02.09.1968

„Fett wird hier keiner“

Vom Ostufer drohen Israels Geschütze, vom Westen Nassers Kanonen. Dazwischen dümpelt eine schwimmende kommune -- seit über einem Jahr. In einer Gemeinschaft wider Willen leben zwei Hundertschaften seefahrender Kommunarden: Tschechen, Amerikaner, Deutsche und Polen, Franzosen, Schweden, Briten und Bulgaren. Gemeinsam haben sie vor allem eines, sie warten auf den Tag, an dem sie davonschwimmen können.
Im Großen Bittersee, auf der Fahrt durch den Suezkanal nach Norden, mußten die 14 Schiffe im Juni letzten Jahres plötzlich beidrehen: sie waren Ins Kreuzfeuer des israelisch-arabischen Krieges geraten.
Wie ein von Geisterhand gestoppter Geleitzug, im Abstand von je einem Kilometer, liegen sie seither vor Anker, von Algen befallen, von der Weit vergessen. Rostende Wracks im Kanal, ägyptische und israelische Politiker versperren ihnen den Weg. --
Die Funkräume der Schiffe wurden von der ägyptischen Kanal-Brigade versiegelt. Wollen die Schiffe Kontakt mit der Außenwelt, ziehen sie gelbe Signalflaggen auf. Doch oft dauert es Stunden, bevor die Wachposten am ägyptischen Ufer die Zeichen registrieren und ein Boot schicken.
Ägyptische Polizisten observieren das Leben an Bord, das sich für die Bittersee-Besatzungen zwischen Krieg, Kommune und Komik vollzieht.
Einmal Im Monat lichten die Schiffe ihre Anker und tuckern "eine Ehrenrunde durch den Heimatsee" (Kapitän Karl-Heinz Prissel, 47, vom Hamburger Frachtschiff "Münsterland").
Der US-Frachter "African Glen" wirft nie die vom Rost bedrohten Maschinen an. Das Schiff. hat nur noch sechs Mann Besatzung und keinen Kapitän; der Erste Offizier vertreibt sich die erzwungene Muße mit Malerei für die See-Gemeinschaft. In seiner Kabine stapeln sich statt Schiffstagebüchern und Seekarten Pinsel und Farbtöpfe. Auf Unterhemden und Sonnenschirme pinselt der Amerikaner (Monatsheuer: 3600 Dollar) die Initialen der "Great Bitter Lake Association": GBLA.
"GBLA", so erläutert der Erste Offizier der "Münsterland", Dirk Moldenhauer, 31, "das heißt hier gegenseitige Unterstützung und eine sagenhafte Kameradschaft."
Als die Besatzungen in den ersten Wochen nach dem Krieg unzureichend mit Trinkwasser versorgt wurden, drohten die 14 Kapitäne den Ägyptern gemeinsam, ihre Schiffe auf die israelisch besetzte Kanalseite zu verlegen. Fortan floß das Wasser reichlich.
Von der Ladung ihrer Frachtschiffe naschten alle Besatzungen. Birnen, Pfirsiche, Fruchtcocktails, 40 Tonnen Gefrierfleisch und 828 000 Eier offerierte die "Münsterland". "Birnen, ich kann einfach keine Birnen mehr sehen", stöhnte Offizier Moldenhauer. Seine See-Kollegen offensichtlich auch nicht. Denn der "Rest der 108 Tonnen Obst wurde jetzt tiefgefroren, um den Verfaulungsprozeß aufzuhalten".
Sechs Tonnen Weintrauben haben die internationalen Schiffer schon verzehrt; von vier Tonnen Butter "blieb nur ein kleiner Rest". Ein Schweden-Dampf er dient als Kanal-Kuh: Aus Trockenmilch und Eiern produzieren die Skandinavier Frischmilch.
Dankbarster Abnehmer der auf der "Münsterland" hergestellten Eiscreme ist die bulgarische Besatzung der "Vassil Levsky". Bei einer Durchschnittstemperatur von 40 Grad schmachten die Oststaatler ohne Ventilatoren und ohne Klimaanlage.
Fehlende Verpflegung liefert ein ägyptischer Schiffshändler, der nach eigenen Worten "wohl bald reich sein wird". Die Amerikaner zahlen in, Devisen, die Polen kaufen selten.
Aus Devisenmangel wurde ihnen Zurückhaltung auferlegt. Ihre Verpflegung wird per Container aus Polen geliefert. Um 1000 Kartons Holsten-Bier baten die deutschen Besatzungen in Hamburg, denn der Ägypter verkauft nur Gerstensaft aus der DDR.
"Doch fett wird hier keiner", lobte Kapitän Prissel, dessen 12köpfige Not-Mannschaft (Normalstärke: 42 Mann) doppelte Heuer erhält, dafür aber mehr als doppelte Steuern zahlt. Für die Matrosen -- sie werden alle sechs Monate abgelöst hat Kapitän Prissel genügend Beschäftigung: Sie schieben Wache, malen und schrubben.
Auf der britischen "Port Invercargill" installierte die GBLA ein 8 x 30 Meter großes Fußballfeld, Netze retten zu hoch gekickte Bälle. Teams von fast allen Schiffen streiten jeden Mittwochabend um Pokal- und Punktspielehren. Unlängst ging das internationale Team an Land und fuhr zum Kampf nach Ismailia. Doch der erkorene Gegner, eine ägyptische Militär-Mannschaft, trat nicht an.
Im Oktober -- zur Zeit der Olympischen Spiele in Mexiko -- wollen die Matrosen der polnischen "Djakarta" eine "kleine Olympiade" veranstalten. Zu den 14 Disziplinen sollen dabei auch Angeln und eine 4 x 100-Meter-Schwimmstaffel gehören.
Matrosen des Tschechen-Bootes "Lednice" ziehen mit ihrem Speedboat Wasserski-Läufer aller Bittersee-Nationen an der Waffenstilstandsgrenze entlang, mit ihren Rettungsbooten kämpfen die Seeleute einmal monatlich um Segel-Ehren. Die Sieger erhalten von den Agfa-Werken gestiftete Kameras.
Mit 450 000 Mark beziffert die "Hamburg-Amerika Linie" den monatlichen Verlust durch das Festliegen ihres Schiffes. Kanal-Chef Nasser verliert noch mehr: jährlich 900 bis 1000 Millionen Mark an Kanalgebühren. Der geschädigte Nasser will nur räumen, wenn sich die Israelis vom Ostufer und damit aus Sinai zurückziehen. Das wiederum wollen die Israelis nur nach -- bisher von Nasser verweigerten -- zweiseitigen Friedensverhandlungen.
"Wir schätzen", so erklärt Ah Mahmoud, 50, ein Direktor der Suezkanal-Gesellschaft in Ismailia, "daß wir innerhalb von drei Monaten die Wracks aus dem Kanal beseitigen könnten. Nach groben Berechnungen würde uns die komplette Wiederherstellung des Kanals 80 Millionen Mark kosten."
Noch drohe der Kanal nicht zur versanden, behauptet der Ägypter. Aber Bagger und Schlepper, Flugzeuge und Barkassen liegen auf dem Grund des Kanals, "wieviel, das halten wir geheim". Signalanlagen und Überholstationen wurden von israelischen Jets und Panzer-Kanonen zertrümmert.
Den 230 Kanal-Lotsen, darunter Deutschen, Griechen und Polen, wurde von der Regierung gestattet, "bis zur Wiedereröffnung des Kanals" in ihre Heimatländer zurückzukehren. Ägyptens Kanal-Lotsen steuern unterdessen Schiffe in Aden, Port Sudan und Conakry.
Die restlichen Kanal-Bagger schürfen jetzt Sand aus den Häfen von Alexandrien und des syrischen Tartu. Selbst in Kuweit bemühen sich die devisenschwachen Ägypter um Bagger-Arbeit -- an ihrem eigenen Kanal wird derweil noch geschossen.
Bei eisgekühltem Gin-Tonic und aus Liegestühlen auf dem Sonnendeck beobachten die See-Kommunarden die Artilleriegefechte der Kanal-Anrainer. Als unlängst israelische Mirage-Jilger ägyptische Migs über dem Grollen Bittersee verfolgten, warf ein Ägypter seinen Zusatztank ab. Neben der deutschen "Nordwind" schlug der Kerosin-Behälter ins Wasser. Die Deutschen fischten ihn auf, "um daraus eine Boje zu basteln", aber ägyptische Polizisten holten den Tank vom Schiff.
Seit 15 Monaten meldet das Schiffstagebuch der Hamburger "Münsterland" dieselbe Position: 30 Grad 19,4 Minuten nördlicher Breite, 32 Grad 21,6 Minuten östlicher Länge. Wie lange noch, wagt der Kapitän nicht zu prophezeien: "Vielleicht drei Monate, vielleicht drei Jahre."

DER SPIEGEL 36/1968
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