12.08.1968

Reinhard Baumgart über Jürgen Neven-du Mont: „zum Beispiel 42 Deutsche“LANDSLEUTE WORTWÖRTLICH

Jürgen Neven-du Mont. 46, ist durch zahlreiche Fernsehreportagen ("Wie sehen uns die anderen?“, „Der Teufelskreis“, „Polen in Breslau") bekannt geworden. -- Reinhard Baumgart, 39, Erzähler ("Hausmusik") und Kritiker, veröffentlichte zuletzt den Essayband „Aussichten des Romans oder Hat Literatur Zukunft?“
Den Allensbach-, den Emnid- oder Infratestdeutschen, den kennen wir. Jede dritte Tageszeitung meldet, zu wieviel Prozent er sich für das oder gegen jenes entschieden hat. Was er in irgendeinem März von der CDU, von Ehebruch oder Urlaub im Ausland hält, das erfahren wir. Auch wenn ein neues Waschmittel, eine noch unschädlichere Zigarette auf dem Markt placiert werden soll, suchen ihn die Interviewer auf. Er ist ein Bündel von Meinungen und Kaufgewohnheiten, dieser Repräsentativdeutsche, die sind angeblich zählbar, er selbst jedenfalls bleibt unsichtbar.
Wir kennen natürlich auch unsere jeweils zufälligen deutschen Bekannten. Wir hören, noch zufälliger, gelegentlich deutsche zeitgenössische Geständnisse, Gespräche, Lebensgeschichten am Strand von Rimini oder in Zugabteilen. Vielleicht bilden wir uns auch ein, durch Martin Walser oder Böll oder Simmel über deutsche Mentalität, Katerstimmung und Glücksbedürfnisse zureichend unterrichtet zu sein. So sehr, denken wir also, können wir kaum noch überrascht werden durch den deutschen Zeitgenossen.
Aber selbst Neven-du Mont, obwohl doch von Berufs wegen in Kontakt mit Volkes Stimme, war überrascht, gesteht er, als er diese 42 Interviews mit Namenlosen zusammengetragen hatte (in Heidelberg übrigens, was er überdiskret verheimlicht -- es läßt sich erraten). Überrascht zunächst, weil die Befragten derart ungehemmt über sich und die Welt loslegten, denn beim Lesen seines amerikanischen Vorbilds (der Chicagoer Interviews von Studs Terkel) hatte er zunächst vermutet, so ohne Würgen und Befangenheit wie diese Amerikaner würden doch seine Landsleute kaum aus sich herausgehen.
Es muß aber für alle eine Lust gewesen sein, die eigene Person einmal so fast aktenkundig loszuwerden in Worten, ob quatschend oder dozierend, die Lebensgeschichte und Lebenserfahrung vorzutragen mit allem, was drin- und dranhängt: Kirche, Liebschaften, Hitler, Geschäft, der gelähmte Vater, Kunst und Ratenzahlung. Auf den ersten Blick also ein Tohuwabohu, was dieses Kollektiv aus Bäckern, Deutschnationalen, Zwanzigjährigen, Westfalen, Geschiedenen, Arbeitern, alten Fräuleins oder klassenbewußten Bildungsbürgern auf das Tonband einredet. Immerhin, es erhebt auch gar nicht den Anspruch, als sogenannter Repräsentativquerschnitt gehört zu werden.
Trotzdem ergeben sich beim Lesen dann doch mittlere Werte, wiederum überraschende. Ein Grundton von Depression, Unruhe, Ratlosigkeit zieht sich durch diese Aussagen. Dachte man nicht, ob selbstgefällig in Bonn oder frustriert an linksintellektuellen Schreibtischen, diese Bevölkerung wäre zufrieden mit sich und fast allem, eine Gemeinde von Bildlesern und Kleinsparern?
Aber selbst die, die ganz gebläht sind von ihrer sozusagen prima Tüchtig- oder Lustigkeit oder gar beidem, erleben immer wieder Risse in der kompletten Idylle. "Ich bin vielleicht ganz schön clever", sagt ein Selfmademan, der sich gleich im ersten Satz so nennt, "aber ich sage Ihnen: Wie soll das enden? Ich weiß es nicht ..." Woher also dieses Unbehagen?
Lebensprogramme werden zwar rüstig formuliert ("Augen aufmachen, feste sein überall, wo man hingestellt wird, gerade stehn, gerecht sein!"), und Gemütlichkeit, häusliches Glück drinnen, Ordnung draußen, das steht bei vielen hoch im Kurs, doch die Kosten dafür, das hört man heraus, sind zuweilen menschenunwürdig hoch: "Bloß keine großen Probleme, besser an die Hobbys denken", sagt ein Arbeiter. "Sonst geht das ganze Klima kaputt."
Ein solches "großes Problem" ist für fast alle immer noch die nationale Vergangenheit, der Nazismus, und worüber sie am Stammtisch gern schweigen, das bereden sie hier willig und ausführlich. Wer noch Hitlers Zeitgenosse war, kramt als Belege am liebsten seine eigenen Erinnerungen vor. "Alles okay bis auf den Krieg", summiert eine Buchhalterin für viele, und dann fällt ihr, als einziger selbsterlebter Beitrag zu "Furcht und Elend des Dritten Reiches", nur noch dies ein: als ihr Luftschutzwart einmal die Hausgemeinschaft andonnerte, "das war das einzige Mal, daß ich dachte: huch, wie unangenehm".
Nicht alle haben ein so glückliches Gedächtnis. Aber für keinen dieser blinden, halbblinden oder wachen Zeugen gibt es das Dritte Reich, jeder hat nur sein eigenes erlebt, und selten will diese Froschperspektive zur Deckung kommen mit dem, was man seitdem darüber weiß oder wissen könnte.
Das verstört selbst jenen geborenen Sanguiniker, der erst befindet: "Also, das waren ja wirklich bei aller Traurigkeit irgendwie auch drollige Zeiten sozusagen", aber dann eben fortfährt: "Wir machen nur das Beste draus und erzählen uns eben so die komischen Sachen, die damals passiert sind, denn wenn wir von den schlechten Dingen sprechen, dann fangen alle "an zu schweigen und trinken nicht mal mehr 'nen Schnaps."
Lieber nicht: Das zieht sich als Leitmotiv durch viele Interviews, dieses geduckte, brütende Schweigen, über Politik damals, Politik heute. Der "deutsche Michel", der "kleine Mann", sagen gerade die sogenannten kleinen Leute, der ist nicht reif für Demokratie. Noch immer sind sie die Geschöpfe der Adenauerschen Verachtung. "Von Politik versteh' ich sonst gar nichts. Bloß mit der Miete, das regt mich auf." Ein klassischer Satz, eine Fehlleistung, die den Zusammenhang zwischen der eigenen Lage und ihrer Verwaltung von oben beflissen durchschneidet.
Dabei, so träge oder erschöpft sie sich auch politisch äußern mögen, als Privat- und Alltagssoziologen sind allesamt hellwach. Wo jeweils oben und unten ist, mit welchen Nach- oder Vorteilen, daß sie also in einer Klassengesellschaft leben, das ist jedem in jeder Situation, noch in der unscheinbarsten, deutlich.
Eine Blumenfrau testet das Verhältnis von Einkommen und Höflichkeit auf der abendlichen Lokalrunde, die Blumenbinderin arbeitete gern nur für die reicheren Särge: "Da hat man nicht so die Blumen abzählen müssen wie bei den armen Leute, da hat man frei nach Geschmack arbeiten können." Aufgeräumt plaudert ein Vorarbeiter über die Hackordnung im Betrieb. Der Selfmademan berichtet, wie es zu seinem Ehekontrakt kam: "Als ich damals meinem Schwiegervater meine Visitenkarte auf den Tisch legte, hat er zu seiner Tochter gesagt: 'Den kannst du nehmen, der taugt was.'"
Da werden Balladen erzählt, Lebenskatastrophen lakonisch auf vier oder fünf Sätze zusammengerafft, Kurzporträts umrissen, Personen unvergeßlich in zwei oder drei Eigenheiten überliefert, daß mancher berufsmäßige Erzählvirtuose irre werden könnte an seinem Einfühlungshandwerk. Gerade was den Amateuren sprachlich danebengeht, trifft um so genauer die Sache: "Zu Hause, die haben mich zuerst gar nicht erkannt, so alt war ich geworden. Aber nur durch die Strapazen." Wie könnte die heimkehrende Heimkehrerin ihren trüben Optimismus besser und knapper ausdrücken?
Wo sich aber statt spontaner, naiver Rede ein Hohebeamten-, Betriebsleiter- oder Pfarrersdeutsch ausbreitet, da stört daran gerade die sogenannte Bildung, eine Eloquenz aus dritter und vierter Hand, die mit Hausmacherphilosophie der eigenen Erfahrung ein paar Gereimtheiten, ein Weltbild aufzwingen möchte. Von "russischer Seele" oder vom "stillen Glück der Sexualität" reden diese Leute flüssiger, lieber als von sich. Spannend wird das nur, wenn dann gerade die Selbstrechtfertigung umschlägt in Selbstverrat: "Antisemitismus, das haben wir gar nicht gekannt. Wir sind auch mit Mendelssohn-Bartholdy verwandt. Das war einfach das Niveau in diesen Kreisen des geistigen Bürgertums."
Doch Vorsicht: So schnell hat man keinen dieser Sprecher in der Tasche. Nicht längst klischierte Typen kommen hier zu Wort -- der Arbeiter mit dem Gartenzwergbewußtsein, der niveauvolle Herrenmensch -, sondern kraß gemischte Personen, und wie deren Bewußtsein und Rede Haken schlagen: Wenn ein NPD-Mensch hochachtend von der DDR spricht, wenn die schlichte, sanft lebensmüde Jungkellnerin Hitler in Schutz nimmt gegen sein Personal -- das darf man wohl unbewußte Dialektik nennen, aufregender als manche landläufige Belletristik mit ihren schlanken, zügigen, widerspruchsfreien Abbildern.
Wer zeitgenössische Gesellschaft, zeitgenössische Seelen kennenlernen will, und zwar in der faßlichsten Form, demonstriert in Geschichten und an Personen, der sollte sich an diese Heidelberger und an die "Bottroper Protokolle" halten, die eben in der "edition suhrkamp" erschienen sind. In Schulen, wo Gemeinschaftskunde ernstgenommen wird, könnte aus solchen Büchern mehr gelernt werden als aus dem Grundgesetz.

DER SPIEGEL 33/1968
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