16.09.1968

EINMAL DIE WOCHE BEICHTET DER PAPST

Die Bewohner des 0,44 Quadratkilometer großen Vatikanstaates leben ein wenig wie Aschenputtel. Um Mitternacht müssen sie zu Hause sein -- genauer gesagt, schon um 23 Uhr 30, Kommen sie später, sind die vatikanischen Pforten geschlossen, und sie müssen läuten oder kräftig klopfen, dann öffnet der Schweizergardist den Nebeneingang oder, für Autos, das große Tor. Alle, die keine Sondergenehmigung für späteres Heimkommen haben -- vor allem Jugendliche -, werden gemeldet und haben am folgenden Tag mit Unannehmlichkeiten zu rechnen.
Andererseits lebt man im Vatikan wie im Schlaraffenland, Jedenfalls sozusagen zum halben Preis, denn Bürger des Vatikanstaats zu sein hat viele Vorteile.
Auszug aus dem Buch "So lebt der Papst" von Curtis Bill Pepper, das demnächst im Econ-Verlag, Düsseldorf, erscheint. Nach der letzten Zählung (1967) wohnen im Vatikan insgesamt 733 Pensionen. Aber nur 419 besitzen die vatikanische Staatsangehörigkeit: 27 Kardinäle, 27 Erzbischöfe, Bischöfe, Prälaten, 12 Ordensleute, 54 Schweizergardisten, 151 päpstliche Gendarmen und 148 Zivilpersonen.
Der Vatikanbürger braucht keine Steuern zu zahlen und keinen Zoll. Infolgedessen sind Nahrungsmittel, Bekleidung und Spielsachen billiger als "draußen" in Rom. Sofern man aus dienstlichen Gründen im Vatikan wohnen muß, braucht man keine Miete zu zahlen und lebt mitten in der Stadt so ruhig wie auf dem Lande.
Auch das Benzin ist nur halb so teuer wie sonst überall in Italien: sogar die Strafzettel der Polizei sind hier preiswerter: Eine Verwarnung wegen Geschwindigkeitsüberschreitung kostet umgerechnet etwa zwei Mark, "draußen" aber ungefähr zehnmal soviel. Alles ist niedriger -- allerdings auch die Höchstgeschwindigkeit; 80 Stundenkilometer.
Die jungen Männer werden nicht zum Militärdienst in der italienischen Armee herangezogen. Nach dem Schulabschluß stehen ihnen im Vatikan die verschiedensten Berufe offen. Einige sind aussichtsreich, aber mit viel Arbeit verbunden; andere eignen sich für diejenigen, die angenehm leben wollen, aber wenig Ehrgeiz haben.
Johannes XXIII. wurde einmal von einem Besucher gefragt: "Heiliger Vater, wie viele Menschen arbeiten eigentlich im Vatikan?"
"Etwa die Hälfte", meinte der Papst. Pius IX. wurde eines Tages von seinem Leibarzt um Rat in einer persönlichen Angelegenheit gebeten. "Heiliger Vater, ich habe einen fast erwachsenen Sohn, der weder studieren will noch sonst irgendwelche Vorstellungen von seinem künftigen Beruf hat. Wenn es nach ihm ginge, würde er sich den ganzen Tag lang nur über die Jagd unterhalten ..."
"Ich weiß, worauf Sie hinauswollen", unterbrach ihn der Papst. "Sie möchten, daß ich Ihrem Sohn einen Posten im Vatikan verschaffe."
Die Jungen und Mädchen sind nämlich nur bis zu ihrem 25, Lebensjahr Bürger des Vatikanstaates, darüber hinaus nur noch dann, wenn sie ständig innerhalb der Mauern wohnen und arbeiten.
Mitten in Rom wohnt man im Vatikan wie in einer Kleinstadt oder -- wie fremde Besucher oft meinen -- wie in einer Filmstadt.
Wo sonst in der Welt kauft man beim Metzger zusammen mit einem Soldaten in der Uniform aus der Zeit Napoleons I. ein? Wo sonst steht in der Apotheke ein Angehöriger der Ehrengarde neben dir und fragt nach Tabletten gegen Kopfschmerzen? Wo kommt man vom Bäcker mit frischen Frühstückssemmeln und stößt vor der Tür auf Schweizergardisten, die, ihre Hellebarden lässig unter dem Arm, einen Boxkampf diskutieren?
Der größte Teil des Städtchens drängt sich auf einem Teil jener quadratischen Fläche zusammen, die sich von der Rückfront des Apostolischen Palastes bis zur Nordmauer erstreckt. Das "Rathaus" liegt auf dem Hügel hinter St. Peter -- das heißt, es gibt eigentlich gar kein Rathaus; die Stadtverwaltung ist in einigen Räumen des Gouverneurspalastes untergebracht.
Hiermit jeder Einwohner der Stadt in einer Kartei erfaßt, die Hunde indessen nicht. Wie Fernando Musa vom Einwohnermeldeamt erklärt, gibt es im ganzen Staat nur fünf Hunde, "Wir kennen sie alle mit Namen und erkennen sie mit einem Blick, selbst wenn nur der Schwanz aus einem Versteck herausschaut." Im übrigen müssen Hunde stets an der Leine geführt werden, denn wie sollte man ihnen beibringen, daß sie nicht an der weißen Soutane des Papstes emporspringen dürfen?
Bürgermeister ist der Papst, obwohl er nicht so genannt wird. Dafür hat er genügend andere Titel. Er ist Bischof von Rom, Statthalter Jesu Christi, Nachfolger des Apostelfürsten, Pontifex Maximus der Weltkirche, Patriarch des Abendlandes, Primas von Italien, Metropolit und Erzbischof der Provinz Rom und Staatsoberhaupt des Vatikanstaats. Aber all diese Titel sind ungebräuchlich. Der Papst unterschreibt im allgemeinen nur mit seinem Namen und "PP" dahinter, die Abkürzung für "papa".
Wie in jeder Kleinstadt, kennt auch hier jeder jeden, den Papst eingeschlossen. Der Kaufmann an der Ecke weiß, daß der Heilige Vater neulich zum erstenmal Popcorn gekostet hat und daß er seinen Sekretär zu dessen Geburtstag am nächsten Donnerstag mit einer Torte überraschen will. Man erzählt sich, daß der Heilige Vater Heuschnupfen hat und in der Apotheke ein Antihistamin-Mittel holen ließ. Auf der Post erfährt man, daß er einem kranken kleinen Mädchen in Venedig telegraphisch seine Genesungswünsche übermittelt hat.
Die Telephonnummer des Papstes ist 3101. Die Teilnehmer des vatikanischen Telephonnetzes erreichen aber den Papst -- mit wenigen Ausnahmen -nur über die Vermittlung der Zentrale. Für alle Anrufe von außerhalb ist diese Nummer gesperrt.
Einige Päpste fanden das Telephonieren ausgesprochen praktisch, andere konnten sich nicht recht daran gewöhnen, Papst Plus XI. zum Beispiel bekam aus den USA ein goldenes Telephon geschenkt; er stellte es in seine Bibliothek -- aber es läutete nie, denn es war gar nicht angeschlossen. Plus XII. dagegen telephonierte häufig. Er fand, daß sich auf diese Weise viele Dinge schneller erledigen ließen. Er pflegte den Hörer seines weißen Telephons abzunehmen und sich mit "Qui Pacelli" ("Hier Pacelli") zu melden.
Paul VI. wiederum telephoniert weniger -- mit Teilnehmern außerhalb des Vatikans durchschnittlich nicht öfter als fünfmal am Tag. Er diktiert viel lieber Aktennotizen, schreibt Briefe und empfängt die Menschen persönlich.
Der Vatikan ist seit Erfindung des Telephons immer mit den modernsten technischen Einrichtungen ausgestattet. Bereits 1886 wurde unter Leo XIII, in der Vatikanischen Bibliothek die erste automatische Fernsprechvermittlung installiert, eine Erfindung des römischen Elektrotechnikers Gian Battista Marzi. (In den USA wurde sie erst fünf Jahre später eingeführt.) Heute arbeitet die Zentrale im Vatikan mit einem elektronischen Drucktastensystem. Kein Kabel, kein Steckkontakt ist zu sehen.
Sechs Angehörige der "Don-Orione-Gesellschaft" bedienen eine Doppelreihe von Schaltpulten mit weißen Knöpfen; wählt man die Nummer 6982, so melden sie sich mit "Vaticano" und verbinden die ankommenden Gespräche mit einem der über zweitausend Anschlüsse innerhalb des Vatikans. Von Rom sowie von den mit Rom in automatischer Durchwahl verbundenen Telephonnetzen -- darunter auch große Teile des bundesdeutschen -- kann man die Nummer des einzelnen Teilnehmers im Vatikan direkt durchwählen, indem man im Anschluß an die Nummer des Vatikans (898) gleich die seiner Nebenstelle wählt.
Noch vor der modernen Vollautomatisierung im Jahre 1966 hatte die Vatikanzentrale jährlich rund fünf Millionen Gespräche zu vermitteln: innerhalb des Vatikans, zwischen dem Vatikan und Rom oder Italien und anderen Ländern.
Eine ständig anschwellende Woge von Postsachen bricht jeden Tag über das Hauptpostamt des Vatikans herein, Die Papstreisen haben geradezu eine Hochflut von Zuschriften ausgelöst. 36 Postangestellte müssen jeden Morgen 20 Säcke mit Briefen im Gewicht von insgesamt 700 Pfund bewältigen.
Vier Briefträger -- drei innerhalb der Vatikanstadt, einer für die exterritorialen Anwesen in Rom -- tragen die Post aus. Teilweise wird sie aber auch durch Rohrpost befördert. Außerdem gibt es noch eine altmodische Form der Briefzustellung: Aus manchem Palastfenster wird noch heute, wenn der Postbote kommt, ein Korb an einem Seil herabgelassen.
Doppelt soviel Post geht täglich in die Welt hinaus. Fast jeder Tourist, der den Petersdom und die Museen besucht, schickt von hier aus Grußkarten nach Hause, frankiert mit den von vielen Sammlern begehrten Briefmarken, die man bei den vier Vatikan-Postämtern kaufen kann.
Lebensmittel kaufen die Vatikanbürger in der Annona. Sie gleicht einem Supermarkt und ist in vier Abteilungen gegliedert: Fleisch- und Wurstwaren, Lebensmittel, Gemüse und Obst, Weine und Spirituosen. Gemüse und Obst, Milch, Eier und Käse kommen täglich mit Autotransporten vom päpstlichen Gutshof Castel Gandolfo herein, Alle Waren werden zum Selbstkostenpreis abgegeben.
Alle Einwohner des Vatikans und ihre Familienangehörigen dürfen hier einkaufen; ebenso die diplomatischen Vertreter der 85 Nationen, die beim Heiligen Stuhl akkreditiert sind. Das sind insgesamt etwa 3100 Kunden,
Der Vatikan kann selbst Strom erzeugen und hat auch ein eigenes Heizwerk. Die thermoelektrische Anlage neben der Druckerei des "Osservatore Romano" leistet 6400 Kilowatt. Normalerweise bezieht der Vatikan die elektrische Energie von italienischen Kraftwerken. Das reicht für den täglichen Bedarf aus, nicht aber für die volle Beleuchtung des Domes oder für Fernsehaufnahmen, wofür bis zu 3500 Kilowatt benötigt werden. Zu diesem Zweck läßt der Vatikan die eigenen Generatoren arbeiten.
Auch für die Operation des Papstes, bei der Stromschwankungen oder Stromausfall unbedingt ausgeschlossen werden mußten, lieferte das Vatikan-eigene Kraftwerk zusätzlich Strom. Die Privatwohnung des Papstes wird durch ein anderes Kraftwerk mi Apostolischen Palast versorgt,
Eines Tages traten kurz vor Beginn einer großen Zeremonie im Petersdom die Angestellten der italienischen Kraftwerke in Streik. Die Stadt lag im Dunkeln. und der Vatikan hatte nicht genügend Strom, um den ganzen Dom zu erhellen. Der Direktor des vatikanischen Werkes appellierte an die Streikenden: Ob sie nicht wenigstens für den Dom Strom liefern könnten? "Ja", war die Antwort, "Papst Johannes hat uns so viel Licht gebracht. Wir wollen ihm etwas davon wiedergeben."
Im "Osservatore Romano", der Tageszeitung des Vatikans, gibt es keine Comics und keine Kreuzworträtsel; aber von Moskau bis Mexiko studieren Politiker und Sachverständige für Kirchenfragen die Zeitung genau. Wie alle Kleinstadtblätter, hat auch der "Osservatore Romano" den Ehrgeiz, über alles zu berichten, was im Vatikan vorgeht, auch über die täglichen Besucher des Papstes. Der "Römische Beobachter" ist auf italienisch geschrieben, doch wenn der Papst eine Rede auf lateinisch gehalten hat, wird sie original wiedergegeben.
Manchmal erscheinen sogar die Inserate auf lateinisch, Ein Leihwagenunternehmen kündigt an, daß seine Fahrzeuge "securitatem amplius" (die größte Sicherheit) bieten und "apertim conditionibus" (zu den günstigsten Bedingungen) zu mieten sind.
Neben der Zeitungsdruckerei steht ein Gebäude, in dem früher die Pferde der Nobelgarde untergebracht waren. Heute befindet sich hier eine der interessantesten und leistungsfähigsten Druckereien der Welt, die Polyglotta. Sie druckt alles, was der Vatikan herausgibt, mit Ausnahme des "Osservatore Romano" und des weniger offiziellen Sonntagsblattes "L'Osservatore della Domenica".
Mit 40 verschiedenen Schriften kann die Polyglotta praktisch Texte in allen toten und lebenden Sprachen drucken, Gälisch, Koptisch, Tibetisch, Altkirchenslawisch, Georgisch, Tamil oder Gotisch. Sie verfügt allein über neun griechische Schrifttypen, sieben arabische, vier hebräische, drei syrische, zwei armenische und selbst* Druckerei der Vatikan-Tageszeitung "Osservatore Romano".
verständlich auch über die Sanskritschrift.
Im zweiten Stock arbeitet eine Geheimabteilung. Hinter verschlossenen Türen werden vertrauliche Mitteilungen des Papstes für die Kurie, für seine Bischöfe und für ausländische Mächte gesetzt, oder eine Enzyklika, die, In vielen Sprachen gedruckt, vorliegen muß, ehe der Papst sie öffentlich bekanntgibt.
Die Drucker, die hier beschäftigt sind, gehören zu den wichtigsten Geheimnisträgern des Vatikans und gelten als besonders verschwiegen. Sie wissen Dinge, die die Welt erst viel später erfahren wird, vielleicht auch nie.
Es gibt auch eine Art Hotel in der Vatikanstadt, das St.-Marta-Hospiz. Es hat 300 Zimmer und einen Speisesaal. Die Schwestern, die das Hospiz unterhalten, beherbergen fast ausschließlich Pilgergruppen von zehn bis zu hundert Personen, Zimmer und Vollpension sind etwa halb so teuer wie in einer billigen Unterkunft in Rom.
Aber man merkt, daß man sich in einem kirchlichen Quartier befindet: Pünktlich um 22 Uhr schließt das Hospiz seine Pforte, Wer ins Kino oder in die Oper gehen will, muß gleich bis zum Morgen ausbleiben; vor halb sechs wird niemand eingelassen.
Der Tag des Papstes beginnt, lange bevor die meisten Bewohner Roms erwacht sind, und endet, lange nachdem die meisten sich zur Ruhe gelegt haben. Mehr als zwei Stunden seines 19-Stunden-Tages verbringt der Papst im Gebet und mit liturgischen Exerzitien. Ohne geweckt werden zu müssen, erwacht Papst Paul meistens schon vor 6.30 Uhr.
Nach dem Aufstehen kniet er nieder zum Gebet. Auch während er sich anzieht und rasiert, setzt er sein stilles Gebet fort. Er benutzt einen elektrischen Rasierapparat und bürstet das Paar mit einer Bürste aus Schweinsborsten, die er schon seit vielen Jahren besitzt.
Seine Garderobe ist weniger auffällig als die eines Kardinals und vieler Bischöfe; sie besteht nur aus einigen weißen Soutanen, leichte und warme, einem roten und einem weißen Mantello oder Überrock, einigen weißen Käppchen, einem roten Schulterumhang, einem roten Hut -- das ist schon alles.
Zu Meinem Ornat als Bischof von Rom gehören einige Ringe, aber die meisten von ihnen sind nicht einmal hundert Mark wert. Gewöhnlich trägt er einen goldenen Ring, gleich dem aus Silber, den er allen Konzilsvätern geschenkt hat. Fast alle seine persönlichen Wertgegenstände hat er weggegeben: Tiara, Ringe, Brustkreuz,
Um 7.15 Uhr zelebriert der Papst die Messe in seiner Privatkapelle. Daran nehmen seine beiden Sekretäre teil, Monsignori Bruno Bossi und Pasquale Macchi, der seit 1954 sein vertrauter Helfer ist. An Sonn- und Feiertagen sind auch die vier Ordensschwestern, die den Haushalt des Papstes führen, und sein persönlicher Diener, Franco Ghezzi, dabei.
Papst Paul beendet die Messe nach etwa 25 Minuten. Eine anschließende zweite Messe hält sein Sekretär, während der Heilige Vater vor dem Altar kniet. Danach lesen beide im Brevier eine Reihe von Gebeten, Hymnen und Lektionen, wie sie alle katholischen Priester der Welt alltäglich lesen.
Ungefähr um 8.40 Uhr beginnt das Frühstück nach italienischer Art: frische Semmeln aus der Bäckerei des Vatikans, Kaffee mit Milch, Dabei überfliegt der Papst die Morgenzeitungen. Anschließend begibt er sich in sein Arbeitszimmer, das an den Schlafraum angrenzt, studiert seinen Tagesplan und korrigiert gern noch ein wenig an den letzten Briefen vom Abend zuvor.
Gegen zehn Uhr fährt er mit dem Lift ein Stockwerk tiefer in sein offizielles Arbeitszimmer, wo er jeden Vormittag mit Ausnahme des Sonntags arbeitet. Dieser Raum wird "biblioteca" oder "Audienzbibliothek" (früher: "Privatbibliothek des Papstes") genannt -- nicht zu verwechseln mit seiner privaten Bibliothek, die etwa 26 000 Bände umfaßt und teils in seinen Privaträumen, teils in einem Zwischengeschoß zwischen der zweiten und dritten Etage untergebracht Ist, zusammen mit dem Archiv seiner persönlichen Dokumente und Briefe sowie den Büroräumen für seine Sekretäre.
Die Audienzbibliothek ist ein großer Raum mit drei hohen Fenstern In Richtung Petersplatz, Die eintretenden Besucher sehen den Heiligen Vater sogleich zu ihrer Rechten,
Zwei Holzstatuen langbärtiger Propheten flankieren den Schreibtisch des Papstes am hinteren Ende des großen Raumes. Auf der rechten Seite des Schreibtisches stehen eine goldene Tischuhr und ein goldener Tintenlöscher, daneben liegen eine Schere und ein Brieföffner in rotem Lederetui. In Reichweite stehen sieben Bücher, fast alles Kompendien, darunter das Vatikan-Jahrbuch, ein Bibel-Index und ein Brevier.
Der erste Besucher an jedem Morgen Ist der Staatssekretär oder Substitut im Staatssekretariat. Das Staatssekretariat mit seinen rund 140 Mitarbeitern ist der Verwaltungsapparat des Papstes. Während des Pontifikats seiner Vorgänger hat Paul VI., damals Kardinal Montini, dreißig Jahre lang selbst im Staatssekretariat gearbeitet.
Diesen Besprechungen, die etwa eine halbe Stunde dauern, folgen weitere mit Kardinälen, Bischöfen, Diplomaten und Politikern, die Rom besuchen. Die Zeit reicht oft nicht aus, um alle Besucher einzeln zu empfangen. Viele werden daher zu einer halbprivaten Sonderaudienz geladen, die kurz vor Mittag in elf von den zwölf Vorräumen des päpstlichen Arbeitszimmers stattfindet.
Es hängt von der Länge der Vormittagsaudienzen ab, wann der Papst in seine Privaträume zurückkehrt, um gegen 13.20 Uhr zu Tisch zu gehen. Seine beiden Sekretäre leisten ihm Gesellschaft, manchmal auch ein auswärtiger Besucher,
Jahrhundertelang haben die Päpste ihre Mahlzeiten allein eingenommen. Johannes XXIII. war dann wohl der erste Papste der freimütig erklärte, er finde es trübsinnig, allein bei Tisch sitzen zu müssen. "Ich habe In der Bibel nirgendwo gelesen, daß ein Papst allein essen müsse", rechtfertigte er die Neuerung sehr überzeugend.
Paul VI. liebt lombardische Gerichte und Weine aus Norditalien: Barbaresco, Barbera, Barolo. Nach dem Mittagessen hört er die Nachrichten, dann pflegt er eine oder anderthalb Stunden zu ruhen.
Um 10 Uhr beginnt für ihn die zweite Hälfte des Arbeitstages, und zwar wieder mit einem Gebet. In seiner Kapelle oder während er auf seiner Dachterrasse, die er über seiner Wohnung im Apostolischen Palast bauen ließ, auf und ab geht, liest er das Mittagsoffizium und das Vespergebet. Danach trinkt er einen starken Espresso und begibt sich In sein Arbeitszimmer.
Papst Paul arbeitet an seinem Schreibtisch in der Regel bis 20.30 Uhr. Im Unterschied zu der nicht genau festgelegten Zeit des Mittagessens nimmt er das Abendessen stets pünktlich ein. Danach bleibt er gern noch eine Weile am Tisch sitzen, um im Fernsehen die Tagesschau zu sehen. Auch dabei hat er oft Gäste.
Nach dem Essen betet der Papst den Rolenkrans. Manchmal hört er anschließend Musik, die von einer Stereo-Arilage übertragen wird -- Bach, Beethoven, Vivaldi, Mozart und sogar * Im zweiten und dritten Stock des Palastes befinden sich die Arbeite- und Privaträume Papst Faule VI.
Gershwin. Es gibt auch einen Raum für Filmvorführungen, aber der Papst sieht nur selten einen Film.
Gegen 21.30 Uhr ist er meist wieder in seinem Arbeitszimmer. Monsignore Macchi bleibt noch ein bis zwei Stunden bei ihm, assistiert Ihm beim Verfassen besonders wichtiger Texte oder bei anderen Arbeiten. Nachdem er seinen Sekretär In seine Privatwohnung geschickt hat, bleibt der Papst noch ein paar Stunden allein an seinem Schreibtisch. Oft setzt er sich selbst noch an die elektrische Schreibmaschine.
Mitternacht ist längst vorüber, wenn der Papst seinen Arbeitsplatz verläßt. Er geht den Korridor hinunter, betritt die Kapelle und kniet noch einmal zum Gebet nieder.
Einmal In der Woche beichtet der Papst. Dann bekennt derjenige, der sich "Diener der Diener Gottes" nennt, was er In Gedanken, mit Worten und Werken und durch Unterlassungen gesündigt hat. Er spricht die Worte, die jedes katholische Kind kennt: "Diese und alle meine Sünden sind mir wegen Gott von Herzen leid. Ich will mich ernstlich bessern und bitte um Buße und Lossprechung. Amen."
Er hört den Rat seines Beichtvaters, was er zum Heil seiner Seele zu tun habe, und nimmt ihn demütig an.
Es gab Zeiten, da die Päpste über die Ermahnungen des Beichtvaters verärgert Waren. Plus VI. unterbrach auf seinem Sterbebett den Pater, der ihm eine allzu lange Bußpredigt hielt, mit den Worten: "Du bist ein frommer Langweiler."
Von Curtis Bill Pepper

DER SPIEGEL 38/1968
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


Video 03:13

Extreme Trockenheit Die Mini-Sahara von Brandenburg

  • Video "Extreme Trockenheit: Autofahrer filmt Sandstürme in Polen" Video 00:50
    Extreme Trockenheit: Autofahrer filmt Sandstürme in Polen
  • Video "Safari-Video: Leopard schnappt Vogel aus der Luft" Video 00:53
    Safari-Video: Leopard schnappt Vogel aus der Luft
  • Video "Propaganda-Parade: China präsentiert neuen Lenkwaffenzerstörer" Video 01:02
    Propaganda-Parade: China präsentiert neuen Lenkwaffenzerstörer
  • Video "Videoanalyse: Irre Ziele gehören zum Prinzip Tesla dazu" Video 02:35
    Videoanalyse: "Irre Ziele gehören zum Prinzip Tesla dazu"
  • Video "Amateurvideo: Weichenstellung auf der Einschienenbahn" Video 01:38
    Amateurvideo: Weichenstellung auf der Einschienenbahn
  • Video "Amal Clooney vor der Uno: Dies ist Ihr Nürnberg-Moment" Video 01:29
    Amal Clooney vor der Uno: "Dies ist Ihr Nürnberg-Moment"
  • Video "Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter" Video 02:21
    Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter
  • Video "Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool" Video 00:51
    Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool
  • Video "Istanbul: Wohnhaus stürzt Abhang hinunter" Video 00:48
    Istanbul: Wohnhaus stürzt Abhang hinunter
  • Video "Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe" Video 01:51
    Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe
  • Video "Fotograf trifft Felsenpython: Die tut nix, die will nur beißen" Video 50:00
    Fotograf trifft Felsenpython: Die tut nix, die will nur beißen
  • Video "Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante" Video 06:24
    Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante
  • Video "Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt" Video 01:09
    Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt
  • Video "Mobilitäts-Konzept: Der Innercity-Intercity-Airport" Video 03:45
    Mobilitäts-Konzept: Der Innercity-Intercity-Airport
  • Video "Extreme Trockenheit: Die Mini-Sahara von Brandenburg" Video 03:13
    Extreme Trockenheit: Die Mini-Sahara von Brandenburg