "L'Equipe".
"Ich will nur Erster werden", beruhigte Taktik-Tüftler Keino vor dem Abflug nach Mexico City seine Landsleute. Sie erwarten von ihm Medaillen auf den Strecken 1500, 5000 und 10 000 Meter. Nach den Spielen möchte sich Polizei-Inspektor Keino ebenso wie Polizei-Sergeant Kiprugut nur noch seiner Beamten-Laufbahn widmen.
"Äußerlich Mensch -- innerlich Pferd" ("Abendzeitung"), so trabte vor acht Jahren bei der Rom-Olympiade der Äthiopier Bikila Abebe, Chef der Leibgarde des Kaisers Halle Selassie, barfuß über das unebene Pflaster der Via Appia Antica. Er verschmähte das Schuhwerk nicht, weil es ihm ungewohnt war, sondern weil er glaubte, daß er barfuß die schlechte Wegstrecke besser bewältigen würde. Tatsächlich siegte er im Marathonlauf.
Bei seinem Olympiasieg in Tokio trug er wieder moderne Laufschuhe. Bikila startet auch in Mexiko als Marathon-Favorit und möchte sogar 1972 in München teilnehmen. Dann ist er 40 Jahre alt.
Allerdings leidet der Äthiopier seit Monaten an einer Knieverletzung. Deshalb entsandten die auf das angestammte Marathon-Gold versessenen Funktionäre noch drei weitere aussichtsreiche Läufer nach Mexiko.
Der belgische Marathon-Favorit Gaston Roelants scheiterte schon beim Testlauf in Mexico City. Auf halber Strecke schied der Flach-Rennläufer erschöpft aus. "Nur Athleten, die lange genug in der Höhe gelaufen sind, haben Chancen", erklärte der einstige Kenia-Trainer Velzian. "Starten sie wieder in der Ebene, verbessert sich ihre Leistung wie bei Athleten, die mit Gepäck trainiert haben:" Experten rechnen daher mit Weltrekorden auf langen Strecken, wenn die Spiele in Mexiko vorüber und die Läufer in ihre Heimatländer zurückgekehrt sind.
Weltrekorde in Mexiko-Höhe erwarten sie dagegen von Kurzstrecklern. Kubas Sprinterinnen liefen letzte Woche in Mexico City auf der 4 x 100-Meter-Distanz ebenso wie die höhengestählten Russinnen Weltrekordzeit von 43,6 Sekunden. Kubas Männer-Staffel verfehlte auf der gleichen Strecke den Weltrekord der US-Läufer (38,6 Sekunden) nur um zwei Zehntelsekunden.
Die Bundesdeutschen umrundeten kurzatmiger die Bahn. Ihre Männer-Staffel schaffte vorletzten Mittwoch auf der 4 X 100-Meter-Strecke nur 39,3 Sekunden. Die Damen schonten sich für den Ernstfall. Läufer aus der DDR ließen ihre Staffel-Zeit nur privat messen: 38,4 Sekunden.

DER SPIEGEL 42/1968
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