16.09.1968

NEGER / USASchwarz ist schön

Kisa kukiona baiti kufana yasiwe marefu yakwe mwanamanga ..." In einer New Yorker Schule singen schwarze Schüler dieses Liebeslied ihrer afrikanischen Vorfahren. Sie sind Amerikaner, sie singen in Kisuaheli, der wichtigsten Sprache Ost- und Zentralafrikas.
Farbige Amerikanerinnen wandeln in langen, buntbedruckten Gewändern durch die Avenuen von Manhattan. Farbige US-Bürger trommeln auf Tamtams, kleiden sich in farbige -- hemdähnliche -- Yar-chikis und Bubas. Ihre Kinder taufen sie nicht mehr Jack und Jane, sondern Bobo und Anyke.
Enttäuscht vom Kampf um Gleichberechtigung im konservativen Amerika, suchen immer mehr Farbige neues Selbstbewußtsein in der afrikanischen Geschichte. Statt Integration erstreben sie jetzt Besinnung auf Ihre historische Identität, statt vom American way of life träumen sie von einer eigenen schwarzen Welt.
"Neger" möchten sie nicht länger sein, ermittelte das Farbigen-Blatt "Jet" in einer Umfrage. 37 Prozent der Befragten wollen "Afro-American" und 22 Prozent "black" genannt werden. "Denn Neger", 50 erklärte Jesse Walker, der Chefredakteur der "Amsterdam News" im New Yorker Stadtteil Harlem, "ist ein Wort, das uns die Angelsachsen angehängt haben."
Schon einmal, Ende des 18. Jahrhunderts, hatten sich Amerikas Neger "Afrikaner" genannt. Als aber die 1816 gegründete weiße "American Colonization Society" die freien Neger nach Afrika abschieben wollte, wurde das Wort "African" eine psychologische Belastung. Die "Africans" wollten jetzt lieber "Neger" oder "coloureds", nicht Afrikaner, sondern Amerikaner sein. Nur rund 15 000 Farbige, meist freigelassene Sklaven, reisten in die Urheimat zurück: Sie gründeten 1847 an der Westküste den Staat Liberia.
Etwa 400 000 US-Neger kämpften Im Ersten Weltkrieg für die USA. Als sie aus der Schlacht zurückkamen" wurden sie für ihren Einsatz weder sozial noch politisch belohnt. Enttäuscht glaubten nun viele Schwarze an den aus Jamaika eingewanderten Marcus Aurelius Garvey. Er propagierte die Rückkehr nach Afrika und die Gründung eines großen schwarzen Reiches. "Up, you mighty race", vorwärts, große Rasse, trommelte er.
1920 ernannte Garvey sich selbst zum "Provisorischen Präsidenten von Afrika" und stiftete eine Kirche mit schwarzer Madonna und schwarzem Christus. Zwei Millionen Neger etwa zählte seine Gefolgschaft. Mit der "Black Star Line" wollte er sie nach Afrika bringen.
Garvey scheiterte, doch seine Träume blieben. Immer häufiger sahen Amerikas Farbige selbstbewußte Staatschefs afrikanischer Länder in Nationalgewändern bei den weißen Politikern in Washington und in der New Yorker Uno-Zentrale.
Mit der nationalen Unabhängigkeit Afrikas kehrte die Romantisierung und Idealisierung des schwarzen Kontinents wieder zu den Negern in die USA zurück, jetzt gefördert durch Nkrumahs Ghana, das vor allem in den schwarzen Gettos des Nordens eine eifrige schwarze Kultur-Propaganda betrieb.
Schon im November 1966 hatte sich in Harlem ein "Government in exile" eines imaginären zukünftigen schwarzen Separatstaats gebildet. Die Kabinettsliste -- mit vornehmlich afrikanischen Namen -- schmückte die Mauern von Harlem.
Im Afrika-Kulturzentrum in Harlem lauschen Farbige jetzt Vorträgen über afrikanische Kultur, studieren Familien gemeinsam afrikanische Sprachen. Michael Olatunji, aus Nigeria stammender Chef des "Center for African Culture": "Sie versuchen sich selbst zu finden."
Farbige US-Intellektuelle aber, die Ghanas Nkrumah nach der Unabhängigkeitserklärung seines Landes aus den USA geholt hatte, waren häufig enttäuscht über die wenig sozialistische, oft höchst korrupte Wirklichkeit Afrikas. Andere, weniger Ideologisch oder idealistisch eingestellte US-Neger zogen sich auf das stolze Bewußtsein zurück, aus einer höher entwickelten Gesellschaft zu kommen.
In der "Harlem Prep", einer Förderschule für Farbige, aber fragt Geschichtslehrer Josef Ben-Jochannan: "Was machte Europa Afrika überlegen?" Er selbst gibt die Antwort: "Schießpulver, nicht überlegener Intellekt."
"Ich erzähle den Jugendlichen", so der aus Äthiopien stammende Lehrer, "von alten schwarzen Ägyptern wie Imhotep, ich erzähle ihnen von den drei Afrikanern, die dazu beitrugen, aus dem Christentum das zu machen, was es heute ist: Tertullian, Cyprian und Augustin. Ich erzähle ihnen von schwarzen römischen Kaisern wie Septimius Severus und Caracalla."
"Immer mehr Negerfrauen", berichtete die Farbigen-Zeitschrift "Ebony", tragen ihre Haartracht jetzt im "natural look" -- kraus. Sie verzichten auf chemische Präparate und den Gang zum Friseur, sie lassen ihre Haare nicht mehr künstlich glätten. "Unsere Frauen haben sich in diesem Land mit ihrem Haar immer so angestellt", so die farbige Sängerin Abbey Lincoln, "doch diese Zeit geht zu Ende."
In Chicagos Hyde Park verkauft die Boutique "The African Look" afrikanische Garderobe, in New Yorks Seventh Avenue bieten zahlreiche Geschäfte Holzschnitzereien, handgemachte Ohrringe und afrikanische Gewänder an.
"Black is beautiful", Schwarz ist schön, ist der neue Slogan vieler farbiger US-Bürger. In kleinen Restaurants hängen Tafeln in den Fenstern und verweisen auf "soul food", die richtige Mahlzeit für den schwarzen Mann -- etwa Hühnchen und Maisbrot.
Farbige Maler ziehen in Scharen nach Harlem und malen das schwarze Leben in Bunt. Zahlreiche Kunstgalerien wurden dort eröffnet. "Jahrelang habe ich Stilleben und Landschaften gemalt und nichts verkauft", klagte die Künstlerin Enid Richardson. Jetzt malt sie schwarze Kinder und verkauft.
Als erste amerikanische Oberschule unterrichtet die Taft High School ihre Schüler auch in Kisuaheli -- andere Lehranstalten wollen dem Beispiel folgen. " Wann unterrichten Sie Menschenfresserei?" fragte ein empörter weißer New Yorker den Schuldirektor Linville.
Kisuaheli-Lehrer Peter Makau aus Kenia hat andere Probleme. Das Lied der Bürgerrechtsbewegung "We shall overcome", kann er noch übersetzen: "Tutashinda". Für "Black Power", schwarze Macht, gibt es in Kisuaheli keine entsprechenden Worte.

DER SPIEGEL 38/1968
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