19.08.1968

SCHRIFTSTELLER / ANAïS NINLinse des Lasters

"Sie gehören in eine andere Welt", schrieb Henry Miller in einem Brief an seine Freundin Anaïs Nin und riet ihr: "Hüten Sie sich vor Ihrer Vernunft, Ihrem Verstand ... Kultivieren Sie den Wahnsinn ... Sprechen Sie alles aus!"
Diesen Rat hat die schöne Anais, Tochter des spanischen Komponisten und Pianisten Joaquin Nin und einer dänischen Sängerin, immer beherzigt. Sie verschmähte zeitlebens die "kleine Dosis", sie wollte "nur für die Ekstase leben", sie liebte nur "das Außerordentliche" und brachte es auch hervor:
Anais Nin, etwa 65, Autorin von fünf Romanen, einem Band Erzählungen und einer Studie über David Herbert Lawrence, hat mittlerweile ein Tagebuch von 15 000 (fünf zehntausend) Schreibmaschinenseiten zusammengetippt -- ein "monumentales Bekenntnis", dem zumindest Freund Henry Miller einen "Platz neben den Offenbarungen von Augustinus, Petronius, Abälard, Rousseau, Proust" anweist.
Als erste Leseprobe aus den insgesamt 150 Tagebuchbänden, die in einem Brooklyner Bank-Safe liegen, bringt der Hamburger Wegner Verlag jetzt, zwei Jahre nach der amerikanischen Ausgabe, Madame Nins Konfessionen aus den Jahren 1931 bis 1934 auf den Markt. Und auch Rowohlt tut das Seine: Er offeriert 197 Briefe, die Miller zwischen 1931 und 1946 seiner Vertrauten und Gönnerin schickte*.
Er schrieb in. seinen Briefen viel von sich, dieser "Gangster-Autor", der 1930 nach Paris gekommen war und an seinem legendären "Wendekreis des Krebses" arbeitete.
"Gewiß", so gestand er, "ich schwimme in einem unendlichen Meer von Sex, aber die Praxis hält sich in Grenzen." Er trotzte: "Sollen sie sich doch lustig machen über die Emotionalität oder den Mangel an Form und so weiter in den Romanen, wenn ihnen danach zumute ist. Hier wird ihnen ein Stück festes Fleisch geboten, in das sie ihre Zähne schlagen können -- und ich hoffe, es wird ihnen eine Maulsperre eintragen."
Der fast 40jährige Amerikaner in Paris, illustriert Gunther Stuhlmann, Herausgeber sowohl der Miller-Briefe wie der Ninschen Tagebücher, habe in der zerbrechlich wirkenden "petite fille littéraire" die "vollkommene Verkörperung jener weltbürgerlichen Kultur und aufgeschlossenen, intellektuellen Sensibilität (gefunden), nach der Miller in Europa gesucht hatte".
Und an Weltläufigkeit hatte Anais, die das Logbuch ihrer Träume, Erlebnisse, Erkenntnisse, Seelenerforschungen und Beichten mit elf begann, einiges zu bieten. Als Kind hatte sie ihren Vater auf seinen Konzerttourneen durch Europa begleitet, nach der elterlichen Trennung schlug sie sich als Malermodell und spanische Tänzerin durch. 1929 etablierte sie sich in Louveciennes bei Paris und fühlte sich fortan als "Freundin der Künstler, Mutter und Muse, Dienerin und Inspiration".
"Ich weiß, was Mutterschaft ist", schrieb sie damals in ihr Tagebuch. "Ich kenne eine Mutterschaft, die über die biologische Mutterschaft hinausgeht -- ich habe Künstler getragen und Leben und Hoffnung und Schöpferkraft." "Ich lindere", notierte sie, "die Leiden anderer. Ich sehe, mich selbst, wie ich Schläge mildere, Säuren auf löse, Gifte neutralisiere."
"Schreckliches Mitleid" empfand sie denn auch für das "hagere Gespenst" Antonin Artaud, den Erfinder des "Theaters der Grausamkeit". Eine "physische Verbindung mit Artaud" freilich wollte die barmherzige Anais nicht; sie ahnte: "Von Artaud geküßt zu werden, heißt, sich dem Tode nähern, dem Wahnsinn."
Da ließ sie sich doch lieber von ihren Psychoanalytikern lieben, die ihr das unermüdliche Tagebuchschreiben auszureden versuchten -- ohne jeden Erfolg. Denn diese "Linse des Lasters" war ihr allzu teuer. "Dieses Tagebuch", beharrte sie, "ist mein Haschisch, meine Opiumpfeife."
Auch Henry Millers rauschgiftsüchtiger und lesbischer Ehefrau June, die 1931 in Paris eintraf, war sie von Herzen zugetan. Sie sah in ihr "die schön-
* Die Tagebücher der Anaïs Nin 1931 bis 1934". Christian Wegner Verlag, Hamburg; 364 Seiten; 26 Mark. Henry Miller: "Briefe an Anaïs Nin". Rowohlt Verlag, Reinbek; 432 Selten; 26 Mark.
ste Frau der Welt" und bekannte: "June und ich, wir suchen Übersteigerungen und den Wahnsinn Rimbauds." Und sie notierte Junes Klagelieder: "Henry liebt mich mittelmäßig und brutal ... Henry macht aus allen Menschen Romanfiguren, aus mir hat er auch eine gemacht."
"Henry", so erkannte auch Anais Nin, "ist ein Sinnenmensch, ein Anarchist, ein Abenteurer, ein Zuhälter, ein verrücktes Genie." Er "ist ein freundlicher Wilder, der sich nur von seinen Launen und Stimmungen, seinen Rhythmen leiten läßt und die Stimmungen und Nöte der anderen nicht bemerkt". "Henry", schrieb sie, "gibt mir die Welt."
Er gab ihr die Welt der Literatur, obwohl sie seine Schreibweise gar nicht immer schätzte: "Seine Obszönitäten ermüden mich, diese Welt aus "Scheiße, Schwanz, Bastard, Hure", aber ich vermute -- daß die meisten Menschen so reden und leben."
Miller überschüttete sie mit "Lawinen" von "gewaltigen, gewichtigen Briefen" und führte sie zu einer "Vorführung von 66 Arten der Liebe" in sein Pariser Lieblingsbordell. Aber Anaïs, die "unentbehrliche Allzweckfreundin", die für den "Wendekreis"-Autor mit Verlegern verhandelte und ihn oft und gern mit Geld versorgte, verzieh ihrem Henry alles.
Sie wußte: "Henry mit seinen älteren Erfahrungen wacht über mich"
und das war gut so. Denn "wie schwer", klagte Anais, "ist es doch, "aufrichtig' zu sein, wenn ich in jedem Augenblick zwischen sechs oder sieben Ichs zu wählen habe".
Die Wahl mochte schwer sein, ergiebig war sie auf jeden Fall -- das erkannte auch Henry Miller, als er das Tagebuch seiner gelehrigen Schülerin lesen durfte. Er las und jubilierte: "Welche Gefühle!"
* Im Tresorraum ihrer New Yorker Bank mit den Manuskripten ihrer Tagebücher.

DER SPIEGEL 34/1968
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