22.07.1968

BERLIN / OBERBAUMPRESSEZum Kochen

Genossin Christa erfüllte ein Übersoll: In zwei Tag- und zwei Nachtschichten übersetzte sie 93 engbedruckte Seiten aus dem Englischen. 16 SDS-Genossen eiferten ihr nach; auf acht Schreibmaschinen tippten sie den deutschen Text während einer einzigen Nacht.
Dann liefen die Bogen durch eine alte Kleinoffset-Maschine vom Typ "Rotaprint R 30 5". Ungeschnitten und ungeheftet, flüchtig in blauen Karton gefaltet, wurden 1800 Exemplare der Kampf-Broschüre "Revolte der Arbeiter" im Morgengrauen zu einer Kundgebung der Außerparlamentarischen Opposition (Apo) in Berlin geschleppt.
Mit der Tipp- und Schleppaktion half West-Berlins SDS unlängst einem Druckunternehmen, das für die politische Polizei ein ewiges Ärgernis, für die junge Rebellion eine wichtige Sache und für Branchenkundige ein wirtschaftliches Phänomen ist: der "Oberbaumpresse" in West-Berlin.
Denn bei dieser Firma sind die Zahlen so rot wie die Texte. Aber unbeirrt vom Berg der Schulden und unbeeindruckt von der Verfolgung durch die Polizei arbeitet Deutschlands kurioseste Druckerei weiter -- zumeist innerhalb, gelegentlich auch etwas außerhalb der Legalität. Zur Zeit residieren die Untergrund-Drucker an einem den Behörden unbekannten Ort; in einem alten Fabrikgemäuer am Stadtrand, hinter Atelier-Fenstern und einer eisernen Tür, füttern sie ihren Offset-Oldtimer mit Papierresten aus Gelegenheitskäufen.
Die defizitären Drucker verstehen sich als "kritisches Instrument der Neuen Linken", und die linken Studenten bedienen sich ihrer gern, weil -- wie SDS-Mann Bernd Rabehl lobt
"niemand sonst so schnell und so kompromißlos so linke Literatur liefert".
Begonnen hat der Betrieb, vor anderthalb Jahren, vergleichsweise unpolitisch -- mit Pop und Provo-Poems. Damals gründeten die lang- und kraushaarigen Werbe-Studiosi Hartmut Sander, 26, und Martin Dürschlag, 24, in einer ehemaligen Schuhmacherei an der Oberbaum-Brücke über die Spree mit einer Uralt-Maschine eine Druckerei.
Doch ihre Hoffnung, mit den Einkünften ihr Studium finanzieren zu können, erfüllte sich auch nicht, als der Politologe und SDS-Mann Gerd Petermann, 26, einst Betriebsassistent bei Krupp in Darmstadt, nun Philosophie-Student in Berlin, in das Unternehmen eintrat. Mit ihm kam der SDS.
Kurz vor dem Schah-Besuch im Juni letzten Jahres druckte die "Oberbaumpresse" Flugblätter gegen Resa Pahlewi und ihr erstes "Oberbaumblatt" (Verkaufspreis: zwanzig Pfennig), mit dem das FU-Gelände überschwemmt wurde. Inhalt: Kommunarden-Lyrik unter dem Titel "Gott, Schwanz, Vaterland" und politische Fiktion: "Der Schah ist tot -- Farah geschändet!"
Seither erschienen sieben weitere "Oberbaumblätter". Neben Briefen von Che Guevara wurden umfängliche Artikel unter Überschriften wie "Masturbation oder praktische Bewußtwerdung?" und "Das verratene West-Berlin" veröffentlicht -- gezeichnet mit den Initialen "A. J." und "R. S.", hinter denen sich Rudi Dutschke verbarg.
Zudem produzierte das Untergrund-Unternehmen eine "Kleine Revolutionäre Bibliothek" sowie Broschüren über die Oktoberrevolution und den Parlamentarismus (Herausgeber: "Projektgruppe Räte, Berlin"). Nebenher übte die Polit-Presse Solidarität mit rebellischen Schülern, deren Organe "Rote Sophie" und "Roter Turm" sie kostenlos mitdruckte, um den Klassenkampf im Klassenzimmer zu fördern. So geriet die "Oberbaumpresse" zunehmend unter finanziellen Druck: Mittlerweile beläuft sich das Defizit auf 26 000 Mark.
Doch nicht nur Gläubiger und Polizei setzen der "Oberbaumpresse" zu -- neuerdings mucken auch Buchhändler auf, weil die Oberbäumer im Untergrund ihre Publikationen an Studenten und Arbeiter billiger als an die Sortimenter abgeben.
"Einige handeln uns deshalb schon gar nicht mehr", klagt Oberbaum-Mann Petermann. Doch denen entgeht möglicherweise ein Verkaufsschlager, denn der nächste Oberbaum-Band soll bieten: Dutschkes Gesammelte Werke.

DER SPIEGEL 30/1968
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